Die Sixtinische Kapelle mit den berühmten Fresken Michelangelos hat er nie gesehen. Doch der Marburger Künstler Horst von der Wege ist der wohl einzige Kunstlehrer in Hessen, der Unterricht in Freskomalerei gibt.
In den 70er Jahren stieß der Künstler, der in seinem Leben auch als Maschinenbauer, Architekt und Medizinpädagoge gearbeitet hat, auf die Fresken in den großen Kathedralen und den kleinen Kirchen Frankreichs. „Da kann man sehr gut sehen, wie die Fresken erhalten sind“, sagt von der Wege, der jahrelang ein Atelier in der Bretagne hatte.
Er entdeckte die Wandmalerei aber auch in den katholischen Kirchen seiner Marburger Heimat – etwa in den Kirchen von Schröck und Amöneburg. Ihn faszinierten die Farben: „Synthetische Farben sind zwar brillant, aber kalt. Die Kaseinfarben der Fresken sind warm und hochinteressant in der Farbgebung.“
Mit Farben experimentieren
Heute gibt es Rezepte für die Farben, doch damals musste von der Wege die Berichte der alten Meister sowie Bücher von Mönchen studieren, um überhaupt herauszufinden, wie die Farben angerührt werden. „Man muss experimentieren, wie es Leonardo da Vinci gemacht hat“, betont er. Wenn die Farben wieder von der Wand blätterten, war die Mischung falsch: „Da kommt man sich vor wie ein Chemiker, aber das gehört zu dieser Malerei dazu.“
Im Gegensatz zu vergangenen Zeiten brauchen seine Schüler heute keine italienischen Villen und Paläste für ihre Kunst. Sie arbeiten mit großen, wasserfest verleimten Spanplatten, auf die Hasendraht genagelt wird. Darauf wird ein fertig angerührter Putz gegossen, in den sich auch Strukturen und Reliefs einarbeiten lassen. Eine Nacht muss der Putz trocknen – dann kann an dem Fresko gearbeitet werden. Aber nur so lange, wie der Putz noch feucht ist, meist einige Tage. Fresko bedeutet nämlich „frisch“. Es wird „im Feuchten“ gemalt.
Das eigentliche Geheimnis steckt jedoch in den Farben. Der Experte holt eine Tüte weißen Pulvers aus seiner Werkstatt, stellt Farbpigmente, Pottasche und Pinsel dazu. Das weiße Pulver ist das Kasein, ein Eiweiß, das aus Quark gewonnen wird. Damit das Pulver Wasser aufnehmen kann, muss es mit Pottasche gemixt werden, einem Triebmittel, das sonst für Lebkuchen gebraucht wird.
Keine Möglichkeit der Korrektur
Einen Tag lang weicht er die Mischung mit warmem Wasser ein. Daraus wird schließlich eine glasige Mixtur – die Grundlage für die Farbpigmente, bei denen ebenfalls viel experimentiert werden kann. Um die Farben anders zu schattieren, arbeitet der Künstler Ruß, Tonerde, Ziegelsteinpigmente oder Gips ein. Eineinhalb Tage braucht allein die Vorbereitung. Dann haben die Schüler etwa fünf Tage Zeit, um an den Fresken zu arbeiten. Beim Trocknen verbinden sich die Farbpigmente dann so stabil mit dem Putz, dass sie ihre Intensität für Jahrhunderte behalten.
Während der Arbeit müssen sich die Malschüler aber konzentrieren. „Es gibt nämlich keine Möglichkeit der Korrektur. Man muss das Motiv mit einer gewissen Sicherheit auftragen“, erklärt von der Wege. Deswegen haben die alten Meister ihre Werke zunächst auf riesigen Packpapieren aufgezeichnet und dann durchgepaust, bevor sie die großen Kathedralen bemalten.
Auf der Staffelei steht das jüngste Fresko des Experten: „Begegnung am Vormittag“ lautet der Titel des Frauenbildes. Je nach Lichteinfall enthüllt es geheimnisvolle Strukturen und Schattierungen, die sich durch das Spiel von Licht und Schatten ergeben. Sein Holzhaus in Bürgeln hat er mit weiteren Fresken ausgestattet: Da sind die Motive eines lebensgroßes Hirten aus dem Périgord sowie Details eines Schlosses in der Dordogne. Im Vergleich zu den alten Meistern ist seine Kunst heute aber richtig schnelllebig. „Früher dauerte es Jahre, bis die Wandmalerei fertig war“, sagt von der Wege.
Den von ihm geleiteten Wochenendkurs hat die Hobbymalerin Theda Waldow schon einmal vor Jahren besucht. Beeindruckt hat sie das handwerkliche Geschick, das für die Freskomalerei nötig ist, und „die ganz andere Wirkung der Bilder“, erinnert sie sich. Die Segelschiffe, die sie damals als Fresko fertigte, hängen auf der Terrasse ihres Hauses. Gelitten haben sie darunter nicht: „Die sind unverwüstlich.“