Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Gastbeiträge

10. März 2016

AfD in Hessen: Der Erfolg der Anti-Flüchtlings-Partei

 Von Wolfgang Schroeder, Oliver D'Antonio und Sascha Futh
Der Erfolg der AfD in Hessen kann nicht überraschen.  Foto: dpa

Das hessenweite Ergebnis der AfD bei den Kommunalwahlen sollte als Weckruf an die Zivilgesellschaft verstanden werden. Offen ist hingegen, wie es mit der AfD weitergeht. Ein Gastbeitrag.

Drucken per Mail

Im Jahr 1975 warnte der damalige Erste Bürgermeister der Hansestadt Hamburg, Hans Ulrich Klose, vor einer „Unregierbarkeit der Städte“, nicht zuletzt, weil eine selbstbewusste Parteibasis, aber auch Bürgerinitiativen und Interessenverbände mit ihren Partizipationsansprüchen die politische Führung vor sich her trieben. Vier Jahrzehnte später muss die Unregierbarkeitsfrage völlig neu gestellt werden. In Kassel finden sich künftig Vertreter von acht Listen im Rathaus wieder, in Darmstadt neun, in Offenbach und Wiesbaden elf sowie in Frankfurt sage und schreibe fünfzehn. Hessens Rathäuser erleben dieser Tage italienisch-belgische Verhältnisse.

Zudem war die Wahlbeteiligung bei den hessischen Kommunalwahlen im März 2016 mancherorts vernichtend, die einst etablierten Parteien finden oft nur schwer Kandidaten für ihre Listen und noch schwerer loyale Wähler. Viele Bürgerinitiativen haben sich zu kommunalen und bundespolitischen Protestformationen entwickelt, die die Rathäuser erobern und die Koalitionsbildung im Magistrat erschweren.

Ein Blick in die Plenarsäle der hessischen Großstädte demonstriert die Folgen des Schwindens der Integrationskraft der Parteiendemokratie. In keiner der fünf größten Städte Hessens gelang es einer Partei, die 30-Prozent-Marke zu überschreiten. Eine Koalition aus CDU und SPD ist nur in Kassel und Wiesbaden mit höchst knapper Mehrheit möglich. In Frankfurt, Darmstadt und Offenbach werden mindestens Dreierbündnisse nötig sein. Galt einst die Faustregel, dass von Verlusten der einen, die jeweils andere Volkspartei profitiert, gelang es von den drei großen Parteien CDU, SPD und Grünen lediglich der Frankfurter SPD überhaupt, einen Zugewinn im Vergleich zu 2011 zu verbuchen. Dafür sind die Stadtverordnetenversammlungen zersplitterter als je zuvor.

Die Wahlbeteiligung bei den hessischen Kommunalwahlen war mancherorts vernichtend, die einst etablierten Parteien finden oft nur schwer Kandidaten für ihre Listen und noch schwerer loyale Wähler.  Foto: dpa

In der Folge wird nun nach institutionellen Reformen wie der Wiedereinführung einer Sperrklausel gerufen. Das kann ein Baustein sein, doch damit werden die gegenwärtigen „Unregierbarkeits“-Probleme nicht gelöst. Vielmehr wird es um eine neue demokratische Kultur in den Stadtparlamenten gehen. Die zum Teil starke parteipolitische Überformung der Räte, die seit den 70er Jahren Einzug hielt, wird durch eine Koexistenz von Parteien, Wählervereinigungen und freien Listen abgelöst. Statt starker Koalitionen sind sach- und themenorientierte Bündnisse mit wechselnden Partnern gefragt, oder breitere Konsens- und Koalitionsbildungsprozesse. Diese Form der Komplexitätsbewältigung könnte für die Kommunalpolitik durchaus eine Entlastung sein – wäre da nicht das zweite bemerkenswerte Ergebnis der Wahlsonntags: der Erfolg der AfD, einer Partei, die allgemein als nicht bündnisfähig betrachtet wird.

Wolfgang Schroeder.  Foto: dpa

Vor gut drei Jahren, im Mai 2013, gründete sich die hessische AfD. Zwar gelang der Partei im September 2013 nicht der Einzug in den Hessischen Landtag, doch bei der parallel stattfindenden Bundestagswahl erreichte sie mit 5,6 Prozent der Zweitstimmen ihr bestes Ergebnis in den westdeutschen Bundesländern. Die 9,1 Prozent in Hessen bei der Europawahl 2014 wurden nur in Sachsen getoppt. Vor dem Hintergrund der Flüchtlingssituation überraschte daher das hessenweite Trendergebnis für die AfD von 13,2 Prozent bei der Kommunalwahl wenig. Erstaunlich ist gleichwohl, dass sich parallel zu diesen Wahlen das Profil von der Anti-EU-Partei zur Anti-Flüchtlings-Partei gewandelt hat. Wer sie wählt, will vor allem seinem Protest gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung Ausdruck verleihen. Kommunalpolitische Themen spielen dabei keine Rolle. Den kommunalen Programmen der AfD fehlen übergreifende kommunalpolitische Leitlinien.

