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Für Mich - Einfach besser leben

03. August 2012

Kinderwunsch-Special: Familienglück mit Nachhilfe

Die moderne Reproduktionsmedizin ermöglicht vielen ungewollt kinderlosen Paaren die 
Erfüllung ihres Herzenswunsches.

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Die Nachricht traf Tobias und Marion Munzinger wie ein Keulenschlag: Im Dezember 2006 stellte ein Neurologe anlässlich einer Routineuntersuchung des damals 28-Jährigen einen extrem bösartigen Gehirntumor fest. Von einem Tag auf den anderen kämpfte der Musikjournalist um sein Leben, lag bereits wenige Tage später auf dem Operationstisch in einer Fachklinik. Angesichts der dramatischen Situation geriet der zu diesem Zeitpunkt schon lang gehegte Kinderwunsch Munzingers und seiner damaligen Freundin und heutigen Ehefrau Marion naturgemäß aus dem Blickfeld. Fast ein wenig zu weit. Nach dem erfolgreichen Eingriff hatte die anschließende Strahlentherapie bereits begonnen. „Erst auf meine Nachfrage haben mir die Ärzte erklärt, dass meine Zeugungsfähigkeit durch die Behandlung eingeschränkt sein könnte“, erzählt Tobias Munzinger heute. Umgehend ließ der Darmstädter zwei Spermienproben einfrieren, um nach der erhofften vollständigen Gesundung auf die moderne Reproduktionsmedizin zurückgreifen zu können, wenn dies nach der Chemotherapie erforderlich sein würde. „Es war schon reichlich spät, mein Sperma war bereits leicht geschädigt war.“

Immer älter


Die Situation von Marion und Tobias Munzinger war außergewöhnlich. Viel häufiger gibt es Menschen, deren Sterilität auf weniger dramatische Ursachen zurückzuführen ist und die zur Erfüllung ihres Kinderwunschs ärztlichen Rat in Anspruch nehmen. „In den meisten Fällen trifft eine verminderte Zeugungsfähigkeit der Männer mit einer durch das Alter herabgesetzten Fruchtbarkeit der Frauen zusammen. Das ist dann der Grund für einen Termin bei uns“, erklärt Prof. Dr. Ernst Siebzehnrübl, Leiter des Zentrums für Reproduktionsmedizin in Frankfurt. Als einen Grund für die Probleme auf Seiten der Männer führt der Mediziner „die immer stärker steigende Belastung durch den Beruf“ an. Ähnliche Beobachtungen hat Prof. Dr. Gerhard Leyendecker gemacht: „Am häufigsten liegt eine Asthenozoospermie vor, also eine schlechte Samenqualität. Des weiteren würde ich die Endometriose – Entzündung der Gebärmutterschleimhaut – und die Adenomyose – Entzündung der Gebärmuttermuskulatur – sowie ein fortgeschrittenes Alter der Frau nennen.“ Immer mehr Frauen entscheiden sich aufgrund ihrer beruflichen und familiären Situation erst spät zur Familiengründung, was aber zugleich den Zeitpunkt für eine Schwangerschaft nach hinten schiebt – was nicht ohne Konsequenzen bleibt.


Gesellschaftliche Gründe


Prof. Leyendecker ist Mitglied im Ärzteteam des Kinderwunschzentrums Darmstadt. Er macht gesellschaft-liche Veränderungen für das steigende Alter seiner Patienten verantwortlich, setzt indes einen anderen Schwerpunkt. „Wir beobachten generell eine nachlassende Neigung zur Bindung“, konstatiert Leyendecker, der vor den sich daraus ergebenden Konsequenzen warnt: „Nicht allen ist bewusst, dass eine Schwangerschaft ab Mitte 30 deutlich seltener eintritt.“

