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Voll das Leben: Mein digitaler Brotkasten

Er ist beige und klobig. Er faselt in einer seltsamen Sprache. Er kann nur 16 Farben. Und er arbeitet mit Audiokassetten. Seinem C64 hält unser Autor trotzdem die Treue. Eine Liebesgeschichte.

Schätze des Altertums.
Schätze des Altertums.
Foto: FR/Arnold

Wir verstehen uns gut, auch wenn wir unterschiedliche Sprachen sprechen. Gerade eben habe ich ihn darum gebeten, mir den Inhalt einer jener labbrigen 5,25-Zoll-Disketten aufzulisten, deren Etikett so vergilbt ist, dass man sie nicht mehr entziffern kann. LOAD “$“,8, lautet der Befehl in seiner Sprache. 300 der anachronistischen Datenträger stapeln sich unter meinem Schreibtisch, die meisten davon unbeschriftet. Der fünfjährige Sohn von Bekannten glaubt seit seinem letzten Besuch, ich hätte eine riesige Schallplattensammlung.

READY, sagt er nach ein paar Sekunden. Ich tippe LIST ein. Kurz darauf habe ich den Inhalt der Diskette weiß auf blau vor mir stehen. B.T.T. heißt die erste und einzige Datei auf der A-Seite. Die Abkürzung PRG dahinter verrät mir, dass es sich um ein Programm handelt. Ich habe eine Vermutung. Lade das erste Programm auf der Liste, sage ich ihm, „LOAD “*“,8,1“. Das Diskettenlaufwerk surrt. Er ist beschäftigt. LOADING, lässt er mich wissen. Ich setze einen Kaffee auf. Wir verstehen uns gut, mein Commodore 64 und ich.

RETROCOMPUTING

Zwischen 17 und 20 Millionen C64 gingen in den 80er und 90er Jahren über den Ladentisch. Entsprechend häufig wird der „Brotkasten“ heute noch bei Ebay angeboten. Je nach Zustand und Ausstattung kostet ein C64 zwischen 25 und 50 Euro. Zusatzgeräte wie Datasette, Floppylaufwerk und Bildschirme erzielen höchst unterschiedliche Preise.

Docs Hardwarekiste liefert zusätzlich Anschlüsse und Ersatzteile für den Fall, dass dem C64 etwas fehlen sollte. www.docshardwarekiste.de

Auch nach fast 30 Jahren erscheinen neue Spiele für den C64. Die Softwareschmiede Protovision etwa nutzt mit seinen Neuentwicklungen die technischen Möglichkeiten des Brotkastens voll aus. www.protovision-online.de

Hunderte von Websites und eine Handvoll Magazine in Deutschland befassen sich mit Retrocomputing. Zu den renommiertesten zählen die RETRO vom CSW-Verlag (www.retromagazine.eu) und die RETURN (www.return-magazin.de)

Wem das alles zu virtuell ist, dem bietet sich im Rhein-Main-Gebiet die Möglichkeit, sich von Angesicht zu Angesicht mit anderen Retrogamern auszutauschen. Seit zwei Jahren treffen sich die Liebhaber alter Computer- und Videospiele bei der HomeCon in Hanau-Großauheim. Das nächste Treffen ist für den 26. und 27. März angesetzt. Anmeldung auf www.homecon.net

Für den heimischen PC gibt es eine Reihe von Emulatoren. Dabei handelt es sich um Quasi-Simulationen älterer Systeme auf modernen Rechnern, so dass entsprechende Programme auch auf eigentlich inkompatiblen Systemen laufen. Die wichtigsten C64-Emulatoren sind VICE und CCS. Diese können im Netz kostenlos runtergeladen werden. (dmj)

Ernsthafte Archäologie

Retrocomputing nennt sich das merkwürdige Hobby, dem ich ausgiebig fröne. Zumindest wird das Sammeln und Spielen alter Computer- und Videospielsysteme im Internet so genannt. Einige Freunde meinen, ich sammle Elektroschrott, auch das ist eine Sichtweise. Ich spreche manchmal – mehr scherzhaft – von digitaler Archäologie, wenn ich wieder mal für Stunden abtauche, das Floppy-Laufwerk einschalte oder die Datasette einstöpsele und versuche, so etwas wie Ordnung in dieses Sammelsurium der digitalen Spielekultur der 80er Jahre zu bringen. Wahrscheinlich bin ich mehr Archivar als Archäologe, aber wie jeder Wissenschaftler habe ich ein Spezialgebiet: den C64.

