Manchmal verdankt man dem Zufall die merkwürdigsten Prägungen. Denn anders lässt sich nicht erklären, wie ich zum Bollywood-Fan wurde, warum ich mir diese mega-kitschigen Schmachtschinken überhaupt anschauen kann und sogar einige CDs mit indischer Musik daheim habe. Doch wie hätte ich ahnen sollen, dass sich hinter der harmlosen Kino-Einladung eines Freundes zwar ein fantastischer Film-Abend verbarg, der aber fatale Folgen hatte, wie sich erst im Nachhinein zeigte.
An dem besagten Tag lief der Bollywood-Klassiker „Main Hoon Na“, was auf Deutsch so viel heißt wie „Ich bin immer für dich da“. Was ich damals nicht ahnte: Es ist der großartigste indische Tanzfilm, der je produziert wurde. Natürlich darf man dennoch keine ausgeklügelte Handlung mit Tiefgang erwarten. Bollywood ist Unterhaltung pur und bedient hemmungslos alle Große-Gefühle-Register – und zwar so abgeschmackt und übertrieben, dass es schon wieder lustig ist, wenn Superstar Shahrukh Khan der Angebeteten schmachtende Blicke hinterherschickt oder vor Liebesschmerz ganz bedröppelt dreinschaut. Was mich mitriss, waren die Tanzsequenzen (mit oft überraschend westlicher Musik), obwohl ich sonst Musicals nicht viel abgewinnen kann. Dass die Filmemacher gnadenlos US-Actionfilme wie „Matrix“ kopierten und durch den Kakao zogen, begeisterte mich vollends. Seitdem bin ich Fan – blöderweise habe ich danach nur noch grottenschlechte Bollywood-Filme gesehen.
Die Bewunderung für die Choreographie der Tänze ist dennoch geblieben. Daher kam das Kursangebot „Bollywood-Tanz“ in Offenbach gerade recht. Sich selbst mal so dynamisch zu bewegen, klang verlockend. Ob ich mir dafür extra noch einen Sari organisieren muss, überlegte ich. Nein, beruhigt mich Rosa Dibowski, Tanzlehrerin an der Orient Academy. Sie bringt für die Teilnehmerinnen ersatzweise bunte Tücher mit, sogenannte Dupatta, die wir uns um den Oberkörper schlingen. Meines rutscht allerdings nach ein paar Minuten herunter.
Bevor wir loslegen, spricht Rosa mit uns die Handhaltungen durch, bei der Lotusblume (Alapadma) etwa zeigen die gespreizten Finger nach oben. Jede der 28 einhändigen und 24 zweihändigen Gesten hat eine oder mehrere Bedeutungen. Die Lotusblume symbolisiert – wie könnte es auch anders sein – Schönheit.
Während des Tanzens sprechen die Hände, sie drücken Gefühle aus oder zeigen Gegenstände. Da ist jede Menge Fingerfertigkeit gefragt. Nach dem Aufwärmtraining beginnen wir mit einfachen Schrittfolgen, die schon bald mit „Handsprache“ kombiniert werden. Dann bewegen wir uns im Nachstellschritt durch den Raum und lassen die Schultern dabei wippen. Zum Takt der Musik sollen wir nun einen Kick mit der Hüfte vollführen – eine ungewohnte Bewegung. Ich muss mich konzentrieren, um bei dem hohen Tempo mitzuhalten.
Bollywood-Tanz ist ein Mix verschiedener Tanzstile, unter anderem von klassischen indischen Tänzen und den mehr als 50 Folkloretänzen. Er entwickelte sich im Zug der indischen Filmproduktion, deren Zentrum Mumbai ist. Jährlich werden dort um die 250 Hindi-Filme produziert.
Bollywood-Tanzkurs, Tanzschule Ot-pur, Bockenheim, Falkstraße 72–74, dienstags 18 bis 19.15 Uhr (Schnupperstunde jederzeit möglich);
Kindertanzkurs freitags 16.30 bis 17.30 Uhr im Yogastudio, Bikram Hot Yoga, Leipziger Straße 67, Tel. 0176/70843037, E-Mail: info@bolly-moves.com;
Aufbau-Workshop mit Choreograph Manu Singh aus Mumbai, 22. 10., 13 bis 17 Uhr, 23. 10., 11 bis 15 Uhr, Fitnessraum der FTG Frankfurt, Marburger Str. 28, Anmeldung bei Rosa Dibowski, Tel. 069/20329236 oder E-Mail: rosa@noaem.de;
Bollywood-Tanzworkshop bei der VHS Frankfurt, 19. 11. (Einsteiger), 20. 11. (Aufbau), Tel. 069/21271501, www.vhs.frankfurt.de
Anfängerkurs mittwochs 19.45–21 Uhr, Orient Academy, Frankfurter Str. 63, Tel. 069/65303956, www.orient-academy.de
Bollywood-Dance-Workshop, 22. und 23. 10., jeweils 14 bis 17 Uhr, VHS Wiesbaden, Anmeldung: Tel. 0611/ 98890;
Bollywood-Dance-Kurs, Yoga Vedanta Zentrum, Hasenstraße 4, freitags 19 bis 21 Uhr (Einstieg jederzeit möglich), Anmeldung: Tel. 0611/711196, www.bollywood-sapna.de
Infos zu Kursen der Tanzlehrerin Chandni gibt es auf der Webseite: http://chandni.eu/
Als Rosa uns auffordert, die Bewegung noch mit verschiedenen Handhaltungen zu kombinieren, kapituliere ich. Zu viel Multitasking, dem ich in meiner ersten Stunde noch nicht gewachsen bin.
Bollywood-Tanz erfordert schlichtweg Übung, mit einer Stunde ist es nicht getan. Das verrät mir auch der Blick an die Spiegelwand. Unmissverständlich gibt diese zu erkennen, dass mein Tanzstil noch weit von den Fähigkeiten meiner Idole aus Indien entfernt ist. Rosas Bewegungen sehen dagegen unglaublich fließend, anmutig und grazil aus – ein ästhetischer Genuss. „Nach acht Stunden werden die Bewegungen flüssiger und man muss nicht mehr ständig überlegen, was die Hände und Füße tun sollen“, tröstet sie mich später.
Bei der nächsten Übung muss die ganze Gruppe kichern. Wir sollen zwischen den angehobenen Armen hindurch schauen und dabei schnell mit dem Kopf nach rechts und links wackeln. Das ist nicht so leicht, sieht ziemlich drollig aus und erfordert Mut zur Blamage.
Rosa erwähnt ganz nebenbei, dass die Tänzer in Bollywoodfilmen oft gar nicht die ganze Choreographie, sondern nur einzelne Szenen beherrschen. Das versetzt meinem Bollywood-Feuer einen empfindlichen Dämpfer. Das Tanzstudio verlasse ich trotzdem beschwingt und gut gelaunt. Die vielen ungewohnten Bewegungen haben meinem Körper sehr gut getan.