kalaydo.de Anzeigen

Ungerer-Ausstellung: Ohne Gummi

Der Jahrhundert-Künstler Tomi Ungerer kommt anlässlich einer Ausstellung höchstpersönlich in die Caricatura. Das kostet ihn einige Überwindung.

        

Mann mit Humor: Tomi Ungerer.
Mann mit Humor: Tomi Ungerer.
Foto: C. Boeckheler

Es ist nicht mal so, dass Gott heute schlechte Laune hätte. Er mag nur keine Ausstellungen. Und keine Pressekonferenzen. Und vor allem keine Ausstellungspressekonferenzen. Aber wenn’s darum ginge, was er mag, dann wäre Tomi Ungerer wohl einfach nur ein unbekannter Mann.

Ist er aber nicht. Tomi Ungerer ist ein Gott. Zumindest hier, in der Caricatura, dem Museum für Komische Kunst. Hier huldigt man normalerweise den Hausgöttern der neuen Frankfurter Schule. Aber für Tomi Ungerer rücken selbst die gerne ein bisschen zusammen. Es ist Nikolaustag: Caricatura-Chef Achim Frenz war das ganze Jahr über brav gewesen, und der Maestro ist tatsächlich höchstselbst zur Ausstellungspressekonferenz gekommen.

Tomi Ungerer möchte ungern fotografiert werden. Am liebsten gar nicht. Auf gar keinen Fall mit Blitz. Er sieht nur noch auf einem Auge, um das andere zu schützen, trägt er eine Sonnenbrille. Er solle doch mal lachen, sagen die Fotografen, und Ungerer versucht’s ja, aber es will nicht recht klappen.

Tomi Ungerer wurde am 28. November 1931 als Jean-Thomas Ungerer in Straßburg geboren. Er ist einer der bedeutendsten Grafiker, Schriftsteller und Illustratoren. 1956 wanderte er in die USA aus, wo er mit Leuten wie Tom Wolfe und Philip Roth verkehrte und sich einen Namen als Zeichner machte, und zwar als äußerst provokanter und mitunter auch erotischer.

Sein Buch „Kein Kuss für Mutter“ wurde damals in den USA mit dem Preis für das schlimmste Kinderbuch ausgezeichnet, da darin der minderjährige Protagonist Zigarre raucht und beim Frühstück mit seinen Eltern eine Flasche Schnaps auf dem Tisch steht. Seitdem sind noch viele Preise dazugekommen. Ungerer hat eine Frau und drei Kinder, er pendelt mittlerweile zwischen Straßburg und seiner Farm in Irland.
Satiricon – das satirisch-komische Werk von Tomi Ungerer ist bis zum 18. März 2012 in der Caricatura, Frankfurt, Weckmarkt 17, zu sehen.
Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr , mittwochs sogar bis 21 Uhr, montags geschlossen.

Schließlich murmelt der sichtlich genervte Künstler einen unverständlichen Satz, in dem seine tote Mutter und ein Zahnarzt entscheidende Rollen spielen. Und dann lacht Ungerer tatsächlich ein herrliches Lachen, das so falsch ist wie das der Menschen in seinen Zeichnungen.

„Mir ist das wirklich peinlich“, sagt Ungerer, nachdem Museums-Oberchef Jan Gerchow, Museums-Unterchef Achim Frenz, Kurator Bernd Fritz und Thérèse Willer ordnungsgemäß ihre Grußworte losgeworden sind. Tomi Ungerer mag keine Grußworte. Thérèse Willer ist Chefin des Tomi-Ungerer-Museums in Straßburg. Es sei das einzige öffentliche Museum in Frankreich, das einem lebenden Künstler gewidmet sei, sagt sie. Da hätten die anderen aber Glück gehabt, würde Tomi Ungerer wohl sagen. Oder zeichnen. Wenn er Lust dazu hätte.

Er leide, sagt er, wenn er seine alten Werke sehe. „Wenn ich ein Buch erledigt habe, will ich es nicht mehr sehen. Ich will es wegspülen wie in der Toilette. Es ist, als ob jede Zeichnung eine Missgeburt wäre.“ Ein paar Journalisten im Saal kichern.

Drunten, in den Ausstellungsräumen, hängen derweil Tomi Ungerers Missgeburten. Menschen, die in ihrer schonungslosen Hässlichkeit an die Fratzen von George Grosz erinnern. Bereits im Alter von acht Jahren hat der junge Tomi Ungerer die Nazis gezeichnet, die seine elsässische Heimat besetzt hatten. Der Pinselstrich des kindlichen Tomi Ungerer offenbart viel: ein atemberaubendes Talent, die Realität durch Verfremdung abzubilden. Und Zorn. Einen Zorn, dem Ungerer bis ins Alter durch seine Zeichnungen Zügel anzulegen versucht.

