Benno Möhlmann, 58, empfängt die FR-Redakteure in seinem kleinen Büro im Bauch der neuen Haupttribüne des Stadions am Bornheimer Hang. „Lange sitze ich hier nicht mehr“, erzählt der Mitbegründer und Ehrenpräsident der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV) mit einem Lächeln. Der Trainer des FSV Frankfurt denkt nicht etwa daran, seinen Job hinzuschmeißen. „Ich bekomme nur ein größeres Büro.“ Immer wieder klingelt das Telefon. Konditionstrainer Bastian Kliem bringt seinem Chef das Mittagessen vorbei („Das esse ich dann heute Abend“) und zu guter Letzt platzt Physiotherapeut Thomas Stubner mit einer wichtigen Nachricht ins Gespräch: „Die Aufnahmen sind da. Verhoek hat keine Zerrung, nur eine starke Einblutung. Pause bis zum 30. Januar.“ Am 3. Februar geht die Saison wieder los.
Herr Möhlmann, im vergangenen Sommer mahnten Sie im Interview mit der FR, es könnte ein holpriger Start in die neue Saison werden. Dann legte der FSV einen Traumstart hin. Was prophezeien Sie für die Rückrunde?
Die Situation ist ähnlich. Nach der tollen Aufholjagd in der Rückrunde im vergangenen Jahr waren alle zufrieden, genau wie jetzt nach unserer guten Hinrunde. Wir sind alle sehr zufrieden mit dem Erreichten. Deshalb gilt es jetzt, die Köpfe neu auszurichten und die Saison nicht etwa schon abzuhaken. So wie im Trainingslager, als einige vor unserer Niederlage gegen Havelse schon abgeschlossen hatten.
Haben Sie diese Entwicklung im Trainingslager kommen sehen?
Im Nachhinein muss ich sagen, ich hätte es kommen sehen können. Denn ich habe vor dem letzten Testspiel in der Türkei selbst nicht die hundertprozentige Aggressivität vorgelebt.
Aber in zwei Wochen geht es los. Bis dahin müssen Sie Spannung aufbauen.
Bei uns geht es darum, dass jeder sich individuell weiterentwickeln soll. Durch kontinuierliche Arbeit kann sich jeder verbessern, auch im höheren Alter. Das weiß ich aus eigener Erfahrung, und das sind unsere Ziele. Wenn uns das gelingt, werden wir auch in der Tabelle dafür belohnt.
Was spricht eigentlich dagegen, mal eine verrückte Ansage zu machen?
Nach dem Motto: Jetzt wollen auch wir, der kleine FSV Frankfurt, noch aufsteigen.Wenn ich mein Geld von den Zeitungen kriegen würde, würde ich das machen. So ein Ziel kann natürlich helfen, Spannung und Druck zu erhöhen. Aber ich denke, etwas Realismus gehört auch dazu. Natürlich sind auch wir in der Lage, für Überraschungen zu sorgen, aber an der Zielsetzung Aufstieg hätten meine Spieler arg zu knabbern.
So ein Druck kann auch das Gegenteil bewirken.
Ich habe das ja alles schon mitgemacht. Diese ganzen Dinge, auch vor der Saison zu sagen, wer wird Meister, das widerstrebt mir. Jetzt gab es wieder eine Umfrage, die ich beantworten sollte. Es ging darum, ob Braunschweig und Hertha schon durch sind. Und wie die Chancen für Kaiserslautern und Köln stehen. Das ist doch alles Käse hoch drei!
Und? Ihre Antwort?
Wahrscheinlich, möglicherweise, eventuell.
Bedeutet?
Wahrscheinlich sind die beiden durch, möglicherweise wird’s eng für Kaiserslautern und eventuell hat Köln auch noch eine Chance, aufzusteigen.
Es gibt Psychologen, die dafür plädieren, hohe Ziele zu formulieren.
Das widerstrebt mir eigentlich, damit tue ich mich schwer. Ich habe das in Fürth nach der Hinrunde mal gemacht. Das ging dann völlig in die Hose.
Einer, der mit seinen Toren gerade in der frühen Phase der Saison mitgeholfen hat, den FSV ins erste Tabellendrittel zu schießen, war Edmond Kapllani. Der fehlt nun aber verletzungsbedingt. Ein herber Verlust?
Das ist richtig. Aber mich beschäftigt mehr die Ungewissheit, ob die Spieler die Köpfe frei bekommen und in der Lage sein werden, zum Rückrundenstart gemeinsam hundert Prozent zu geben. Wenn alle an Bord sind, also auch John Verhoek, dann kriegen wir das schon hin. Dann kann so ein Ausfall eine höhere Konzentration bei den Alternativen bewirken.
Es heißt, Sie denken erst einmal über eine interne Lösung nach ...
