Auf kaum eine neue Schulform richten sich so große Hoffnungen: Die Ganztagsschule soll Kinder, vor allem Schwächere, zu besseren Noten führen. Sie soll aber auch gute Schüler anziehen, mehr Bewegung und Kultur in die jungen Leben bringen und am besten noch das soziale Klima verbessern. Nun stellt sich heraus: Sie kann all das – wenn sie gut gemacht ist.
Nachdem ein Team um den Bildungsforscher Eckhard Klieme 5000 Schüler mit und ohne Ganztagsangebote über vier Jahre von der fünften bis zur neunten Klasse beobachtet und weitere 50000 Schüler, Eltern, Lehrer und anderes Personal befragt hat, zogen die Wissenschaftler gestern in Berlin eine überwiegend positive Bilanz.
Vor allem schulisch lässt sich der Erfolg nicht übersehen: Nur 2,4 Prozent der ganztags aktiven Schüler bleiben in der Sekundarstufe 1 sitzen – bei ihren Altersgenossen sind es 8,4 Prozent. In der voll gebundenen Ganztagsschule, also jener, bei der die Schüler nicht gehen können, wann sie wollen, wiederholen gar nur 1,4 Prozent. Analog dazu verbessern sich zudem die Noten beim Ganztagsschul-Besuch.
Auch unter sozialen Gesichtspunkten hat das Team der „Steg“-Studie (Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen) Gutes zu vermelden: Während „problematisches“ Verhalten zwischen elf und 15 Jahren allgemein steigt, nimmt es an den Ganztagsschulen sogar leicht ab. Auch zu Hause kommen Schüler und Eltern offenbar besser zurecht.
All das gilt aber nur unter Voraussetzungen, die nicht immer gegeben sind: „Wenn auf dem Türschild ,Ganztag’ steht, reicht das nicht“, so Thomas Rauschenbach, Leiter des Deutschen Jugendinstituts in München. Gefordert seien „qualitätvolle Angebote“ bei gleichzeitiger Differenzierung des Unterrichts. Schulen, die alle Schüler nach demselben Schema F unterrichten, senken dagegen das Notenniveau von der 5. bis zur 9. Klasse systematisch ab – ganztags wie halbtags. Und: Für alle positiven Effekte muss der Ganztagsbesuch regelmäßig an mehr als drei Tagen in der Woche stattfinden.
Förderung als Pflicht
Die Qualität verbessern ließe sich vor allem bei den Förderchancen, die das „Mehr“ an Zeit bietet. So nahmen vier von fünf Ganztags-Grundschülern 2009 an Freizeit-Angeboten teil, aber nicht einmal jeder zweite an Hausaufgabenbetreuung und weniger als jeder dritte an „fachbezogenen Förderangeboten“. An weiterführenden Schulen schrumpft der Förderanteil noch. Klieme empfahl, mehr Schüler zur Teilnahme an Förderstunden zu verpflichten.
Wie Ganztagsschulen verbreitet sind und welche Länder bessere oder weniger gute Konzepte verfolgen, haben die Forscher nicht untersucht. Laut Klieme, dem Leiter des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt, sind die Unterschiede allerdings nicht ausschlaggebend: „Die Frage, wo eine Ganztagsschule steht, ist nicht entscheidend. Wichtig ist, wie sie arbeitet.“
Über die Schüler fanden die Forscher heraus: Kinder aus Zuwandererfamilien sind unterrepräsentiert; 2009 besuchten 70 Prozent ohne und 60 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund eine Ganztags-Grundschule. Die Tendenz sei steigend.
In jedem Fall gelte: Der Bedarf sei nicht gedeckt: „Zu sagen: Es reicht! wäre ein falsches Signal“, so Klieme. Das Vier-Milliarden-Euro-Programm des Bundesbildungsministeriums, das die Studie in Auftrag gab, lief 2009 aus.
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