Claudia Bosse, die international mit neuen Darstellungsformen experimentiert, will den öffentlichen Raum zwischen Frankfurter Dom und Schirn in Unordnung bringen. Von heute an wird sie Autowracks aufstellen und eine Woche lang bearbeiten. Die Performance gehört zum Programm der Ausstellung „Demonstrationen. Vom Werden normativer Ordnungen“, die derzeit im Frankfurter Kunstverein zu sehen ist.
Frau Bosse, was wird bei Ihrer Performance Installation „Burning Beasts“ passieren?
Claudia Bosse studierte Regie an der Hochschule Ernst Busch in Berlin und ist künstlerische Leiterin von Theatercombinat mit Sitz in Wien, mit dem sie in Schlachthöfen, Rohbauten, Theatern oder Baugruben neue Darstellungsformen von Theater und Interventionen im öffentlichen Raum erprobt. Claudia Bosse setzte Projekte in Wien, Hamburg, Berlin, Genf, Tunis, Düsseldorf und Prag in Szene. 2011 entwarf sie unter anderem „The Tears of Stalin“ für die Quadriennale Prag.
Die Performance-Installation „Burning Beasts“, die ab heute auf dem Gelände zwischen dem Frankfurter Kunstverein und dem Dom entwickelt wird, ist am 17. und 18. Februar, jeweils 19 Uhr, zu sehen.
Mit einem Team von acht bis neun Studenten, Technikern und Theatermachern werden ich eine Skulptur aus zehn Autowracks inszenieren, die den Weg vom Kunstverein bis zum Dom markieren. Wir werden sie umbauen, vielleicht auch mit brachialer Gewalt verformen und mit Klängen, Musik, Interviews, O-Tönen und Sprach-Fragmenten zum Thema Demokratie und Revolution zum Sprechen bringen. Das ist ein Prozess, an dessen Endpunkt die Performance steht, die am kommenden Samstag zu sehen sein wird.
Schon der Titel assoziiert Zerstörung. Um was geht es Ihnen?„
Burning Beasts“ bezieht sich einerseits auf die kleinen Biester im Kopf, Lebensvorstellungen, Ideologien, Moral, die auch in den Hirnen der aufgeklärten Bürgerschaft einengende Linien ziehen. Ich finde es interessant, die ein wenig durcheinanderzubringen. Und der Titel spielt auf ein in den Medien immer wieder gezeigtes Sinnbild für Chaos und gewaltsame Proteste an: Das Bild brennender Autos scheint deutlicher für die Bedrohung der öffentlichen Ordnung zu stehen als die Nachricht, dass jemand in den Vorstädten erschossen wurde.
Wen wollen Sie erreichen?
Alle. Durch den Prozess dieser Aktion treten zunächst wir als Team in einen Dialog, dann mit den Besuchern, die gezielt kommen, sowie den zufälligen Passanten, die vielleicht neugierig werden. Ich will beobachten, wie sich die Menschen verhalten. Ich habe keine Lösung, sondern möchte ein Feld schaffen, in dem Fragen Raum haben. Fragen, wie sie beispielsweise auch im Kontext der Ausstellung im Kunstverein gestellt werden: Wie werden gesellschaftliche Vereinbarungen ausgehandelt? Wie lässt sich wieder eine öffentliche Sprache finden in unserer Gesellschaft, in der sich das Individuum oft ohnmächtig fühlt?
Kunst wird zunehmend wieder politisch. Was kann sie für die Bewegungen tun, die im vergangenen Jahr die Welt erschüttert haben?
Die Kunst bewegt sich in einem anderen Feld als politischer Aktivismus. Sie untersucht Erscheinungsformen politischer Ordnung, analysiert politische Strukturen und kann nach meinem Verständnis aber keine Handlungsanweisungen erzeugen. Kunst wirkt, indem sie Irritationen und Gedanken in dem Einzelnen auslöst, kann aber nicht an einer unmittelbaren politischen Brauchbarkeit gemessen werden.
Wäre es dann in Umbruchzeiten nicht wichtiger, sich politisch zu engagieren?
Das kann durchaus sein. Im vergangenen Herbst habe ich in Kairo gearbeitet. Über Interviews erfuhr ich, dass viele Künstler während der Revolution erst einmal aufgehört haben, Kunst zu machen, weil sie sich politisch engagieren wollten. Für mich als Künstlerin war es spannend, die Dynamik dieser Veränderungen zu untersuchen, wie sich aus Missständen, Zufällen und Bedürfnissen diese enorme Sprengkraft entwickeln konnte, die bis in unsere repräsentative Demokratie hineinwirkt.
Inwiefern?
Die Staaten des Arabischen Frühlings, so unterschiedlich die Situation dort ist, können für uns ein Ort zum Lernen sein, was das Bewusstsein für politische Partizipation angeht. In unserer Parteiendemokratie glaubt niemand mehr, dass er wirklich Einfluss nehmen kann.
Occupy-Demonstranten haben an der Ausstellung im Kunstverein kritisiert, dass darin Protest zur auszustellenden Ware werde. Ist dieser Vorwurf eines elitären Diskurses berechtigt?
Kunst kann und soll sich mit politischen Bewegungen befassen, kann aber diese nicht vertreten, repräsentieren und sich vor allem nicht darüber als Kunst legitimieren oder diese vereinnahmen. Kunst ist immer zugleich politisch, elitär und für alle da.
Trotzdem gibt es auch in Frankfurt Orte, das Gallus-Viertel zum Beispiel, an denen man ein breiteres Publikum direkt erreichen könnte.
Das mag sein. Ich kenne Frankfurt nicht. In Wien war ich mit Interventionen im öffentlichen Raum auch in sozialen Brennpunkten unterwegs. Das setzt aber genaue Kenntnisse des Stadtraums voraus, die ich in Frankfurt nicht habe. Aber der Raum zwischen Kunstverein und Dom – aktuell eine Schnittstelle von religiösem, geschichtlich-politischem und künstlerischem Zentrum sowie die Baustelle mitten in der Altstadt – ist ja auch ein sehr interessanter Ort.