Es gibt Briefmarken-Sammler, Kunst-Sammler, in schlechten Zeiten neuerdings auch Flaschen-Sammler. Ich bin seit Mitte Dezember Schneesammler. Dann geht in diesen Tagen mein erster Blick am Morgen in Richtung Wasserkuppe. Wenn Hessens höchster Berg eine weiße Mütze hat, kann es bei uns – knapp 600 Meter tiefer, am Fuße der Rhön – auch nicht mehr lange dauern. Normalerweise. Der Winter 2011/12 ist nachgewiesenermaßen kein Normalfall, er hat sich da erst mal eher vornehm zurückgehalten. Schnee hatten bisher nur die anderen. Und nur die hatten das weiße Baumaterial, das ich so dringend benötige.
Eskimo muss man nicht sein, um am Gestalten mit Schnee und Eis Gefallen zu finden. Wer alleine schon einen Schneemann gebaut hat, weiß, wie viel frische Luft und eiskalte Hände und Füße man sich dabei einhandeln kann.
Spaß ist garantiert, aber der weiße Baustoff muss mitspielen. Was dem Skifahrer ein seliges Lächeln aufs Gesicht zaubert, ist dem Schnee-
konstrukteur ein Graus. Denn nichts geht, wenn der Schnee pulvrig ist. Schön pappig muss er sein.
Iglu, Bar, Sprungschanze oder Figuren gelingen am besten, wenn die weiße Pracht zusammengepresst und dann in Form gebracht wird. Besprühen mit Wasser oder in hartnäckigen Fällen auch Schneezement sorgen für ein späteres Verfalldatum.
Wenn es aber um meine Schneebar geht, bin ich nicht kleinzukriegen. Schneebar-Bauzeit ist bei mir bis in den Februar rein. Seitdem ich vor Jahren bei Freunden getönt hatte, dass ich so ein Teil in null Komma nichts bauen kann, bin ich im Obligo. „Wenn ihr an Silvester kommt, trinken wir Sekt an meiner Freiluftbar und essen ein paar Häppchen“, hatte ich damals gesagt und mich in Zugzwang gebracht. Und so gilt seitdem der erste Blick unserer Silvester-Besucher immer dem Freisitz hinter dem Haus. In den vergangenen Jahren habe ich niemanden enttäuschen müssen.
Nur an Silvester in diesem Jahr hat es nicht geklappt. Nicht ganz so schlimm: Unsere „Stammgäste“ waren ohnehin verhindert. Das bisschen Schnee, das für kurze Zeit bei mir im Garten lag, habe ich zu einem Haufen zusammengeschoben und zumindest mal die Grundformen modelliert. So ein bisschen wie eine überdimensionierte Niere hat das Basismodell dieses Mal ausgesehen. Zwei Tage hat das gerade mal 30 Zentimeter hohe Bauwerk den Plusgraden getrotzt. Dann ist es mir unter den Händen weggeschmolzen. Schnee von gestern. Und jetzt, wo die richtigen Minusgrade herrschen, fällt kein Schnee vom blauen Februarhimmel. Aber bald wird er hoffentlich kommen.
Bauzeit: Zwei Stunden, bei gutem Schnee
Dann kann es endlich losgehen. Wichtig: Nass muss der Schnee sein und richtig pappig. Dann lässt er sich gut rollen. Zu zentnerschweren Ballen, die immer die Basis sind – für einen ein Meter zwanzig hohen Tresen oder zumindest für eine Schneefigur. Gerne auch mannshoch und mit Gesichtszügen. So wie im vergangenen Jahr. Da lag die weiße Pracht gut 30 Zentimeter hoch, und ich habe mein Basismodell in zwei Stunden hochziehen können: Erst drei dicke Rollen, etwa 60 Zentimeter im Durchschnitt, nebeneinander platzieren und alles, was an Schnee noch ringsum liegt, auf den Haufen drauf.
Als nächstes muss ich Pflöcke einrammen – senkrecht in den Schnee und mindestens vier. Sie sind die Grundlage und der Halt für die Schalbretter, die gerne auch aus Blech sein dürfen. Die werden vor die Pfähle geklemmt und von der Innenseite her weiter mit Schnee aufgefüllt. Bis auf gut eins zwanzig und bis die Form schon zu erahnen ist. Meist halbrund, eher aber halbeckig – mit einem geraden Schalbrett kriegt man halt keine runde Bar hin.
Wenn der Rohling steht, kommt das große Krautmesser zum Einsatz. Das war auch schon mal einen Winter lang verschollen – unter monatealtem Schnee – im Sommer gefunden dort, wo ich zum vierten Male vergeblich versucht hatte, ein Iglu im Garten zu bauen. Nicht für die Kinder damals. Die hatten erst kalte Finger und dann keine Lust mehr. Bezeichnend: Meine Schneebautätigkeit – ob Iglu, Schneeskulptur oder Eisbar – muss ich immer alleine zu Ende bringen. Mit besagtem Krautmesser, das lange genug ist um große Flächen zu modellieren. Dann wird überflüssiger Schnee-Schnack abgesäbelt.
Jetzt noch für eine glatte Oberfläche sorgen und – ganz wichtig – die Löcher für die Flaschen ausstechen und modellieren. Sekt braucht ein größeres Loch, der in meiner Familie beliebte Schlitzer Burgenkümmel passt eher in eine ovale Öffnung. Allen Flaschen steht dann aber – im Idealfall – der Schnee bis zum Hals. Ein paar feine Schnittchen auf den frostigen Tisch, gerne Lachs und andere Fischhappen, und die Kälte kann verdampfen. Rosenmontag mach’ ich noch mal einen Versuch.