Wer setzt sich schon gern nackt in ein erdkühles Grab? Skeptisch schleichen wir um die rechteckigen Löcher im Rasen des „Spa-Gartens“ an der Nahe. An den Enden stecken Holzbretter in Rückenbreite, daran mit Wäscheklammern befestigt, Namensschildchen. Frau Kurz, Herr Becker. Drinnen pampt brauner, zähbreiiger Schlamm. Das also sind die Sobernheimer Lehmbäder. Nein. Da bringen uns keine zehn Pferde ’rein. „Kommen Sie erst mal morgen früh Punkt halb acht zum kalten Sitzreibebad“ grinst Nicole Praß-Anton, Physiotherapeutin im Bollant’s im Park.
Das schicke Hotel ist eines der drei Felke-Kurhäuser in Bad Sobernheim. Dem einzigen Ort in Deutschland, in dem der „Lehmpastor“ noch nachwirkt. Ganz zufällig waren wir dort bei einer herbstlichen Radtour gestrandet. So nah an den großen Städten in Rhein-Main, und doch so weit weg im friedlichen Idyll des Nahetals, beschützt von den Wäldern des Hunsrücks. Den Namen Emanuel Felke hatten wir vorher nie gehört. „Oh. Der Pastor war Anfang des letzten Jahrhunderts wegen seiner großartigen Heilerfolge sehr bekannt, und zwar weit über unsere Gegend hinaus “, erzählte Hausherrin Janine Bolland, als wir im Hotel-Garten unter der alten Linde einen Latte tranken. Ihr Urgroßvater Andreas Dhonau hatte den kauzigen Geistlichen und Laiendoktor nach Sobernheim geholt, nachdem der ihn von einer hartnäckigen Neurodermitis befreit hatte.
Zur Diagnose schaute er seinen Patienten in die Augen, verordnete ihnen komplexe homöopathische Medizin und schickte sie zur Kur in den „Jungbornpark“, den Dhonau zusammen mit ein paar Lufthütten am Hang eingerichtet hatte. Zur Therapie gehörten gesundes Essen, Barfußgehen, Bewegung an frischer Luft, genauso ohne Kleidung auszuführen wie die Bäder in anerkannt heilendem Schlamm, frisch abgebaut im Ort. Bis heute ist das so in Bad Sobernheim. Endlich mal was Handfestes! Da können Schokolademasken, hawaiianische Lomi-Lomi-Streicheleinheiten und tibetanische Honigmassage vierhändig einpacken!
Also entledigen wir uns am nächsten Morgen am Fluss mit einem Dutzend anderer unseres Bademantels, steigen in giftgrüne Zinnwännchen, schaufeln kaltes Wasser über uns, schuppern mit dem Rücken am Grund der Wanne entlang. Handtuch? Nicht doch. Wir klatschen uns trocken. So immunisiert, marschieren alle in den warmen Pool auf dem Dach.
Das putzt die Lunge
Zwölf Nackte hüpfen wie die Frösche im Becken herum und schmettern dabei „im Frühtau zu Berge wir zieh'n, fallera“. Auch Lieder singen ist original Felke. Das putzt die Lungen.
Die Peinlichkeitsgrenze ist jetzt schon überschritten, also könnten wir doch auch ins Schlammloch. Wieder umkreisen wir die Gräber, es liegen sogar welche in einer beheizten Halle parat. Aber dann drehen wir ab. Es gibt da ja noch die moderne Lifestyle-Variante: Das Heilerde-Kräuter-Dampfbad, buchbar auch für externe Tages-Besucher, erklärt Badearzt Axel Bolland. Gut zur Gewebestraffung, Entsäuerung und Zellerneuerung. „Und eine prima Prävention. Ganz wichtig für Felke. Deshalb ist er heute modern wie nie“.
Aber warum ist sein katholischer Kollege Pfarrer Kneipp so viel bekannter? „Der war messbar, zählbar, wägbar. Felke mit Irisdiagnose und Homöopathie nicht.“ Felkes Leitspruch: Weniger ist mehr und deshalb müssen wir zurück zur Natur.
Eine Frau sitzt schon drin im feuchten Nebel des Felke-Dampfbades, völlig verschlammt. In den Händen hält sie eine Schüssel voller Lehm, streicht ihn auf sich. „Gestern Abend war das meine erste Tat, als ich mit dickem Kopf hier ankam. Eine Stunde später war ich ein anderer Mensch.“ Schlamm befreit. Wir klatschen uns gegenseitig die Pampe auf den Rücken und kichern später unter der Regendusche. Die Therapeutin rät uns, dass das Ganzkörperbad noch intensiver sei.
Jetzt kein Zaudern mehr! Die Lehmhose anziehen, kräftig durchtreten und eingraben. Ha! Wie der Schlamm zwischen den Zehen quatscht. Welche Wonne, im Matsch zu wühlen, Mutter Erde zu spüren und zu riechen. Erst gibt sie sich kühl und rau, aber nach und nach wird sie wohlig warm und glatt. Die Wirkung? Nun, nach einmal 20 Minuten lässt sich nicht viel sagen. Aber die Haut fühlt sich straff und weich an. Und eins muss man diesem Grab lassen: Es macht höchst lebendig.