Zum 18. Mal gastieren bei dem Festival „Starke Stücke“ europäische Kinder- und Jugendtheatergruppen im Rhein-Main-Gebiet. Bereits Zweijährige können sich vom 6. bis 16. März Puppentheater, Märchen oder Tanz anschauen. Das Spektrum ist groß, und für jedes Alter wird etwas geboten.
Ein Schwerpunkt des Kinder- und Jugendtheaterfestivals „Starke Stücke“ ist in diesem Jahr Tanztheater. Gibt es hierzulande generell mehr Tanzstücke für junge Zuschauer?
Beim Kinder- und Jugendtheaterfestival „Starke Stücke“ sind insgesamt 18 verschiedene Produktionen aus Europa zu sehen. Dieses Konzept ist bundesweit einzigartig. Im vergangenen Jahr besuchten rund 7000
Zuschauer das Festival.
Neben Frankfurt, Darmstadt, Hanau, Offenbach oder Aschaffenburg treten die Gruppen auch in kleineren Städten im Taunus, in Dreieich oder Rüsselsheim auf. Karten für die einzelnen Aufführungen gibt es beim jeweiligen Veranstalter am Spielort.
13 Pädagogen bieten rund 40
Theater-Workshops für Schulklassen und Kindergruppen an. Auch für
Lehrer und Erzieher gibt es Fortbildungen.
Das komplette Programm und alle Adressen sind im Internet zu finden: www.starke-stuecke.net
Köhler: Schön wär’s, aber die meisten modernen Tanztheaterstücke kommen aus dem benachbarten Ausland, Belgien, Holland oder Dänemark. Allerdings haben wir in Frankfurt im Vergleich zu anderen Städten verhältnismäßig viele Tanzproduktionen. Es gibt das Ensemble von Johanna Knorr oder die Choreographin Célestine Hennermann. Auch „Exit“ vom TheaterGrueneSosse bewegt sich an der Grenze von Tanz und Theater.
Wie gut nehmen denn Kinder und Jugendliche Tanztheater an? Oft ist diese Darstellungsform ja recht abstrakt …
Köhler: Bei „Exit“ funktioniert es wunderbar. Es geht um das Thema Trennung der Eltern, angefangene Sätze werden durch körperliche Gesten beendet, es entsteht ein Strom von Bildern. Aber bei den Zuschauern lösen sie ganz eindeutige Assoziationen aus. Der Tanz liefert in unserer komplexen Bilderwelt neue Sichtweisen und ist in der Lage, das Unsagbare auszudrücken.
Freiling: Je kleiner die Kinder sind, desto weniger Probleme haben sie mit Abstraktionen, sie gucken einfach – ganz ohne Erwartungen oder das Bedürfnis, verstehen zu wollen. Die besondere Kunst ist es aber, durch den Tanz etwas zu erschaffen, was die Kinder berührt. Gerade für Jugendliche wird Tanz dann hochspannend, wenn es darum geht, sich selbst auszudrücken. Wichtig ist, dass sie ihre Lebenswelt wiederfinden. Das ist dann nicht mehr abstrakt, sondern sehr konkret.
Blickle: Bei einem internationalen Festival ist Tanztheater interessant, weil nicht alle Altersgruppen mit englischen, französischen oder spanischen Texten etwas anfangen können.
Können Besucher auch selbst Tanzerfahrung sammeln?
Köhler: Erik Kaiel, ein Shootingstar unter den Choreographen, wird Workshops an Schulen geben. Mit seiner zeitgenössischen Form der Kontaktimprovisation richtet er sich explizit an junge Menschen.
Freiling: „No Man is an Island“ ist eine Mischform, weil Kaiel zunächst mit seinem Partner 15 Minuten eine professionelle Aufführung macht, übrigens ohne dabei jemals den Boden zu berühren. Das ist wie ein Impuls …
Köhler: … für das Publikum zu schauen, was für Bewegungen das Gesehene eigentlich in ihm auslöst.
Welche Art von Tanzstücken zeigen Sie?
Blickle: Das ist unterschiedlich. Sehr sinnlich ist „Alice“, das die Reise ins Wunderland nacherzählt. Abstrakt aufgebaut ist dagegen das Stück „Parade“, bei dem drei Tänzer sich ganz synchron zum Radetzky-Marsch bewegen bis jemand aus der starren Form ausbricht.
Spielt bei den Stücken das akrobatische Ausloten von Körpergrenzen eine Rolle?
Köhler: Nein, im Vordergrund muss immer die Geschichte stehen, die der Tanz transportiert. Nur Schönes zeigen, reicht nicht.
Freiling: Aber Kinder sehen natürlich auch gern mal Kunststücke, die sie selbst nicht fertigbringen. Die Kompagnie Cie Circ’ombelico aus Belgien erzählt allerdings genau damit eine Geschichte. Das Stück „Da/Fort“ spielt in einem engen Oldtimer-Truck. Es gibt Türen, Fenster, Klappen, und die zwei Artisten machen darin Akrobatik, dass es einem ganz anders wird. Sie turnen aufeinander, einmal lässt er sie vornüber fallen und fängt sie wenige Zentimeter über dem Boden wieder auf. Das erzählt was über Enge und Ausgeliefertsein, aber auch über Vertrauen und Liebe.
Welche Neuerungen erwarten die Zuschauer außerdem bei den „Starken Stücken“?
Köhler: Wir haben mehr fremdsprachige Stücke. „Storia di una familia“ ist italienisch, „La Chambre de Camille“ französisch und „Help“ englisch.
Freiling: Bei großartigen Stücken macht es auch nichts aus, wenn man den Text nicht ganz versteht. Das geht mir jedenfalls auf Festivals so.
Blickle: Da unsere Region außerdem ausgesprochen international ist, kommt das Angebot gut an, etwa bei bilingualen Kindergärten und Schulen.Die Themenvielfalt von Kindertheater ist ja enorm. Gibt es überhaupt noch Lücken?
Freiling: In Frankreich habe ich ein tolles Stück für Kinder ab fünf Jahren zur Geschlechteridentität gesehen. Das war überhaupt nicht platt. Differenziert zu zeigen, dass es mehr gibt als zwei Schubladen, in die du reinpassen kannst, das ist wichtig. Zu dem Thema gibt es sonst noch nicht so viel.
Welches Stück darf man auf keinen Fall verpassen?
Köhler: „Help“ im Theater Rüsselsheim, bessere Livemusik als bei den Beatles!
Freiling: Das ist großes Musiktheater mit vielen Beatles-Songs. Es geht um Freunde, die eine Band gründen und zu den berühmtesten Musikern aller Zeiten werden. Erzählt wird auch, was man unterwegs verliert. Ein Freund, der nicht so gut am Instrument ist, wird ausgetauscht.
Blickle: In dieses Stück kann man problemlos mit drei Generationen gehen.