Mit sieben wurde mein Bruder zu Karneval Cowboy. An sich nichts Besonderes, aber er trug eine Lederweste, die ihm nur knapp über die Brust reichte. „Büstenhalter“, spotteten wir großen Schwestern. Geschneidert hatte das Stück unsere Mutter – ein größerer Lederrest war halt nicht zur Hand gewesen.
Ich war damals 13 und von Karneval nicht mehr wirklich zu begeistern. Aber mir tat mein Bruder leid, der sich mit diesem Kostüm unendlich blamieren würde. Also setzte ich durch, dass ihm eine ordentliche Weste gekauft wurde, aus Lederimitat und mit aufgedruckten Knöpfen. Schließlich reichte es, dass ich selbst mit hausgemachten Kostümen schlechte Erfahrungen gemacht hatte.
Es waren die späten 60er, genauer gesagt 1969. Karneval – und nur so hieß das bei uns am Niederrhein – war ein Ereignis. Wir legten unsere Kostüme von Altweiberdonnerstag bis Aschermittwoch praktisch nicht ab, waren ständig auf der Straße als Cowboys, Indianer, Prinzessinnen unterwegs. Prinzessin wollten auch meine Schwester und ich, knapp drei und vier Jahre alt, unbedingt werden.
Alte Gardinen, Häkelponchos und Wollmützen
Doch es blieb beim Traum vom rosa Tüllkleid, das im Ladenzentrum neben unserem Hochhaus hing. Mutter und Tante hüllten uns in alte Gardinen. Darüber kamen unsere bunten Häkelponchos, und wegen der Kälte mussten wir auch noch Wollmützen tragen.
Dass in deren Lochmuster bunte Papierblumen gesteckt wurden, machte es für uns nicht besser. Denn es fehlte: die Krone. Nicht alle Prinzessinnen hätten eben Kronen, erklärten uns die Erwachsenen. Und alle, die uns so verkleidet sahen, waren entzückt. Die anderen Kinder allerdings nicht, die guckten schräg. „Prinzessinnen wollt ihr sein? Mit Blumenmützen?“
Zwei Jahre später aber – von der Karnevalssaison dazwischen ist keine traumatische Erinnerung geblieben – wurde es wirklich schlimm: „Ihr seid ja gar keine richtigen Zwerge!“ war das vernichtende Urteil der Nachbarskinder, als wir in selbstgenähten Kostümen auf die Straße kamen. Und wir mussten zugeben, dass unsere spitzen Hüte schlapp abknickten, statt in die Höhe zu stehen wie die gekauften aus Filz. Unsere Mutter hatte hehre Motive: Das Geld war knapp, und außerdem sollten wir ganz besonders fantasievoll aussehen. Doch wir wollten nicht von den Erwachsenen bewundert werden, sondern von den anderen Kindern.
Wer Kostüme trotzdem selbst machen will, erhält Tipps im Internet, zum Beispiel auf www.eltern.de.
Für kleinere Kinder findet sich hier beispielsweise die Anleitung für ein Drachenkostüm aus Velourflausch zum Selbernähen. Wenn der Nachwuchs lieber Frosch wird oder Gans - kein Problem, es gibt jede Menge Schnittmuster.
Ein ganz schnelles Kostüm ohne Nähen ist Mickey Maus für Kinder von sechs bis acht Monaten. Aufwendig ist das Stirnband (mit Ohren!) aus einer schwarzen Formfilzplatte.
Für die Größeren im Kindergarten- und Schulalter gibt’s Anleitungen für Neptun in grünem Satin, eine Meerjungfrau in Folienjersey oder eine Teufelin in rotem Lackleder.
Das Vampirkostüm mit schwarzem Umhang und weißen Handschuhen könnte für Jugendliche interessant sein. Es gibt auch Schminktipps und die „schrägsten Kostüme für Babys“: Hier werden die Allerkleinsten als Chilischote, Wunderbäumchen oder Hotdog hergerichtet.
Zubehör findet man zum Beispiel auf www.buttinette-fasching.de oder www.karneval-megastore.de. Dort kann man auch einfach fertige Kostüme ordern.
Bücher mit Anleitungen: „Einmal König sein! Kinderkostüme selber nähen“ von Emma Hardy, Verlag Oz Creativ, 16,95 Euro; „Spiel und Spaß mit Masken und Kostümen. Über 50 tolle Ideen zum Basteln, Malen, Nähen, Kostümieren“, von Angela Wilkes und Karl-Heinz Graf von Rothenburg , Loewe Verlag, 19,90 Euro; „Faschingskostüme für Kinder selber nähen“ von Ute Hammond, Christophorus-Verlag, 12,90 Euro.
Solche Schmach sollte mein kleiner Bruder nicht erleben. Und auch nicht meine eigenen Kinder viele Jahre später. Nie würde ich ihnen Kostüme nähen. Also kaufte ich meiner Tochter den rosa Traum aus Tüll, als sie mit vier Prinzessin werden wollte. Und dazu eine Krone aus Schnörkel-Metall.
Weil solche Verkleidungen aber ganz schön teuer sind, gab es nur alle zwei Jahre eine neue. Ihr nächstes Kostüm war ein Hexenkleid mit Einsätzen aus sackartigem Jutestoff. Für den Kopf ein spitzer schwarzer Filzhut, der munter nach oben stand.
Für meinen Sohn sollte es zuerst die Ritterrüstung sein. Wichtiger als das Kettenhemd aus Stoff waren für ihn die Accessoires, diverse Speere und Schwerter. Später wurde er Indianer, dann Cowboy – mit langer Weste und Revolver (auf den mein Bruder damals in Zeiten der Friedensbewegung hatte verzichten müssen).
Star-Wars-Clone gibt's fix und fertig zu kaufen
Letztes Jahr haben wir dann doch noch ein bisschen gebastelt und das Outfit meiner Tochter als Star der 20er Jahre selbst zusammengestellt: ein schwarzes Kleid aus meinem Schrank, Pailletten-Stirnband, weiße Federboa und lange Handschuhe. Den ersten Preis auf dem Unterstufen-Ball bekam aber natürlich ein anderer: für ein selbst gemachtes Fantasiekostüm aus lauter bunten Papp-Stacheln.
Dieses Jahr will mein zehnjähriger Sohn Star-Wars-Clone werden, das Kostüm gibt es fix und fertig zu kaufen. Obwohl er nichts gegen ein selbst genähtes hätte – sagt er. Meine Tochter, elf, will „als Frucht oder Tasse“ gehen, „etwas Lustiges“ eben. „Ich wüsste nicht, wie man das selbst machen kann“, sagt sie. Sehe ich auch so.