... ja, weil die Journalisten dauernd nachfragen und was schreiben wollen. Wir haben gesagt, wir werden im Trainingslager das Verhalten der Alternativen beobachten, schauen, was uns selbst und dem einen oder anderen Vermittler einfällt. Dann setzen wir uns zusammen und entscheiden.
Sie werden sich sicher nicht von Vermittlern leiten lassen.
Sicher nicht, aber wir sind auch nicht so überheblich zu glauben, wir hätten den totalen Überblick. Wir versuchen schon, diese Dinge miteinzubeziehen oder zumindest uns anzuhören.
Die Namen Ilian Micanski und Rob Friend tauchen immer wieder auf. Schwachsinn oder Wahrheit?
In den Zeitungen steht doch kein Schwachsinn, alles was dort zu lesen ist, ist begründet und hat seinen Hintergrund (schmunzelt). Aber wie umsetzbar das alles ist, müssen wir sehen.
Aber Hand aufs Herz. Sie würden doch am liebsten einen neuen Stürmer verpflichten.
Lassen Sie es mich so sagen: Die Alternativen werden sicherlich nicht von heute auf morgen zentrale Superspieler werden. Für mich wäre eine interne Lösung sicherlich keine optimale Lösung, weil wir in Verhoek nur noch eine gelernte Spitze hätten. Aber wir werden darüber reden und in dieser Woche einen gemeinsamen Entschluss fassen.
Eine wichtige Personalentscheidung haben Sie vor der Winterpause selbst getroffen. Sie haben Ihren Vertrag vorzeitig um ein Jahr verlängert. Der frühe Zeitpunkt überraschte. Eigentlich sollten die Gespräche erst im Januar beginnen.
Ich hatte keine Lust, die ganze Zeit Fragen zu beantworten. Geschäftsführer Uwe Stöver ging es genauso. Deshalb haben wir das schon im Dezember geregelt.
Hatten Sie auch Angebote oder Anfragen anderer Klubs?
Es gibt laufend Anfragen von irgendwelchen Beratern oder Vermittlern. Das passiert immer wieder. Aber ich hatte kein konkretes Angebot von einem anderen Klub.
Beim FSV lässt es sich − auch medial − vergleichsweise ruhig arbeiten. Genießen Sie das?
Wir kriegen es im Moment gut hin, dass alle, inklusive der Medien, einen realistischen Blick auf das Mögliche haben. In diesem realistischen Spielraum sind wir relativ erfolgreich. Das passt. Bei einem Verein wie der Eintracht, die bundesweit, auf Dauer vielleicht auch international mehr Aufmerksamkeit erregt, ist das natürlich anders. Bei uns interessiert sich die Öffentlichkeit nicht für jede Kleinigkeit.
Wie groß ist Ihr Wunsch, noch einmal in die große Fußballwelt der Bundesliga zurückzukehren?
Ich verspüre keine Unzufriedenheit, in der zweiten Liga zu arbeiten. Vor allem nicht bei einem Verein zu arbeiten, der die Zielsetzung hat, besser zu werden und weiter zu kommen. Hier ziehen alle an einem Strang. Andererseits reizt mich die erste Liga natürlich immer noch. Ich habe in der Bundesliga gespielt und dort auch ein paar Jahre als Trainer gearbeitet. Die Bundesliga ist natürlich noch attraktiver geworden und ich traue mir das auch absolut noch zu. Ich weiß aber auch, dass ich für die Topvereine aufgrund meiner Vita höchstwahrscheinlich nicht mehr in Frage komme. Damit kann ich aber leben.
Ist der Ehrgeiz mit 58 ein anderer als mit 18?
Ich habe zwar nicht den Ehrgeiz, überall Nummer eins zu sein, aber ich möchte schon bei den Großen mitspielen. Als Jugendlicher hatte ich auch nicht den Ehrgeiz, in der Bundesliga zu spielen. Als ich dann aber dort angekommen war, wollte ich immer spielen. Und ich war stets Stammspieler.
Freuen sich darauf, demnächst bei der Trainertagung einen Pep Guardiola kennenzulernen?
Da bin ich mal gespannt. Er ist ja kein Mitglied im Bund Deutscher Fußballlehrer. Aber er wird bestimmt eingeladen und kann dann ein bisschen erzählen. Ich bin davon überzeugt davon, dass er schnell Deutsch lernen wird.
Wie erleben Sie diesen Hype der vergangenen Tage?
Schon distanziert. Wenn die Bundesliga läuft, wird das wieder weniger. Ich fand es viel bemerkenswerter, wie sich Jupp Heynckes verhalten hat. Der hat nämlich lange geschwiegen. Das fand ich gut. Denn er hat sich auf das Wesentliche konzentriert, den Start in die Rückrunde.
Das Gespräch führten Ingo Durstewitz, Jörg Hanau und Jan Christian Müller.
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