Richtige Methode


Der ärztlichen Entscheidung für eine der Methoden geht die präzise Diagnose voraus. Die Wahl erfolgt nicht automatisch oder beliebig, unterschiedliche Problemstellungen verlangen nach eigenen, individuellen Lösungen. Gerade die Reproduktionsmedizin hat in den letzten Jahren beeindruckende Fortschritte gemacht. „Grundstrategie ist, die Methode zu wählen, die bei geringstmöglicher Belastung des Paares, vor allem der Frau, möglichst erfolgversprechend ist“, erläutert Prof. Siebzehnrübl. Wobei im Idealfall eine Hormonbehandlung für eine Schwangerschaft schon genügt, etwa wenn bei der Frau lediglich der Eisprung ausbleibt. „Und bei gering eingeschränkter Spermaqualität kann eine intrauterine Insemination schon ausreichend sein“, sagt der Fachmann. 
Marion und Tobias Munzinger unterzogen sich einer In-vitro-Fertilisation (IVF) – ein Procedere, das sonst in der Regel bei einem verschlossenen Eileiter zum Zuge kommt. „Liegt beispielsweise eine schlechte Samenqualität vor, rate ich meinen Patienten zu einer Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion“, sagt Prof. Dr. Gerhard Leyendecker, renommierter Autor 
einer Vielzahl von
Publikationen.

Entscheidungen

Im Falle von Befruchtungen außerhalb des Körpers müssen von mehreren maximal drei geeignete Embryos ausgewählt werden – eine Entscheidung mit ethischer Tragweite neben der medizinischen. „Die Einnistungsfähigkeit kann der Arzt am besten mikroskopisch beurteilen, wenn eine Fünf-Tage-Kultur durchgeführt wird“, sagt Leyendecker, der bereits 1986 mit dem Aufbau eines Kinderwunschzentrums
am Klinikum Darmstadt begonnen hat. Das erste IVF-Baby kam dort Anfang 1987 zur Welt.

Erfolgsaussichten

Dank des wissenschaftlichen Fortschrittes wird für viele Paare der Kinderwunsch trotz erheblicher medizinischer Komplikationen Wirklichkeit. „Je nach Ursache können wir unterschiedlich oft helfen“, schränkt Ernst Siebzehnrübl ein. „Im optimalen Fall, in dem nur eine Hormontherapie vonnöten ist, liegt die Erfolgsquote bei 80 bis 100 Prozent. Aber im schlechtesten Fall – es sind gar keine Eizellen mehr vorhanden – haben wir keine Chance.“ Hier ist nach deutschem Recht die Eizellspende – die Bereitstellung fremder, unbefruchteter Eizellen – untersagt. Gleiches gilt für die Leihmutterschaft, also das Austragen des Kindes durch eine andere Frau. Daher ist in dieser Konstellation keine Chance auf leiblichen Nachwuchs mehr vorhanden. In diesem Fall entscheiden sich viele Paare für einen Versuch im benachbarten Ausland. Neben den physischen Gründen für die Sterilität spielt das Alter der Patienten eine große Rolle, wie Gerhard Leyendecker ausdrücklich betont: „Die Schwangerschaftsrate nimmt mit fortgeschrittenem reproduktionsbiologischen Alter ab. Wenn drei Zyklen geplant sind, wie von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel genehmigt, sinkt die Erfolgsrate für Frauen mit zunehmendem Lebensalter.“ 
Drei Versuche, den so sehr ersehnten Nachwuchs zu bekommen, unternahmen die Munzingers, wobei die Kosten jeweils zur Hälfte von der Kasse übernommen wurden. „Pro Anlauf zwischen 4.000 und 5.000 Euro, wovon ich die Hälfte bezahlen musste.“ Die Darmstädter wurden im Anschluss an Versuch Nummer drei von der frohen Kunde regelrecht überrascht. „Meine Frau hatte noch gar nicht bemerkt, dass sie schwanger war, als wir zu einer Routineuntersuchung zu ihrem Frauenarzt gefahren sind“, berichtet Tobias Munzinger. „Als eine Schwester nach der Blutabnahme mit einem komischen Blick an uns vorbeiging, habe ich Marion in die Seite geboxt: ‚Ich weiß es, ich weiß es‘.“ Diesen Moment werden die Ehepartner nie vergessen: „Wir haben beide geweint.“ Denn Tobias Munzinger hatte seine Ahnung nicht getrogen – neun Monate danach kam der kerngesunde, heute anderthalbjährige Justus zur Welt.

