Als Isabelle Reiff zum ersten Mal aus dem Haus geht, um Sätze zu sammeln, ist ihr noch etwas mulmig zumute. Sie hält den eingeschalteten Laptop im Arm und fragt sich: Wohin? Schließlich ist sie nicht zum Prenzlauer Berg gezogen, wo die digitale Bohème zum Straßenbild gehört, sondern in die raue Dortmunder Nordstadt, eine Minute vom Borsigplatz entfernt. Sie gehört zu den 78 Teilnehmern von „2-3 Straßen“, einem Projekt, in dem mietfreies Wohnen gegen die Bereitschaft getauscht wird, ein Jahr lang an einem kollektiven Text zu schreiben. Nachbarn und Passanten zum Mitmachen animieren ist eine freiwillige, dem „2-3 Straßen“-Initiator Jochen Gerz aber natürlich sehr willkommene Zusatzleistung.
Jetzt liegt der Kollektivtext in Buchform vor. 887 Autoren haben sich an den gut 3000 Seiten beteiligt und mehr als 10000 Beiträge in 16 Sprachen verfasst. Um das Volumen bewältigen zu können, wurde der Text auf Dünndruckpapier gedruckt; im Schuber ist zudem eine illustrierte Dokumentation des im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010 verwirklichten Projekts enthalten. Sämtliche Beiträge des Buchs bleiben anonym, sind in der Reihenfolge ihrer Entstehung aneinandergereiht und gehen fließend ineinander über.
Da die einzelnen Autoren die Beiträge der anderen nicht kannten, entstand alles im Grunde wie ein Kinderspiel: Jemand bringt etwas zu Papier, faltet es so, dass der Folgende es nicht lesen kann und so fort.
Die erste Frage lautet natürlich: Wer soll das alles lesen? Obwohl der Text an vielen Stellen geradezu literarisch gestaltet wirkt, fühlt man sich durch den ständigen Wechsel von Stil und Thema zusehends verloren. Jochen Gerz meint, das Ganze sei nun einmal „kein Proust“, sondern das „Gefäß eines Jahres“. Als solches kann es geöffnet werden oder verschlossen bleiben.
Sein Harburger Mahnmal gegen den Faschismus, eine zwölf Meter hohe Säule, ließ Gerz über Wochen hinweg in der Erde versenken und schließlich mit einer Glasplatte versiegeln. Auch das „2-3 Straßen“-Buch lässt sich im Sinne eines solchen Kunstwerks lesen: Die Erfahrungen eines Jahres sind in den eng bedruckten 3000 Seiten verborgen, die Buchdeckel fungieren als Siegel.
Gleichzeitig steht das Buch in der langen literarischen Tradition des entgrenzten Texts. Zu den namhaftesten Paten zählen James Joyce, Italo Svevo und Jack Kerouac, über die Montagetechnik von Kerouacs „On the Road“ sagt Gerz, er habe das Gefühl gehabt, das hätten viele geschrieben.
Jochen Gerz, Jahrgang 1940, machte sich als Konzeptkünstler einen Namen. Unter anderem entwarf er das Mahnmal gegen den Faschismus in Hamburg-Harburg (1986) und den Platz der Grundrechte in Karlsruhe (2005). Für die Europäische Kulturhauptstadt Ruhr.2010 entwickelte er neben den „2-3 Straßen“ auch das Projekt „Platz des europäischen Versprechens“ in Bochum, das Ende des Jahres fertig werden soll.
Das Projekt „2-3 Straßen“ wird im Internet auf www.2-3strassen.de vorgestellt. Dort gibt es auch Hinweise auf Termine für die Besichtigungsmöglichkeiten vor Ort und Kontaktadressen/-telefonnummern.
