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02. August 2012

Laufsport in Rhein-Main: Mit dem Strom laufen

 Von Georg Leppert
Dicht an dicht beim Start zum Frankfurter Halbmarathon. Nach wenigen hundert Metern wird sich das Feld entzerren.  Foto: Arnold

Fast jedes Wochenende gibt es im Rhein-Main-Gebiet Volksläufe. Die Ziele der Teilnehmer sind sehr unterschiedlich: Manche wollen ihre Bestzeit verbessern, andere sind schon froh, wenn sie würdevoll ins Ziel kommen.

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Nummer 437 hat gut und gerne zehn Kilo Übergewicht. Die Gelenke bedanken sich dafür. Bis vor zwei Jahren hat Nummer 437 dreißig Zigaretten am Tag geraucht. Die Lunge sagt immer noch Hallo. Am Anstieg, der laut Streckenplan eine kleine Rampe sein soll, in Wahrheit aber ein stattlicher Berg ist, wird Nummer 437 etwas schummrig. Bei Kilometer acht überholt ein 75-Jähriger Nummer 437, mittlerweile hat sich Nummer 437 Blasen gelaufen. Das alles könnte mir herzlich egal sein, wäre da nicht eine Kleinigkeit: Nummer 437 bin ich.

Es ist jetzt knapp zehn Jahre her, dass ich bei meinem ersten Volkslauf, dem Brunnenfestlauf in Oberursel, die Startnummer 437 trug. Seitdem habe ich bestimmt 30 Jedermann-Läufe über zehn Kilometer und auch elf Halbmarathons bestritten. Ich bin nicht süchtig nach diesen Veranstaltungen, anders als die dürren Kerle in ihren ärmellosen Trikots, die meine Freundin verächtlich „Bleistiftmenschen“ nennt. Aber ich freue mich schon darauf, dass der Laufkalender sich wieder füllt, wenn die Tage kühler werden.

Wilde Waden in der Hölle

Manche Volksläufe haben Namen wie 10. Frankfurter Lufthansa Halbmarathon. Darüber sollte man sich nicht zu sehr lustig machen, weil die Lufthansa mutmaßlich ziemlich viel Geld dafür zahlt, im Namen aufzutauchen, und ohne das Geld könnten die netten Organisatoren vom Lauftreff Spiridon nicht die Bananenstückchen für uns Läufer herrichten. Und Dixi-Häuschen an der Strecke gäbe es auch keine, obwohl mir völlig unklar ist, wieso jemand während (!) des Laufs aufs Klo muss. Man schwitzt doch. Wie auch immer.

Die Leute, mit denen ich zusammen laufe, haben den Veranstaltungen eigene, viel griffigere Titel gegeben. Etwa „Hölle von Nieder-Erlenbach“. Das ist ein Zehn-Kilometer-Lauf am 1. Mai, bei dem mitten auf einem Feld eine fiese Steigung dreimal zu bewältigen ist. Meistens ist es super heiß, manchmal schüttet es auch wie aus Eimern, dann kann man auf dem Weg runter vom Hügel nicht einfach die Beine laufen lassen, sondern muss achtgeben, nicht fürchterlich hinzufallen.

Die Laufgruppe, in die ich kurz nach meinem ersten Start in Oberursel aufgenommen wurde, nennt sich „Wilde Waden“. Mein Antrag, uns in „Wilde Wadenkrämpfe“ umzubenennen, wurde abgelehnt. Aber in jedem Fall ist es gut, eine Laufgruppe zu haben. Man hat da Leute, die auf einen aufpassen und die darauf achten, dass man keinen Kardinalfehler begeht. Das passiert leider schneller als man denkt.

Nur nicht zu schnell angehen

Der Klassiker ist das falsche Tempo. Vielleicht kennt jemand das Gefühl, wenn man stundenlang mit Tempo 180 über die Autobahn gerast ist und dann plötzlich in der Stadt fährt. Dabei muss man wieder und wieder auf den Tacho schauen, um nicht zu schnell zu fahren. So ist das auch beim Volkslauf.

        

Der Autor im Kreise seines Teams, den „Wilden Waden“.
Der Autor im Kreise seines Teams, den „Wilden Waden“.
Foto: Privat

Natürlich könnte man direkt nach dem Start mit ordentlich Tempo loslaufen, man ist ja noch frisch. Und es juckt einen schon, wenn man sieht, dass Rentner schneller loslaufen und Kinder und manchmal auch Leute, die noch mehr als zehn Kilo Übergewicht haben oder sich Minuten vor dem Start noch eine Zigarette anzünden. Aber das wäre fatal. Nichts ist schlimmer als ein richtiger Einbruch auf den letzten Kilometern, der einem zu hohen Tempo beim Start geschuldet ist. Dann nämlich laufen sie alle an einem vorbei, die Raucher, die Dicken, die Rentner, die Kinder. Und sie haben dieses Grinsen im Gesicht, das man selbst – so ehrlich muss man sein – ja auch aufsetzt, wenn man im letzten Viertel der Strecke Platz um Platz gutmacht. Insofern ist es wichtig, eine Gruppe zu haben, in der Disziplin herrscht. Man kann sich zum Beispiel darauf einigen, im Schnitt 5:40 Minuten pro Kilometer zu laufen (ja, liebe „Bleistiftmenschen“, ja, ich weiß, Ihr wäret beim Spazierengehen schneller, aber für unsereins sind 5:40 schon okay). Und daran hält man sich.

Einmal einen Marathon laufen

Auf der anderen Seite: Man muss auch erkennen, wenn der Tag für einen wirklich großen Lauf gekommen ist. Bei mir war es der 1. Mai 2012, ein warmer Tag in der „Hölle von Nieder-Erlenbach“. Ich liebe es, wenn es warm wird, die meisten anderen finden das schlimm, aber irgendwie gibt es mir Energie, wenn mir die Sonne auf den Kopf scheint. Beim ersten Anstieg zog ich an, nur so zum Spaß, dachte ich, meine Gruppe würde mich schon schnell wieder einfangen. Doch nicht an diesem Tag. Plötzlich wurde mir klar, dass ich heute nicht vernünftig sein durfte, mich nicht von angeblich zu schnellen Zwischenzeiten bremsen lassen durfte. Ich musste laufen, den Hügel hoch, einmal, zweimal, dreimal. Das Ergebnis war meine persönliche Bestzeit (die geheim bleibt). Die „Wilden Waden“ schauten mich im Ziel irritiert an.

Einer der besten Läufe, die in den nächsten Monaten anstehen, ist der Offenbacher Mainuferlauf, der vorbei an Wiesen und Pferdekoppeln führt. Allerdings ist diese Veranstaltung geprägt von einer gewissen Ernsthaftigkeit, denn für viele Teilnehmer ist der Lauf der letzte echte Test vor dem Frankfurter Marathon zwei Wochen später. Wenn ich die Leute sehe, die dort für das große Ereignis trainieren, bin ich neidisch, das gebe ich unumwunden zu. Das wäre ein Traum.

Einmal nach unendlich viel Training die ganze Strecke laufen, die vollen 42,195 Kilometer … Ich verspreche auch, dass ich mich dann an die Zeitvorgabe der „Wilden Waden“ halten werde. Und vielleicht ist die Startnummer 437 ja noch frei.

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