Es gibt ja im Rock-Geschäft und im Rhein-Main-Gebiet so eine Latte an ewigen Wahrheiten, die - angewandt oder ausgelebt - in aller schönster Regel arg hinderlich fürs Vorankommen sind. Als da wären: Seit der Jahrtausendwende wird praktisch keine innovative populäre Musik mehr veröffentlicht; alles Wiederkäuen des eingängigsten Schonmaldagewesenen; hohle Gesten und Attitüden, die bloß museal wirken; das einzige, was irgendwen noch irgendwie bewegt, im Guten wie im Schlechten, sind die quotenstarken Pannen, die man Castingshows nennt. Und: Der große Magnet Frankfurt zieht alles mögliche an, nur keine frische Kreativität; unter der dominierenden Skyline fristen die Reste populärer Kultur ein Dasein auf Abruf; wer wirklich noch was erleben will, muss die Beine in die Hand nehmen und sich in konzentrischen Kreisen von diesem trüben Moloch entfernen, hinaus in die "Pampa" des Umlandes, wo Manche frei von dieser Zugkraft "einfach mal Mucke machen".
Alles (leider) richtig. Und dann doch wieder nicht, gottseidank. Denn irgendwo im Physikunterricht vergangener Tage war doch mal was von Kraft und Gegenkraft, von Gleichgewicht und so... naja, man vergisst ja so vieles. In Bezug auf Rock und Rhein-Main bedeutet das: Es gibt immer noch diese Momente, in denen der olle Alltag von dir abfällt, die Möglichkeiten unendlich scheinen, die Nacht ewig währen wird. Ein Ort dafür - und das auch noch mittenmang in Frankfurt - ist das Nachtleben an der südöstlichen Ecke der Konstablerwache, respektive sein Konzertkeller. Da treten weder die Big Names auf noch die peinlichen Nobodies, auch wenn das architektonische Ambiente des Nachkriegskastenbaus darüber eher letzteres vermuten lassen würde. Nein, die Nachtlebenmacher haben bislang in einer beeindruckenden Strecke bewiesen, dass diejenigen, die dort auf die Bühne treten, immer eines haben müssen und haben - Freude am gemeinsamen Musizieren. Auch jenen rebellischen Schalk irgendwo zwischen Mund- und Augenwinkel, jenes kleine gewisse Etwas, das einen befällt, wenn man eine Rockgitarre sieht, die ja für ein großes "Nein" gegenüber den Altvorderen und ein noch größeres "Es geht auch anders" steht.
Am Sonntag werden wieder mal zwei Gruppierungen im Nachtleben auftreten, die obige Definition astrein vorleben: Last Jeton aus Offenbach und überall sowie die Frankfurter von Popsicle (mit neuem Drummer!). Sie eint wohl für den Doppelgig ihr Faible für die auch mal härteren Gangarten (was man früher, sehr viel früher Independent nannte, als das noch was bedeutete), sind aber auch dem Melodiösen und Eingängigen nicht abgeneigt. Also was für jeden, und das muss nicht das Schlechteste sein.
Nun sollte gerade ein solches Konzert für seine maximale Wirkung auf den Einzelnen am besten ein Zufallstreffer sein: "Hey, lass uns doch mal im Nachtleben schauen, was so läuft... Hö, geil, noch'n Bier und ihr da oben auf der Bühne, spielt ma ruhig weiter..." Ergo würde sich jetzt diese Ankündigung hier quasi verbieten. Aber wenn dann kein Schwein hingehen würde... Neenee, da machen wir dann doch mal lieber etwas Promotion und sagen: Natürlich könnt ihr Sonntagabend mit dem Tatort verbringen oder euch innerlich auf die nächste Malochewoche vorbereiten, aber ihr könnt auch den Teufel tun und euch in die Nacht stürzen. Mit der Musik von Popsicle und Last Jeton.
pøpsicle + Last Jeton - Nachtleben, Frankfurt, Konstablerwache, Sonntag, 3. April, 20 Uhr