Ausdruck des Ruhrgebiets
Für ihn ist die Gesellschaft der Autor von „2-3 Straßen Text“, ohne dass er deswegen Anschluss an die aktuellen Debatten um Schwarmintelligenz und kollektive Traktate suchen würde. So ausschweifend, vielstimmig und vielsprachig waren selbst die Situationisten nicht. Am einfachsten ist das Buch deshalb als Ausdruck des Ruhrgebiets zu greifen, dessen Urbanität sich nicht im verordneten Konkurrenzdenken zu den Metropolen und Megacities zeigt, sondern im Kleinklein eines traditionellen Einwanderungsraums. Insofern ist der schmucklos-elegante Schuber ebenso ein Monument der Kulturhauptstadt wie das neue Museum Folkwang in Essen.
In literarischer Hinsicht ist der Endlostext Fund- wie Sickergrube. Am Besten steigt man für Etappen von fünfzig Seiten in den Erzählfluss, eine Entdeckung macht man in jedem Fall.
Seiner umgreifenden Geste zum Trotz ist das Buch vor allem ein Werk der Miniaturen. Sei es eine verdichtete Lebensgeschichte, tagebuchartige Gedanken oder Arbeiterliteratur aus erster Hand: „damals in den 50ern viele cafes, kneipe von borussia gehoerte august lenz, ein fussballspieler. alle hoescharbeiter haben dort getrunken. (…) unser lohn war sehr karg bei hoesch, 2mal im monat geld, abschlag 150dm, ende des monats restlohn 50-90dm. ehefrauen nahmen maennern das geld am hoeschtor ab, weil die maenner es versoffen haetten. deshalb haben so viele maenner einen anderen ausgang gewaehlt.“
Manchmal fragt man sich, ob da nicht jemand literarische Prosa ins historische Gedächtnis des Endlostexts geschmuggelt hat; vierzig Seiten „Die Leiden des jungen Werthers“ auf Türkisch haben die Lektoren rechtzeitig identifiziert und als Verstoß gegen die Spielregeln entfernt.
Eine sichere Sache sind wahrscheinlich aktuelle Alltagsbeobachtungen, in denen das Buch im besten Fall wie ein Seismograph gesellschaftlicher Stimmungen wirkt: „Schwarze Trauerfahnen wehen zahlreich über dem Kleingärtnerverein Wanheimerstraße. Ich wundere mich, bleibe stehen. Ob wohl ein Sohn oder eine Tochter eines Kleingärtners bei der Loveparade gestorben ist? Die schwarzen Flaggen sind lang und schmal, eher wie Bänder, weniger wie Flaggen wehen sie im Wind. Und erst jetzt sehe ich: (Hätte ich keine Brille bekommen, wäre es mir nicht ins Auge gefallen.) Am unteren Rand vom Schwarz findet sich noch ein dünner, dünner roter Streifen. Bei allen Flaggen. Die Kleingärtner an der Wanheimer Straße haben ihre vielen Deutschlandflaggen von der WM nun einfach in Loveparadetrauerflaggen umgewandelt. Ob sie den roten und den gelben Teil der Flagge in Mülltonnen geworfen haben?“
Für Jochen Gerz ist das ganze Projekt Arbeit an der Gegenwart. Seiner Teilnehmerin Isabelle Reiff schlug er vor, die Passanten rund um den Borsigplatz nur um einen einzigen Satz „wie um ein Almosen“ zu bitten. Im „Making Of“-Beibuch berichtet Reiff, dass sie eine Weile überlegte, sich mit Papier, Stift und einem Pappschild an die Straßenecke zu setzen, es dann aber doch anders versuchte und davon überrascht wurde, wie oft sie über den einen Satz ins Erzählen kam. Ganz nebenbei enthüllt sie damit auch das heimliche Prinzip des Texts und die meistens erfüllte Sehnsucht seiner Leser.
Jochen Gerz, Hermann Pfütze (Hg.): 2-3 Straßen. DuMont Buchverlag 2011. Zwei Bände, 3000 Seiten, 86 Euro.