Prominente Bauwerke während ihres Umbaus sind wie Körper unter dem Messer. Ihre Haut wird abgestreift, der Leib durchbohrt, Organe entnommen, bis das Kerngehäuse offen liegt, um es mit Neuem zu verknüpfen. Das Fotobuch der Frankfurter Künstlerin Laura J. Padgett „Raum über Zeit“ illustriert ebendiesen Prozess: die Sanierung des Städel-Museums und seine spektakuläre Erweiterung. Kurz vor der Eröffnung des Neubaus liegt das Buch jetzt vor – mit 95 Fotos und einem Text von Adrian Giacomelli.
Architektur zieht Laura J. Padgett – ihr Hintergrund als Malerin und Filmemacherin durchdringt auch ihre Fotografie – in den Bann. Mit wachem Blick kletterte sie daher von Anfang 2010 bis Januar 2012 mit ihrer Kamera zwischen Bohrpfählen, Heizrohren, Stahlbetonplatten, balancierte auf Abbruchgut und Terrazzoscherben, schwebte in Hebebühnen unter gekrümmten Deckenschalen und bulläugigen Luken.
Laura J. Padgett fotografierte von 2010 bis 2012 die 3000 Quadratmeter umfassende bauliche Erweiterung des Städel-Museums und Renovierung des Altbaus durch das Frankfurter Architekturbüro schneider+schumacher. Eröffnung des Neubaus für Gegenwartskunst ist am 25. Februar. Die in Kooperation mit dem Städel-Museum stehende DZ-Bank hat einige der Fotografien von Laura J. Padgett erworben.
Ihr Fotobuch „Zeit über Raum“ (Kehrer Verlag, 95 Fotos, 112 Seiten, 20x24 cm, Text von Adrian Giacomelli) erscheint am 17. Februar. Präsentiert wird eine Auswahl von Padgetts in dieser Zeit entstandenen analogen Fotografien. Buchvorstellung am 20.2., 18 Uhr, in der Frankfurter Galerie Martina Detterer, Hanauer Landstraße 20.
Mit Helm, Anzug und Stiefel, bei Regen, Staub und Kunstlicht geriet ihr das Fotografieren nicht selten zum Abenteuer. „Ich arbeite mit der Hand und musste vor allem unter Tage geduldig stillhalten, um genügend Licht einzufangen“, erzählt sie. Mal von unten, mal von oben, mal von drinnen, mal von draußen sensibilisieren alle ihre Aufnahmen den Blick für diesen rüden Zauber, der die Entstehung oder den Umbau großer Architektur umweht.
„Es war faszinierend zu beobachten, wie Altbaufassaden, Wände und Böden aufgerissen wurden. Die Baustelle changierte immerzu zwischen Chaos und Ordnung“, erinnert sich die Künstlerin. Im Buch wird dieser Wechsel sichtbar: Chronologisch angeordnete Übersichten schaffen Orientierung – auf den Metzlersaal, das Foyer oder die allmählich wachsenden Gartenhallen. Drum herum setzen poetische, spielerische, mal unheimliche Ansichten ästhetische Akzente, die eine Ahnung davon geben, wie komplex ein Museumsbau dieser Größenordnung tatsächlich ist.
„Wenn dann der Neubau erstmal in ganzer Pracht dasteht, wird oft vergessen, welche Muskelarbeit geleistet wurde“, sagt Padgett. „Die Vielschichtigkeit der Arbeit erforderte nicht zuletzt, dass sich die Bauarbeiter einiges einfallen lassen mussten. Das war nicht leicht, weil sie aus verschiedenen Ländern kamen.“ Vielleicht sei die Stimmung gerade darum so gut gewesen, überlegt sie. Jedenfalls erhaschte sie manch „häusliche“ Momente – werkelnde Hände in offenen Fenstern, baumelnde Mäntel im Sonnenlicht, die zeigen, wie gelassen es auf der Baustelle zuging.
Die Aufnahmen der Künstlerin transportieren außergewöhnliche Eindrücke. In ihrer Gesamtheit dokumentieren sie einen flüchtigen Zeitabschnitt. Einzeln betrachtet nehmen sie das Auge mit auf imaginäre Reisen – über Linien zu Öffnungen, auf Oberflächen zu tiefer und tiefer rückende Türschluchten. „Raum über Zeit“ präsentiert das vertraute Städel-Museum als einen Koloss im Übergang. Es berührt seine Nacktheit, das Geheimnis seiner Schönheit indessen verrät es nicht.