In den USA verboten

Es sei denn, er schafft gerade etwas wie die „Drei Räuber“, eines der schönsten und warmherzigsten Kinderbücher, die je gemacht wurden. Ein Buch mit einer Botschaft: Drei Räuber sollt ihr sein: edel, hilfreich und gut. Das sagt Ungerer den Kindern. Und den Erwachsenen sagt er, dass sie’s leider nicht geschafft haben.

Es ist ja nicht so, dass Ungerer keine Freude an der Arbeit hat. Die habe er durchaus, zumindest so lange er sie tue, sagt Ungerer. Und auch an anderen Sachen. In den USA etwa seien seine Zeichnungen lange Zeit verboten gewesen. Das hat ihn eher gefreut. Jetzt sind sie es nicht mehr, was ihn nicht freut. Aber als er unlängst mal wieder über den großen Teich fliegen dürfte, um eine Ausstellung, die er ja eigentlich nicht mag, zu eröffnen, da habe er viele alte Freunde und Kollegen getroffen. „Wir sind mittlerweile alle am Verrecken“, und das hab ihn dann wieder gefreut.

Die Ausstellung in der Caricatura, sagt Kurator Frenz, solle auch Ungerers Wirken als Cartoonist würdigen. „Ich hasse dieses Wort“, sagt Ungerer, „ich bin Kenntnissammler“. Dann gibt er eine Erkenntnis zum Besten: „Ein Elefant mit einem Schlitz auf dem Rücken wird ein Sparschwein.“

Seine Werke betrachte er „wie einen Auflauf“ – im Ofen, während der Entstehung, sehe alles so lecker aus, und wenn man dann mit der Gabel reinpiekse: „Pffffft!“ Daher werkele er auch nicht ewig an seinen Bildern herum. Verbessert werde so gut wie nichts.

Zehntausende Zeichnungen habe er schon gemacht, „allein dieses Jahr drei Bücher hinter mich gebracht“, und er habe „noch nie einen Gummi benutzt“. So wenig wie seine Amphibien im „Kamasutra der Frösche“.

Am Ende der Pressekonferenz gibt’s eine Fragerunde. Das ist Tradition. Ungerer mag keine Fragerunden, er muss das nicht betonen, man spürt es. Selbst die Journalisten respektieren das und halten sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten zurück. Aber irgendeinen Hampelbajazz gibt’s ja immer. Und so fragt ein betagter Herr tatsächlich: „Tomi Ungerer, wir 68er halten Sie für einen von uns. Was sagen Sie dazu, dass sie vom subversiven Künstler zum Medienstar geworden sind?“

Da wird’s dann selbst Gott zu blöd und erstmals erhebt er die Stimme, wie fernes Donnergrollen dringt es durch den Ausstellungspressekonferenz-Raum der Caricatura: „Das hat nichts mit mir zu tun, dazu habt ihr mich gemacht. Es ist nicht meine Schuld, es ist eure Schuld. Mir ist das scheißegal!“ Amen.

Autor:  Stefan Behr
Datum:  7 | 12 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Nachrichten aus Frankfurt und Rhein-Main

Spezial

Die heiße Phase: Termine, Reportagen, Bilder - vom Kinderfasching bis zur Prunksitzung.

Fastnacht in Rhein-Main
Migrantenverbände kritisieren offen die Personalpolitik des Hessischen Rundfunks
Umstrittene Büttenrede 
Der Umzug ist vorbei. Doch kein Grund zu trauern. Denn nächstes Jahr heißt es wieder Klaa Paris!
Fastnachtsumzug in Heddernheim 
Die Narren sind los!
Fastnachtszug in Jügesheim 
Spezial
Alexander Kraft

Raus - und aufs Bike! Alexander Kraft präsentiert die FR-Mountainbike-Routen abseits der berüchtigten "Biker-Autobahnen".

Frankfurter Zoo
Bonobo-Dame im Frankfurter Zoo

Gorilla-Damen, Giraffe & CD. Die FR ist live im Zoo dabei - und hält Sie auf dem Neuesten.

Video

Meistgeklickt
Das DFB-Bundesgericht mit dem Vorsitzenden Goetz Eilers hat entschieden: Das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC wird nicht wiederholt.
Kein Wiederholungsspiel zwischen Düsseldorf und Berlin 
        

Petra Roth spricht über das Buch, das Matthias Arning (rechts) geschrieben hat.
Petra Roth 
        

2006 mit der Seeger Session Band in der Festhalle. Springsteen präsentiert ein Album, das er mit 17 Straßenmusikern aufgenommen hat.
Bruce Springsteen 
Diese Schilddrüse ist eindeutig krank.
Skandal am Klinikum Hildesheim