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Fußball-EM: Im EM-Sommer spielt Abzocke immer mit

In der Ukraine ist schon 100 Tage vor dem Start der Fußball-Europameisterschaft eines klar: Billig wird der Spaß nicht. Trotzdem schöpfen Deutsche Fans das Kartenkontingent voll aus.

Das Olympiastadion in Kiew
Das Olympiastadion in Kiew
Foto: dpa
Kiew/Berlin –  

Der Hydropark in Kiew liegt seit Wochen unter einer dicken Schneedecke. Der breite Fluss, der Dnjepr, ist zugefroren. Trotz der Kälte sitzen an vielen Stellen Männer beim Eisangeln. Einige haben sogar einen Metalleimer dabei, darin brennt ein Feuer, das ein bisschen wärmt. „Außerdem beruhigt es mich, wenn ich ins Feuer schaue“, sagt Viktor. Auch im Sommer weilt der Rentner eigentlich oft am stadteigenen Strand, aber wenn im Juni in der ukrainischen Hauptstadt die EM gespielt wird, will er sich auf seine Datscha zurückziehen. „Die Jungen wollen ihr Fest feiern, da will ich nicht stören“, sagt der alte Mann.

Sein Refugium wird dann in eine Partymeile verwandelt. Dort, wo eigentlich Kiewer Bürger ihr Wochenende verbringen, um den aufgeheizten Wohnsilos zu entkommen, soll ein Zeltlager für Tausende schwedischer Fans entstehen, deren Nationalteam alle Gruppenspiele in Kiew bestreitet. Statt der ursprünglich 6000 Plätze soll die Kapazität verdoppelt oder verdreifacht werden.

Viertelfinale bereits überbucht

Auch bei den deutschen Fans regiert längst nicht mehr die Zurückhaltung. Nationalteam-Manager Oliver Bierhoff teilte beim Medienworkshop in Berlin mit, dass das Kontingent von 6000 Karten für die Gruppenspiele im ukrainischen Lwiw (gegen Portugal und Dänemark) und Charkow (gegen die Niederlande) ausgereizt wird, das Viertelfinale (in Danzig oder Warschau) ist bereits überbucht. „Es ist davon auszugehen, dass wir bei allen Vorrundenspielen mehr Bewerber als Tickets haben werden.“ Bis zum 2.März können sich Fans registrieren – dann wird ausgelost. „Es ist schleppend angelaufen, aber dann wurde das Interesse immer größer“, sagt Jürgen Eißmann vom DFB-Fanklub Nationalmannschaft, bei dem mehr als 50000 Anhänger registriert sind. Eißmann glaubt: „Es wird sportlich und logistisch eine schwierige Vorrunde.“

Die Straßen in der Ukraine werden umso unsicherer und holpriger, je weiter östlich die Route führt. Der von der Uefa abgestellte Turnierdirektor Martin Kallen, bereits 2008 in der Schweiz in der Verantwortung, empfiehlt die Benutzung eigens eingesetzter Nachtzüge. Der Fanklub Nationalmannschaft bietet neben Busreisen auch Charterflüge von Köln-Bonn (fürs Niederlande-Spiel auch von Hannover) für 699 Euro an, die die Besucher noch in der Nacht zurückfliegen. Was der Forderung von Boris Kolesnikow, dem stellvertretenden ukrainischen Ministerpräsidenten, entspricht, der unlängst giftete: „Wenn die Hotels die Preise weiter anheben, rate ich den Touristen, sich ins Flugzeug zu setzen, die Spiele anzuschauen und gleich nach Hause zu fliegen. Gier führt zu Armut.“

73 Euro für einen Zeltplatz

Selbst bei den offiziell von der Uefa vermittelten Offerten gehört Abzocke dazu: Ohne eine Mindestaufenthaltsdauer von drei Tagen geht gar nichts. Wer nach Charkow nur für eine Nacht will, bezahlt selbst für ein winziges Zimmer schnell 180 Euro. Mit einer Komfortzone ist eher nicht zu rechnen. Für eine Ein-Sterne-Unterkunft heißt es: „Es gibt nur einen Duschbereich für das ganze Hostel mit 90 Zimmern. Die drei Toiletten, offene Stände, werden im Frühjahr renoviert.“ Kallen drückt sich so aus: „Man kann in der Ukraine preiswert übernachten – wenn man bereit ist, auf gewissen Luxus zu verzichten.“

Nach Uefa-Angaben gibt es in Lwiw 8000 Betten aller Kategorien, in Charkow 6000. Laut Kallen seien umfunktionierte Studentenwohnheime eine alternative Lösung. Die Zeltlager der Fan-Camps existieren bislang lediglich als Computeranimationen. Und selbst ein Plätzchen auf dem „Lwiw Football Camp“ wird mit 73 Euro pro Nacht nicht eben billig. Aber wohl immer noch besser, als auf findige Trickbetrüger hereinzufallen. Im Internet locken unzählige private Anbieter, die oftmals verlockende Apartments offerieren. Vorsicht ist angebracht. „Viele verlangen Mondpreise. Ganz davon abgesehen, dass die im Internet gezeigten Wohnungen oft gar nicht vermietet werden, sondern nur als Lockvogel dienen“, sagt Igor Golubakna, Präsident des Reiseanbieters Hamalia. Generell ist die Preispolitik ein Ärgernis: Wohnungen in Kiew kosten im Internet 300 Euro und mehr pro Nacht. Kallen sagt, er habe mit den Hoteliers gesprochen, „wenn sie dabei bleiben, werden sie keine Gäste haben“.

Einer wie Viktor wird im Sommer ohnehin nicht in der Stadt sein. Zögerlich spricht er aus, was viele denken. Als das Turnier vergeben wurde, habe er gehofft, dass die 2,8-Millionen-Einwohnerstadt neue Busse und Metrozüge bekommt. Das hätte auch den einfachen Leuten geholfen. „Leider hat es dafür wieder nicht gereicht“, sagt Viktor.

Autor:  Frank Hellmann und Nina Jeglinski
Datum:  23 | 2 | 2012
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