Um es gleich zu sagen: Ich bin kein echter Groundhopper. Etwas anderes zu behaupten, wäre anmaßend gegenüber Menschen, die derzeit vielleicht gerade in Malaysia, Singapur und Indonesien unterwegs sind, um ihre Länderpunkte 112, 113 und 114 zu machen. Aber es gibt immer wieder Momente, in denen ich mir wünsche, ich würde auch dazugehören.
Zum Beispiel an diesem regnerischen Juni-Abend 2002 in einer Bar im japanischen Shizuoka (das klingt jetzt fürchterlich kosmopolitisch-wichtigtuerisch, aber das bringen Gespräche unter Groundhoppern manchmal mit sich). Ich saß mit Andreas und Ande, zwei echten Hoppern, am Tisch. Bei der WM in Japan hatte Deutschland gerade das WM-Vorrundenspiel gegen Kamerun 2:0 gewonnen. Wir waren im Stadion gewesen, aber übers Spiel sprachen Andreas und Ande schon lange nicht mehr.
Irgendwann erzählten wir uns, wo überall wir schon Fußballspiele gesehen haben. „Benin und Laos“, sagte Andreas. „Surinam und Iran“, sagte Ande. Ich sagte: „Frankreich und… Deutschland.“ Es war kein Gespräch auf Augenhöhe. Ein ernstzunehmender Groundhopper braucht jede Menge Länderpunkte. Einen solchen bekommt man, wenn man in einem Land ein Fußballspiel vor Ort gesehen hat.
Wer gegen wen spielt, ist egal
Für jedes besuchte Stadion gibt es einen Groundpunkt. Also geht es den Hoppern darum, möglichst viele Fußballspiele in möglichst vielen verschiedenen Stadien in möglichst vielen Ländern zu sehen. Wer diese Spiele gewinnt, wer überhaupt gegen wen spielt, ist oft nicht so wichtig.
Gute Groundhopper haben mehr als 100 Länder- und weit über 1000 Groundpunkte vorzuweisen. Manche verbringen ihren gesamten Jahresurlaub damit, durch Südamerika zu reisen und von Stadion zu Stadion zu fahren. Oft kommen sie mit mehr als 30 Groundpunkten zurück. Als Beleg, dass sie das Spiel tatsächlich gesehen haben, dient die Eintrittskarte.
Ich habe dann Ande und Andreas gefragt, was die Faszination Groundhopping ausmacht: Was findet ihr gut daran, ein Stadion am Stadtrand zu besuchen, wo im Zweifel Mannschaften gegeneinander spielen, von denen ihr noch nie gehört habt? „Es geht ums Abenteuer“, sagte Andreas schließlich. Und dann folgten 200 Geschichten: von dreistündigen Taxifahrten zu Stadien in Algerien, von Besuchen auf Dorfsportplätzen in der Mongolei, wo sich Fans eine Massenschlägerei lieferten, und vom (letztlich gescheiterten) Versuch, in Irland 20 Spiele an drei Tagen zu sehen.
Ken Ferris ging es zum Schluss seiner Mission nicht mehr ums Abenteuer, sondern nur noch um die neue Bestmarke. In der Saison 1994/1995 schaffte er es, Fußballspiele in allen 92 Stadien der vier englischen Profiligen zu besuchen. Dafür brauchte er nur 237 Tage, was ihm einen Eintrag ins „Guinness Buch der Rekorde“ einbrachte.
England ist das Mutterland des Hopping
Dass es ausgerechnet ein britischer Groundhopper in das Buch schaffte, verwundert nicht. England ist das Mutterland des Hopping. In den 1970er Jahren gingen dort die ersten Fußball-Fans diesem Hobby nach. In Deutschland machten sich die ersten in den 1980er Jahren auf dem Weg. Anfangs erzielten sie kaum Länderpunkte, sondern besuchten etwa innerhalb von sechs Wochen sämtliche Sportplätze der Landesliga Lüneburg (unter den meisten Hoppern besteht Einigkeit, dass Partien unterhalb dieser Liga nicht zählen, schon weil der Besuch eines Jugendspiels zwischen Oberrad und Niederrad schwer nachzuweisen wäre – es gibt da ja keine Eintrittskarten).
Jedenfalls dachten aber auch die deutschen Groundhopper schnell international und reisten zu Spielen im Ausland. Außerdem gründeten sie die Vereinigung der Groundhopper Deutschlands, die seit 1993 besteht. Mitglied kann werden, wer mindestens 30 Länderpunkte auf dem Konto hat.
Davon bin ich weit entfernt, auch wenn ich dank der Besuche bei allen Welt- und Europameisterschaften seit Japan 2002 und dank der Europapokal-Saison der Eintracht aufgeholt habe. Kann ich meine Familie überreden, dass wir 2022 bei der WM in Katar Urlaub machen, könnte sich mein Länderpunktekonto in den nächsten zehn Jahren auf 19 erhöhen. Immer noch zu wenig für die Vereinigung.
Mein Problem ist – neben der fehlenden Zeit – fehlendes Interesse für Fußballspiele jenseits von Bundesliga, Weltmeisterschaft und Europameisterschaft. Es ist mir einfach egal, wer das Stadtderby in Melbourne gewinnt, und weil es mir egal ist, fliege ich nicht wegen des Spiels nach Australien. Auch nicht, wenn es dafür einen Länderpunkt gibt.
Ich habe Ande und Andreas noch einmal gesprochen, am 30. Juni 2002, dem Tag des WM-Endspiels in Yokohama. Am nächsten Morgen wollten sie nach China reisen – noch ein paar Punkte sammeln, wo sie schon mal in der Gegend waren.