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Das Erlebnis Sauna: Freiwilliges Schwitzen

Das Thermometer klettert auf 50 Grad, 80 Grad oder 100 Grad Celsius. Die Deutschen lieben Sauna, Aufgüsse und Körperaufstriche. Geschwitzt wird akribisch nach Uhr - eine rein deutsche Sitte. FR-Autorin Nicole Schmidt plaudert aus dem Schwitzkästchen.


Foto: ddp

Tür zu. Und die Welt versinkt im angenehmen Nebel. Es dampft und tropft aus allen Ecken dieser halbdunklen Höhle. Eine wohltuende Hitze umfängt den Körper, lullt den ganzen Menschen ein. Die Haut schmatzt. Sie will mehr von dem Joghurt-Sahne-Aloe-Breichen, mit dem sie gerade eingerieben wird. Allmählich fängt sie an zu schwitzen. Ganz gemächlich laufen die Schweißperlen am Körper herunter, jede beladen mit Hektik und Stress.Und der Atem wird ganz frei.

So schonend und sanft wie im „Kur Royal“ in Bad Homburg hat mich noch nie eine Sauna ins Schwitzen gebracht. Keine ist dort heißer als 55 Grad. Ich aber bin eher der 80-Grad-Typ: Meistens sitze ich auf der mittleren Bank in der finnischen Sauna, zwölf Minuten halte ich locker aus. Aufguss, bitte gerne.

Wenn der Saunameister allzu sehr mit dem Handtuch wedelt, klettere ich eben eine Stufe tiefer, senke den Kopf und halte die Luft an. Selbst die Eisdusche nehme ich mit Kreischen auf mich. Denn am besten ist das Gefühl danach: Wie runderneuert. Deshalb gehört Saunieren für mich zum Herbst wie Kastanien und fallende Blätter. Nicht nur, um der Kälte zu entkommen, sondern auch, weil ich weiß, wie gesund es ist. Die Adern weiten sich, die Muskeln entspannen, das Immunsystem wird gestärkt, die Haut gereinigt, der Blutdruck sinkt, und der Körper schüttet Glückshormone aus.

Schlank und gut, aber man will ja auch mal was Neues ausprobieren. Vielleicht Hardcore-Saunen wie die Saunaritter mit Sitz in Maintal im Main-Kinzig-Kreis, deren Adresse ich im Internet fand?

„Klar, kommen Sie doch Mittwoch abend in die Saunaburg nach Rödermark, da trainieren wir immer ab 18 Uhr für Saunameisterschaften – und auch andere können kommen“, lud mich Bernhard Strohmeier ein. Er ist der erste Vorsitzende einer fidelen Gemeinschaft von 23 Saunafans aus dem Rhein-Main-Gebiet, die es gerne sehr heiß mögen.110 Grad ist die Trainingstemperatur – und dazu in einem fort Aufgüsse wie „Schlag den Klaus“.

Klaus, das ist der Saunameister in der Saunaburg. Der gießt so heiß auf, wie er kann. Schafft er es, zwei Drittel der Saunritter von der obersten Reihe zu holen, gehört ihm der Sieg. Das komme nur selten vor, sagt Bernhard, der Obersaunaritter. Er selber habe schon 185 Grad ausgehalten, bei einem Spaß-Wettkampf in Finnland. „Auch noch mit verschiedenen Aufgüssen drin. Das war schon sehr anstrengend. Nach einer Tasse Wasser schrien alle“. Er habe sieben Minuten ausgeharrt. „Das ging aber nur mit Filzhut, weil die Hitze sonst zu sehr an den Ohren zerrt“. Danach in die fast zugefrorene Ostsee zu springen, war wie eine Erlösung.

Aber das sei Leistungssport und Wettbewerb – seine Wohlfühl-Temperatur liegt bei 100 Grad. „Darunter mag ich es nicht so. Da muss ich dann so lange sitzen und das geht mir auf den Kreislauf“, sagt der Betriebswirt, der im Jahr locker 1000 Aufgüsse mitmacht. Er und die anderen Saunaritter halten es lieber ursprünglich, so wie die Finnen: Viel Wasser, wenig Duft, und lieber kurz und heiß als lang und warm.

