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Jazz-Schach: Füße auf die Tasten

Der grandiose Entertainer Chilly Gonzales kommt mit seinem Klavier nach Frankfurt. Mit im Gepäck hat er auch seinen ersten Spielfilm, für den er nicht nur den Soundtrack liefert, sondern auch die Hauptrolle spielte.

Weißer Flügel. Foto: dpa

Es ist Viertel vor Elf am Sonntagabend und Jason Beck aka Chilly Gonzales betritt den Frankfurter Mousonturm in Morgenmantel und Pantoffeln. Die Haare stehen ihm zu Berge, das ist nicht mal Absicht, da kann man nichts machen, das ist eben sperriges, struppiges Gewächs. Er ist gut drauf, gerade lief in einer etwas zu kleinen Projektion sein erster Spielfilm, „Ivory Tower“, ein unterhaltsamer Low-Budget-Streifen, in dem Gonzales nicht nur den Soundtrack liefert, sondern auch Hershell Graves spielt, ein mit sich und dem Spiel haderndes Schachgenie. Einen Aus-der-Welt-Gefallenen, irgendwo zwischen Bobby Fischer und Glenn Gould. Einen, der den Krieg am Brett beenden und das Spiel nur noch um der Schönheit der Züge willen zelebrieren möchte. Bauer d2-d4, Springer auf e7, nicht gedacht, sondern erfühlt, erhört, Schach aus Liebe: Jazz Chess.

Jetzt spielt Gonzales erst einmal wieder eine Rolle, diesmal die des Schauspielers auf PR-Reise. Er inszeniert eine kleine Pressekonferenz. Fragen werden höflich und zuvorkommend beantwortet, George Clooney würde es nicht besser können, eine Anekdote hier, ein Witz da.

Bald aber lockt der Flügel, ein etwas zu kurz geratener Yamaha, der viel auszuhalten hat an diesem Abend, denn Gonzales entdeckt schnell wieder das Herz der Rampensau, das in ihm schlägt. Er häutet altes Material, Lieder wie „So-Called Party Over There“ oder „Political Platform Shoes“, die aus einer fernen Zeit stammen, als Kitty Yo noch ein stilbildendes Label war, Gonzo der König Berlins und die Welt nach dem Takt der Hauptstadt tanzte.

Viel ist inzwischen passiert, Umzug nach Paris, ein Klavier-Solo-Album, ein enormer Erfolg als Produzent von Feist, ein iPad-Hit, eine gescheiterte Softrock-Hommage, ein Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde – 27 Stunden 3 Minuten 44 Sekunden, so lange hat noch nie jemand ein Solokonzert gegeben. Gonzales über alles.

Ein selbst produzierter Film inklusive Hauptrolle ist nur noch ein weiteres Puzzlestück seiner multiplen Künstleridentität, die sich um Authentizität einen Dreck schert. Dabei gibt es hinter allen Masken eine Konstante: die schier unstillbare Lust, zu unterhalten. Gonzales ist ein Entertainer, ein Bühnenathlet, ein Angeber und Poseur, der nichts so liebt wie den Wettkampf um die Liebe des Publikums. Er muss dafür nicht einmal mehr laut sein, ihm gelingt das inzwischen mit einer Gelassenheit, die ihn ganz und gar einzigartig macht.

Okay, ins Klavierinnere verkriechen, mit den Füßen auf den Tasten einen alten Police-Song begleiten oder sich auf offener Bühne von einem schwulen Tänzer die Haare schneiden lassen, das ist schon noch drin. Aber wahrscheinlich wäre das nicht einmal nötig gewesen. Der Mousonturm ist ihm schnell verfallen. Plötzlich jedenfalls ist es Mitternacht. Und niemand hat gemerkt, wie die Zeit verging.

Autor:  Tim Gorbauch
Datum:  28 | 9 | 2010
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