Lange hatte mich das Sprichwort eines arabischen Freundes verwirrt: „Setze dich an das Ufer des Wadi, und du wirst die Leiche deines Feindes vorüberschwimmen sehen.“ Der Freund war davon ganz fasziniert, er verstand es intuitiv. Ich dagegen grübelte. Ein Wadi ist ein ausgetrocknetes Flussbett. Wenn er in der Regenzeit Wasser führt, dann steigt der Pegel oft so schnell, dass es lebensgefährlich wäre, an seinem Ufer zu verweilen. Und überhaupt, warum ist der Feind tot? Die Vorstellung von der Leiche erschreckte mich. Auch die Erklärung, manches brauche eben seine Zeit, befriedigte mich keineswegs. So ein Quatsch, dachte ich, und schob jeden Gedanken an das Sprichwort beiseite.
Frankfurt Yoga Vidya Frankfurt, www.yoga-vidya.de/center/frankfurt; Schule für Aikido und Zen, www.aikido-und-zen-frankfurt.de; Pagode Phat Hue, Zen, www.phathue.de; Zen Frankfurt City, Daishin Zen Meditation, www.zen-frankfurt-city.de; Buddhistisches Zentrum Frankfurt, Karma Kagyü Linie www.buddhismus-frankfurt.de
Wiesbaden: Zen-Meditation in Wiesbaden, www.yoga-vedanta-zentrum.de; außerdem: Yoga im Hinterhaus, Zen-Meditation, www.yogaimhinterhaus.de; Buddhistisches Zentrum Wiesbaden, www.buddhismus-wiesbaden.de
Darmstadt: Zengruppe Darmstadt, www.zen-gruppe-darmstadt.de; Yoga-Vidya Darmstadt, www.yoga-vidya.de/center/darmstadt; Deva Yoga, www.devayoga.de
Nachdem ich mich bereits jahrelang mit Yoga und Meditation beschäftigt hatte, war ich besessen von der Idee, einmal in einem Zen-Tempel zu meditieren. Zur Vorbereitung schloss ich mich einer Zen-Gruppe in Frankfurt an. Und eines schönen Tages kam ich an in dem kleinen Dorftempel von Inukai, das westlich von Kyoto liegt. Im Tempel wurde ich von einem grimmigen Novizen namens Dimitri aus Novo Sibirsk in Empfang genommen. Sein Assistent war ein Deutscher, Michael, der auf Mallorca als Segellehrer gearbeitet hatte, bevor er vor seiner Ehefrau nach Japan Reißaus genommen hatte.
So ruhig und entspannt wie lange nicht mehr
Das war ziemlich das Gegenteil von dem, was ich vorzufinden gehofft hatte. Ich hatte nicht lange Zeit, darüber nachzudenken. Das Leben im Dorftempel folgte einem strengen Tagesablauf. Morgens um halb drei wurde ich geweckt und zur Meditation gerufen. Wir saßen in Reih und Glied auf unseren Meditationskissen in Zazen, das heißt im Lotussitz, die Hände zu einer Schale unterhalb des Bauchnabels ineinandergelegt, die beiden Daumenspitzen einander berührend, den Blick vor sich auf einen Punkt am Boden fixiert. Nach einer halben Stunde läutete Dimitri den Gong, und wir erhoben uns zum Kinhin. Wir schritten meditierend den Altarraum ab, einer nach dem anderen, den linken Fuß zuerst setzend. Im Anschluss sangen wir Sutras, gemeinsam mit dem Roshi, dem Leiter des Tempels, der jeden Morgen eine Zeremonie abhielt. Der Roshi lachte viel und war sehr gütig und überlies mich und die übrigen Gäste ansonsten dem ruppigen Dimitri.
Daneben mussten wir kochen, putzen, den Kies rechen, Unkraut aus dem Moos im Garten zupfen. Die Zeit ging schnell vorbei, und am Ende war ich so ruhig und entspannt wie lange nicht mehr. Ich war dankbar für die Erfahrung, maßte mir aber nicht an, viel verstanden zu haben. Ich weiß nur, dass ich niemals bewusster ein Froschquaken, den leisen Fall des Sommerregens und den Windhauch in der Frühe wahrgenommen hatte als in Zazen. Und ich hatte das Gefühl, etwas Wesentliches über die japanische Kultur gelernt zu haben.
Konzentration ist wichtiger als Beweglichkeit
Jahre später hatte sich meine Meditationspraxis dahingehend entwickelt, dass ich Sanskrit-Mantras rezitierte, die ich in einer Yoga-Schule gelernt hatte. Dann begann ich Ashtanga-Yoga zu üben, eine dynamische Abfolge streng festgelegter Yogapositionen. Es ist wichtig, während ihrer Ausübung den Blick korrekt zu fixieren und tief und geräuschvoll den Atem zu lenken, während man den Beckenboden und den unteren Bauch konstant anspannt.
Ich übte. Ich hörte die Worte des indischen Meisters, der sagte, es komme nicht auf die Biegungen des Körpers an, sondern auf die innere Ausrichtung, die Konzentration dabei. Ich übte weiter. Da bemerkte ich, dass die Wahrnehmung meiner Umgebung während des Yoga die gleiche ist, wie in Zazen oder Kinhin. Der gütig lächelnde Roshi erschien wieder vor meinem inneren Auge, die Erinnerung an Dimitri-san, der so streng, aber auch so gerecht gewesen war. Aus einem Winkel meines Bewusstseins tauchte auch das arabische Sprichwort wieder auf und plötzlich machte es Sinn: Der Wadi, das ist das steinige Flussbett unseres verdorrten Alltagsbewusstseins. Das Sitzen am Ufer ist die Mühsal der Meditations-Disziplin, und der Feind ist der Widerstand, der uns davon abhält, das Leben als das zu erkennen, was es ist. Er wird davongetragen durch eine Art reinigende Kraft, die durch unsere Wahrnehmung fegt, wenn wir ihn endlich anzuzapfen vermögen – den Strom des Lebens selbst, der durch alles Lebendige fließt und den Tod mit einschließt. Meditation hat mich nicht klug, nicht heilig, nicht besser gemacht, aber auf eine erfüllende Weise gesund. Ich habe nach vielen Jahren gelernt, mich selbst anzunehmen. Darauf möchte ich nicht verzichtet haben.