Von all den Saunaregeln hält der Obersaunaritter wenig. „Mein Tipp ist, vorher duschen, reingehen und einfach selbst spüren, wie lange man sich wohlfühlt. Wenn es einem unangenehm wird, der Kreislauf nicht mehr so recht mitmacht, rausgehen und keinesfalls mit Gewalt versuchen, irgendeine vorgegebene Zeit abzuwarten.“ Ein lauwarmes Fußbad und etwas Ruhe? „Brauchen wir nicht“, sagt Bernhard. „Wir nehmen einen kalten Guss, ein kühles Getränk und besprechen den Verlauf des Aufgusses.“

Damen-Weltmeistertitel

Ob ich denn nun komme, fragte Bernhard. Auch Frauen könnten in dieser Disziplin Spitze werden. Seine Freundin Michaela Butz etwa aus Rödermark erschwitzte sich im August mit 3:52 Minuten bei 110 Grad den Sauna-Weltmeistertitel der Damen in Finnland. Ich lehnte dankend ab. Irgendwie wurde mir bei dem Gedanken, mich wie ein Hummer zu fühlen, der ins siedende Wasser geworfen wird, ein bisschen flau.

Und deshalb landete ich im „Kur Royal“ in Bad Homburg. Hier gibt es keine klassische Finnnische Sauna, kein Aufgussmeister lässt mit seinem Gewedel die Luft brennen. Hier stehen Entspannung und sanftes Schwitzen im Vordergrund, schonend sollen die Durchblutung angeregt, und Haut- wie auch Atemwege gereinigt werden. Bloß den Kreislauf nicht belasten.

Der Rahmen dafür ist luxuriös. Das altehrwürdige Kaiser-Wilhelmsbad, in dem erst Fürsten und Könige und dann Kassenpatienten kurten, wurde dafür geschmackvoll zum lifestyligen „Day-Spa“ umgemodelt, ohne die alte Struktur mit den Säulen, Bögen und Kuppeln zu zerstören. Warme Farben, glatter Marmor, Mosaiken, Nymphen, flauschige Handtücher empfangen die Gäste. Mehr als 75 dürfen nicht hinein. Sobald ich den orangefarbenen Sarong trage – eine Leihgabe des Hauses –, gehöre auch ich dazu und wandle durch die Gänge.

Wo Tannenzweige duften

Schon draußen vor dem „Heudampfbad“ riecht es nach Heu. Im Steinofenbad plumpsen heiße Steine ins Wasser. Das erzeugt Wasserdampf, der gleich vernebelt wird, erklärt ein freundlicher Masseur. Nebenan könnte man in der „Aqua Saline“ mit aufgeschichteten Ästen und dicker weißer Salzkruste inhalieren oder einen Stock tiefer im Ruhebereich mit wechselndem Sternenhimmel sinnieren.

Ich wähle das Kräuterdunstbad, wo Tannenzweige auf dem Boden duften und ätherische Öle in einer Wasserschale verdampfen. Nie mehr aufstehen. Aber der Masseur legte mir ja noch das Sand-Licht-Bad ans Herz. Da ruhe ich auf heißem Sand, lasse mir die künstliche Sonne ins Gesicht scheinen. Es ist Mittag. Heiß. Augen zu. Ich höre wirklich das Meer rauschen. Möwen kreischen. Und das in Bad Homburg. Wie auf einer Wolke gebettet, spaziere ich später hinaus.

Tür auf. Draußen schüttelt mich ein kalter Wind. Gleich nächste Woche will ich wieder schwitzen. Bei 80 Grad? Ich bitte Sie. Ich weiß noch eine andere Alternative: den Hamam.

Autor:  Nicole Schmidt
Datum:  14 | 10 | 2010
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