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Diagnose: Garnelenwahn

BP und der Golf von Mexiko sind in den Schlagzeilen. Schließlich sind amerikanische Strände, amerikanische Fischer und amerikanische Arbeitsplätze in Gefahr. Da gerät der tägliche Wahnsinn der Weltzerstörung manchmal etwas aus dem Blick. Flüsse sterben, Fische sterben, Vögel sterben, irgendwann werden auch die Menschen krank und sterben, zum Beispiel in Nigeria. In den vergangenen 50 Jahren ist das Delta des Niger mit bis zu 1,5 Millionen Tonnen Rohöl verseucht worden. Hier sind Shell, Chevron, ExxonMobil und Total tätig. Von der Gefährdung der Ressource Wasser in derart großem, katastrophalem Ausmaß hören wir ständig.

Weniger präsent ist uns diese Gefährdung in ihrem kleinen, alltäglichen Ausmaß: Mit Medikamenten beschäftigen wir uns eigentlich nur, wenn wir sie einnehmen. Dass wir sie auch ausscheiden, wird aber zu einem immer größeren Problem. Und nicht benutzte Medikamente wandern in den Hausmüll. Schmerzmittel, Blutdruckmittel, Cholesterinsenker, Antibiotika, Röntgenkontrastmittel und Hormone – immer mehr Medikamente geraten auf diese Weise in den Wasserkreislauf; bislang hat sich niemand um deren Nachhaltigkeit gekümmert!

Das hat gravierende Auswirkungen in den Nahrungsketten. Das Antirheumatikum Diclofenac löste bei bayrischen Regenbogenforellen Nierenschäden aus und Bachforellen in der Schweiz erlitten eine Schwächung ihrer Immunabwehr. Es droht ihr Aussterben. Synthetische Östrogene aus der Antibabypille sind nicht abbaubar und führen bei Fischen zu Unfruchtbarkeit und Geschlechtsumwandlungen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das auch beim Menschen eintritt. In Antibiotika-verseuchtem Wasser vermehren sich nur noch resistente Bakterien, die dann im Falle einer Infektionskrankheit kaum noch behandelbar sind. Geierarten in Indien sterben derzeit aus, da sie sich von Diclofenac-verseuchten Rinderkadavern ernährten.

Und jetzt hat es auch die Garnele erwischt: Die Konzentration von Fluoxetin, einem Medikament zur Behandlung von Depressionen, ist in einigen englischen Küstengewässern inzwischen so hoch, dass die in Dunkelheit lebenden Garnelen plötzlich zum Licht streben, wo sie dann von Fischen und Vögeln gesehen und gefressen werden.

Die Konzentrationen steigen, die Gefahr für unser Trinkwasser nimmt zu. Muss man sich große Sorgen machen? Wenn wir erst einmal alle Ozeane, Flüsse und Seen verdorben und vergiftet haben, dann haben wir ja immer noch eine Reserve von 500 Milliarden Liter Wasser auf dem Mond – jedenfalls für die, die sich einen Flug dorthin leisten können.

Autor:  Dr. med. Bernd Hontschik
Datum:  19 | 7 | 2010
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