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28. Februar 2012

Erzählen lernen: Eine eigene Geschichte

 Von Natalie Soondrum
Erzählprofi Walburga Kliem mit zwei Helferchen, die bei kleinen Zuhörern sofort für Aufmerksamkeit sorgen.  Foto: Rolf Oeser

Inspiration ist alles: Kinder können sich an Erzählungen nicht satthören, derer die Eltern längst überdrüssig sind. Warum nicht einfach selbst ein Märchen ausdenken? Unsere Autorin hat sich von einer professionellen Märchenerzählerin inspirieren lassen.

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Erzählen lernen

Workshop mit Walburga Kliem: nächste Termine am 4.3., 14.45 bis 18 Uhr, und am 21.3., 18.45 bis 22 Uhr, in Oberursel, Krebsmühle, Krebsmühle 1. Kontakt unter
www.kliem-training.de, Stichwort Erzählkunst

Auch Michaele Scherenberg aus Frankfurt gibt Erzählworkshops auf Anfrage. Auskunft unter
www.michaele-scherenberg.de
Geübte Märchenerzähler sind auch an jedem zweiten Sonntag im Monat, 15 bis 17 Uhr, beim Märchenforum Frankfurt, Museum der Weltkulturen, Schaumainkai 29-37 zu erleben. Sie lesen Märchen aus aller Welt. www.maerchenforum-frankfurt.de

Die Märchen-Stiftung Walter Kahn bietet an der Goethe-Uni Frankfurt eine Ringvorlesung an. Im April: 11.4., Hans-Heino Ewers: „Märchen – (k)ein romantischer Mythos? Zur Umdeutung einer Gattung durch die Brüder Grimm“; 18.4., Alfred Messerli: „Giambattista Basiles Pentamerone und die Brüder Grimm“; 25.4., Andreas Krass: „ Geschlechterverhältnisse in Eduard Mörikes Historie von der schönen Lau“.
Jeweils 18.30 bis 20 Uhr, Hörsaalzentrum Campus Westend, HZ 6
www.maerchen-stiftung.de


Wir waren junge Eltern, Studenten, und saßen in unserer winzigen Küche, in die so eben ein Bistrotisch und eine Sitzbank aus einem alten VW-Bus passten. Auf einem klapprigen Gasherd produzierten wir das leckerste Essen, das Kind hüpfte auf der Bank auf und ab. Abend für Abend griffen wir nach einem Buch und lasen abwechselnd laut vor. „Erzähler der Nacht“ von Rafik Schami war die Geschichte vom alten Kutscher Salim, einem berüchtigten Märchenerzähler in Damaskus, dem eines Tages die Erzählfee und damit die Stimme abhandenkamen. Genau 21 Worte blieben ihm, um sein endgültiges Verstummen zu verhindern.

Abgesehen davon, dass wir vorlesen mussten, da keiner von uns den „Erzähler der Nacht“ auswendig konnte, war dieses verschachtelte Märchen mit seinem anarchischen Humor ein ganz anderes Erlebnis als das Grimm’sche Märchen „Die drei Federn“, das ich dem Kind, als es noch in den Kindergarten ging, vor dem Schlafengehen frei erzählt hatte. Das war eine Geschichte von einem König, der seine drei Söhne aussendet, um die schönste Prinzessin zu finden, und von einer Kröte, die sich in eine ebensolche verwandelt. Es war kurz genug, dass ich es mir merken konnte, und das Kind wurde niemals müde, es wieder und wieder anzuhören.

Märchen können eine Brücke sein

Mit der winzigen Küche und den jungen Eltern ist es längst vorbei. Der Mode folgend gingen wir dazu über, Patchwork-Familien zu leben. Es gibt jetzt einen mittelalten Mann und eine mittelalte Ex-Studentin, die vier jugendliche bis erwachsene Kinder haben, aber kaum eine gemeinsame Geschichte. Keine 20 Weihnachtsfeste, keine alten Kalauer zu Ostern, keine gemeinsamen Badeferien.

Rafik Schami schrieb in der Zwischenzeit noch viel. Im Buch „Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte“ ließ er sich sehr schön über das Wesen und die Wirkung von Märchen aus. So heißt es im Kapitel „Eine zauberhafte Brücke nur für Kinder“: „Die Brücke heißt Märchen und sie verbindet Völker, Orte und Zeiten. Sie ist in ihrem mündlichen Ursprung älter als viele Religionen und Philosophien, und sie ist unvergänglich.“

Von diesen Worten inspiriert, eher mit einer Ahnung als mit einer konkreten Idee im Kopf, bot sich mir bald darauf eine Gelegenheit. Auf einmal sitze ich in einer Gruppe fremder Menschen einer Frau mit einer wunderbaren Stimme gegenüber. Da ist zunächst dieser helle, zarte Klang, dann fallen zunehmend kehlige Nuancen auf, etwas Raues, das nicht gepresst klingt, sondern so richtig aus dem Bauch aufsteigt. Wenn es eine von Natur aus geeignete Erzählstimme gibt, dann diese. Ich kann mich nicht satthören.

Das Märchen aber, „Dornröschen“, ist ein uralter Hut. Warum hängen wir dann alle an ihren Lippen? Es muss diese Brücke sein, von der Rafik Schami spricht. Der Teppich, den die Sprache webt.

Mut fassen und anfangen

Diese Frau heißt übrigens Walburga Kliem. Sie ist professionelle Märchenerzählerin und hilft anderen Menschen dabei, selbst Geschichten zu erfinden und sie zu erzählen. Ein Workshop mit ihr ist im allerbesten Sinne Zeitverschwendung. Denn das ist der große Luxus beim Märchenerzählen, dass man dabei eine Wahrnehmung bekommt für die Zeit, die man hat, die man sich wie Sand lustvoll durch die Finger rieseln lässt und die so kostbare Erinnerungen stiftet.

Walburga Kliem ist eine Schatzkiste an kleinen Anekdoten. Nebenbei hat sie natürlich ein paar handfeste Ratschläge, etwa den, kurze Sätze zu bilden oder eine Märchenbausteinkiste anzulegen mit Kärtchen, auf denen Stichworte stehen wie „Königin mit Kochlöffel“. Doch ihr ultimativer Ratschlag fürs Erzählen lautet: „Nehmen Sie Ihren Mut zusammen und fangen Sie einfach an!“ Das liest sich vielleicht ein wenig flach, so klingt es aber in diesem Workshop überhaupt nicht. Der Ratschlag ist elektrisierend.

Die mittelalte Ex-Studentin hat eine Idee geboren: Wir, die Eltern und die vier Kinder, wir werden demnächst an dem langen Tisch sitzen vor der Kochinsel der Designerküche. Und wir werden uns nach dem Essen reihum etwas erzählen, so erfunden oder wahr, wie es einem jeden gefällt. Wir werden einen Teppich weben aus Zeit, Sprache und Erinnerungen. Wir werden eine Geschichte haben.

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