Neues Verfahren

Ein neues Gerät wird die Chancen kinderloser Paare künftig nochmals erhöhen. Denn in Dänemark haben Forscher das sogenannte Embryoscope entwickelt. Verwendung findet das neue Gerät bei der In-vitro-Fertilisation oder der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion, bei denen Eizellen und Embryonen außerhalb des Körpers kultiviert werden. Bislang mussten die Ärzte die Brutschalen aus dem Inkubator herausnehmen, um den Befruchtungsprozess und die Entwicklung der frühen Embryonen zu kontrollieren. Da dieser Vorgang eine empfindliche Störung der Umgebungsbedingungen bedeutet – im Brutkasten wird das Milieu im Körper der Frau möglichst perfekt imitiert – wurden die Checks auf ein Minimum beschränkt. Denn jede Unterbrechung der Inkubation gefährdet die geplante Schwangerschaft.

Lückenlose Kontrolle

Diese Zurückhaltung gehört mit dem Embryoscope der Vergangenheit an, denn das Gerät kombiniert Brutschrank, Mikroskop und modernste Kameratechnik in einem. Alle 20 Minuten fotografiert das Embroyscope die Zellen mit einer minimalen Belichtungszeit von 80 ms pro Aufnahme. Die Bilder werden fortlaufend zu einem Zeitraffer-Video zusammengefasst – die Ärzte haben die ständige, lückenlose Kontrolle. Die gewonnenen Bilder und Daten liefern wertvolle Erkenntnisse. 
Die angeschlossene Analyse-Software wirft einen Direktvergleich der Zellen anhand von Diagnosetabellen aus – wichtige Informationen für den behandelnden Arzt. 
Er vergleicht die Entwicklungsschritte der Zellen und erkennt so, welche Embryonen nach Implantation in der Gebärmutter auch wirklich eine erfolgreiche Schwangerschaft versprechen. In Darmstadt setzt Prof. Leyendecker diese Technik bereits ein und äußert sich angetan: „Mit dem Embryoscope haben wir bessere Möglichkeiten, die Embryonenqualität zu beurteilen. Denn der Trend geht zum Transfer nur eines Embryos, damit eine komplikationslose Einlings-Schwangerschaft entsteht.“ Den „richtigen“ Fötus zu ermitteln sei nun einfacher, „da wir jetzt die Entwicklungsdynamik des Embryos über die ganzen fünf Tage der Blastozystenkultur optimal bewerten können.“

Ausschlussfaktoren

Der Wissenschaft zum Trotz wird sich der Kinderwunsch nicht immer erfüllen. Angesichts bestimmter Parameter halten Ärzte eine künstliche Befruchtung für wenig aussichtsreich. Prof. Leyendecker: „Etwa wenn das Alter zu hoch oder die Samenqualität zu schlecht ist. Ebenfalls würde ich abraten, wenn eine Schwangerschaft ein hohes gesundheitliches Risiko bedeutet.“ Prof. Siebzehnrübl sagt ebenfalls: „Chancen und Risiken müssen mit den Betroffenen intensiv diskutiert werden. Außerdem ist ein höheres Alter des Paares – die Frau ist über 45, der Mann über 55 – eine Kontraindikation, da die Erfolgsrate bei diesen Paaren sehr gering ist.“ Liegt das Problem allein auf Seiten des Mannes, ist als Ausweg noch der Gang zur Samenbank denkbar. Er steht wie alle reproduktionsmedizinischen Verfahren ausschließlich heterosexuellen Paaren zur Verfügung. Marion und Tobias Munzinger genießen heute ihr Elternglück und sind froh, dass ihnen geholfen wurde: „Wir würden es jederzeit wieder machen, es war die beste Entscheidung unseres Lebens.“

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