READY, lässt mich mein alter Brotkasten, wie die Maschine ob ihrer eigentümlichen Form auch genannt wird, wissen. Drei Minuten hat er gebraucht, um das Programm zu laden. Bei meinem PC würde ich schon lange einen Absturz vermuten. Beim C64 gehört die Langsamkeit zum Spiel-Erlebnis (es sei denn, man benutzt einen Fastloader).

Grundsätzlich gilt: Mal eben schnell eine Runde zocken ist nicht – zumindest nicht nach heutigen Maßstäben für Schnelligkeit.

Argument Sound

RUN, tippe ich ein und die geballte Kraft von 64 Kilobyte, die im Arbeitsspeicher des Heimcomputers steckt, sprintet los. Das Floppylaufwerk beginnt wieder zu surren und nur eine Sekunde später schallt sie mir entgegen: Beethovens fünfte Sinfonie beziehungsweise das, was der dreistimmige SID-Chip daraus macht.

Der Sound war neben dem vergleichsweise geringen Preis eines der Hauptargumente für den C64, als er 1983 auf den deutschen Markt kam. Noch heute benutzen einige Enthusiasten die Maschine um zu musizieren. Der Sound einer vergangenen Zukunft, retrofuturistisch, wie es so schön heißt.

Man erkennt ihn immer wieder. So fremdartig, technisch, verspielt wie damals, als ich ihn zum ersten Mal vernahm im zarten Alter von sechs Jahren, als mein Bruder dieses beigefarbene Ding mit nach Hause brachte.

Inzwischen rattere ich mit einem verpixelten Gefährt durch eine Alpenlandschaft. Braune Berge mit weißen Schneekuppen, davor blassgrüne Hügellandschaften mit blauen Almhütten. Die ganze Pracht von 16 Farben. Doch die Idylle trügt. Unablässig werde ich von Doppeldeckern mit Bomben eingedeckt. Gleichzeitig tauchen auf der Straße Gruben und Felshindernisse aus dem Nichts auf. Mit meinen beiden Geschützen wehre ich mich nach Kräften.

Klassische Knallerei

„Battle through time“ nennt sich dieses klassische Shoot’em Up. Eines meiner ersten Computerspiele, neben anderen Klassikern wie „Uridium“, „Frogger“ und „Space Pilot“. Nacheinander kämpfe ich mich durch die Weltkriege I und II, den Korea- und Vietnamkrieg sowie den atomaren Schlagabtausch. Nachdem mein Vehikel das alles heil überstanden hat, lande ich in der Steinzeit – ein Spiel mit Moral und ein Relikt des Kalten Krieges, als die Angst vor der atomaren Vernichtung noch gegenwärtiger war.

Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass Computer- und Videospiele Kulturgüter sind. Wer Retrocomputing betreibt, stöbert einer vergangenen Zeit und ihren Stimmungen nach, nicht selten der eigenen Kindheit. Ob er dazu die Systeme von Nintendo, Sega oder die Computer von Atari oder Amstrad benutzt, ist Nebensache.

Das meinem alten Brotkasten begreiflich zu machen, gestaltet sich allerdings schwierig. LOAD “Kindheit“, 8,1, gebe ich ein. Seine Antwort ist immer dieselbe: ?SYNTAX ERROR.

Autor:  Danijel Majic
Datum:  1 | 3 | 2011
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