Schlürf. Sprutzel. Gluck. Hmm, schmeckt nach Schluff. Oder doch Schleichsand? Ein bisschen Rupelton? Eine Spur Cyrenenmergel? Na ja, lecker Tröpfchen halt, dieser Wickerer Nonnberg. Leckerer als Hattenheimer Schützenhaus? Puh, schwere Frage. Noch ’nen Schluck von jedem.
„Der Boden auf der Zunge“, so übersetzen Weinexperten den Begriff Terroir. Dabei handelt es sich aber um mehr als den Untergrund, auf dem die Rebe steht und den die wörtliche Übersetzung aus dem Französischen hergibt. Gemeint ist die Einheit von geologischen Bodeneigenschaften, Topographie (etwa Steilhang oder Tallage), Makro- und Mikroklima und der Arbeit des Winzers. Oder auch des Bauern, denn im Französischen wird Terroir bei weitem nicht nur für Wein verwendet, sondern auch für das, zu dem man ihn trinkt: für Käse, Wurst, Gemüse und den Kaffee danach.
Es geht um Wissenschaft, nicht um Korinthen
Die Forschungsanstalt für Wein- und Gartenbau in Geisenheim im Rheingau hat ein Experiment angestellt: An sechs Standorten bauen Winzer Riesling-Trauben an, die Geisenheimer Kellermeister nach der Lese in einem standardisierten Verfahren mit einer neutralen Hefe in Wein verwandeln. Kenner könnten kritisieren, dass die standorttypische Hefe zum Terroir gehört, aber hier geht es um Wissenschaft, nicht um Korinthen. Darauf noch ein Gläschen Lorcher Bodental-Steinberg.
Sechs schön etikettierte Weine kamen heraus, die sich vor allem dadurch unterscheiden, dass ihre Reben auf verschiedenen Böden stehen: Löss, Sandlöss, Quarzit, Quarzit mit Schiefer, Ton und Auensediment. Man kann sie auch kaufen, am besten im Sechser-Sortiment samt einer Broschüre dazu. Denn dann kann man daheim im Vergleichstest die Geschmacksknospen trainieren, am besten in geselliger Runde.
Ein Wein mit einer großen Bandbreite verschiedener Fruchtaromen
Löss steht im Ruf, unheimlich fruchtbar zu sein und kraftvolle, reife Weine hervorzubringen. Kein Wunder: Das feinkörnige Sediment, in Eiszeiten angeweht, ist locker und mineralstoffreich, Reben-Wurzeln reichen tief in wasserspeichernde Schichten. Heraus kommt ein Wein mit „einer großen Bandbreite verschiedenster Fruchtaromen. Es dominieren Noten von Pfirsich und tropischen Früchten“, steht in der Terroir-Broschüre. Pfirsich? Noch mal nachschenken. Oder Melone?
Aber Kenner sind Sadisten: Sie gönnen es Reben nicht, wenn sie es so leicht haben wie auf Löss. Der Tropfen soll edler werden, wenn der Weinstock kämpfen muss. Etwa im harten Quarzit, der sich von Assmanshausen die Taunushänge hinaufzieht. Er quält die Rebe: enthält wenig Wasser, wenige Mineralien, macht es den Wurzeln schwer. Dafür wird er in der Sonne schön warm.
„Coca-Colaisierung“
Die Weine, die hier wachsen, sind leichter, spritziger, mit jener frischen Säure, die Riesling-Trinker mögen (also doch Sado-Masochisten), einem „Hauch von Zitrone“ sowie „der Zurückhaltung der frischen Fruchtaromen und des schlanken Körpers“. Ob der Trinker einen ebensolchen behält, hängt davon ab, in welchen Maßen er sich dem Konsum hingibt.
Mehr als 20 Winzer gibt es mittlerweile im Rheingau, die auf dem Etikett den Boden besonders hervorheben. Es gedeiht eine Gegenbewegung zu dem, was vielen Weinfreunden als „Coca-Colaisierung“ sauer aufstößt: dass Winzer es auf einen Einheitsgeschmack, auf den typischen Riesling, den typischen Grauburgunder anlegen, der überall auf der Welt angebaut sein könnte, statt die Eigenheiten ihrer Reben zu fördern.
Der Boden macht doch einen Unterschied
Auf Ton wird der Wein „weniger stoffig, als es der schwere Boden erwarten lässt“. Ton ist feucht, kühl, schlecht durchlüftet – das erträgt nur eine Rebe, deren Wein dann „schnörkellos, direkt und kernig wirkt“. Sandlöss bringt dagegen „feine filigrane Fruchtaromen“ hervor, „der Duft nach Nektar setzt einen interessanten Akzent“.
Und, schmeckt man’s? Schon, doch, ja. Vielleicht nicht jedes Detail der „Maracuja-Noten und reifen gelben Früchte“ oder der „lagentypischen Graphitnote“. Aber mit der Terroir-Broschüre neben dem Glas lässt sich viel lernen über Geologie und Geschmack, über den Rigolhorizont und das komplexe Spiel von Süße und Säure. Wenn die Zeilen vor den Augen verschwimmen, ist Schluss. Dann schmeckt eh alles gleich.