Das Diktum von Franz-Josef Strauß scheint widerlegt

Es fällt schwer, das Wählermilieu der AfD klar zu definieren. Über 700 AfD-Kandidaten traten bei der Kommunalwahl in 20 von 21 Kreisen, in allen kreisfreien Städten sowie in einzelnen Gemeinden an. Die besten Trendergebnisse bei den Kreistagswahlen erreichte die AfD zwar im Süden des Landes, im Kreis Bergstraße (18,4 Prozent) und im Landkreis Offenbach (16,8 Prozent). Im Vogelsbergkreis (5,8 Prozent) und im Lahn-Dill-Kreis (8,8 Prozent) verbuchte sie dagegen die niedrigsten Ergebnisse. Dennoch lassen sich insgesamt keine höheren Ergebnisse in Südhessen oder niedrigere Ergebnisse in Nord- und Mittelhessen feststellen. Auch der Stadt-Land-Vergleich zeigt keine deutlichen Unterschiede. Beachtlich ist, dass es der AfD immer gelang, mindestens 5 Prozent der Stimmen zu erreichen. Es zeigt sich, dass insbesondere Protestwähler der AfD ihre Stimme geben, die weniger kumulieren und panaschieren, sodass die Partei beim Trendergebnis überbewertet wurde.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Die Verluste der großen Parteien deuten darauf hin, dass die AfD auch Wähler der etablierten Parteien erreicht. Im Gegensatz zur NPD, DVU und den Republikanern ist die AfD in der sozialstrukturellen Mitte der Gesellschaft angekommen und das Diktum von Franz-Josef Strauß scheint widerlegt, dass es „rechts der Union“ keine Partei geben darf.

Mehr dazu

Offen ist gleichwohl, wie es mit der AfD weitergeht: Dass alle Parteien in ihrer Gründung aus Protest geboren sind und dabei ein zentrales Thema im Lichte der Öffentlichkeit stand, ist gemeinhin bekannt. Dies trifft auf die Sozialisten im 19. Jahrhundert ebenso zu wie auf die Grünen und die Linke. Der langfristige Erfolg hängt dabei einerseits von der Stabilität des gesellschaftlichen Konfliktes ab, aber auch davon, ob es gelingt, über den monothematischen Protest hinaus, Themen zu entwickeln und die politische Debatte so zu bereichern. An diesen Hürden scheiterten die meisten Neugründungen, egal ob Republikaner, STATT-Partei oder Piraten.

Im Falle eines Erfolges der AfD werden die etablierten Parteien und die Bürgergesellschaft, auch im Sinne der Regierbarkeit der Städte, mit der AfD umgehen müssen. Wenn die AfD spaltet, dann müssen sich die etablierten demokratischen Parteien enger verbinden und ein Signal für eine liberale und offene Gesellschaft setzen, sodass auch die Bürger von ihrem Wahlrecht zugunsten dialog- und konsensfähiger Parteien sowie Wählerinitiativen wieder intensiveren Gebrauch machen.

Professor Wolfgang Schroeder hat an der Universität Kassel den Lehrstuhl für Politisches System der Bundesrepublik Deutschland inne. Mitautoren seiner Analyse der Kommunalwahlen in Hessen für die FR sind Oliver D’Antonio und Sascha Futh.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Fall Jenna Behrends

Überfällige Sexismus-Debatte in der CDU

Von  |
Der Berliner CDU-Landesparteichef Frank Henkel weiß, wie er mit seinen Parteikolleginnen umzugehen hat.

Sexismus ist nichts, was die Berliner CDU exklusiv für sich beansprucht. Er findet sich in Parteien, Unternehmen und Verbänden. Eine breite Debatte darüber ist lange überfällig. Der Leitartikel. Mehr...

Koalition

Kaum Hoffnung für Rot-Rot-Grün

Etwas rot und etwas grün. Das gibt eine scharfe Mischung.

Rot-Rot-Grün könnte im Bund eine Machtalternative sein. Doch noch sind die Differenzen der drei Parteien zu groß. Das lässt die Chancen einer erneuten großen Koalition wachsen. Der Leitartikel. Mehr...

Labour-Partei in Großbritannien

Der Kampf des Jeremy Corbyn

Von Sebastian Borger |
Freut sich über seinen Wahlsieg: Jeremy Corbyn.

Die Labour-Partei macht es sich unter dem in seinem Amt bestätigten Vorsitzenden Corbyn in der linksradikalen Nische bequem. Dabei wäre wirksame Opposition bitter nötig. Der Leitartikel. Mehr...

Erbschaftssteuer

Unternehmer-Lobby leistet gute Arbeit

Wenn es ums Erben geht, sind manche ein bisschen gleicher als andere.

Die „Reform“ der Erbschaftssteuer steht. Sie wird einige wenige Unternehmen stärker belasten, die meisten nicht. Was für ein Verständnis von gleichen Pflichten für alle steckt dahinter? Der Leitartikel.  Mehr...

Russland

Darf Putin sich freuen?

Noch ist offen, ob Wladimir Putin einen Sieg oder einen Pyrrhussieg errungen hat.

Einiges Russland siegt bei der Dumawahl. Doch kaum ein Oppositioneller schafft es ins Parlament. Das beschädigt die Legitimität des Systems. Der Leitartikel. Mehr...

CDU/CSU

Preiswürdige Sandkastenpolitik

Kanzlerin Merkel (CDU) und Seehofer (CSU) in trauter Uneinigkeit.

Die CSU mag nach der Entschuldigung der Kanzlerin Genugtuung verspüren, Merkel den Vorgang als notwendiges Übel abbuchen. Aber preiswürdig ist all das nicht. Im Gegenteil. Der Leitartikel.  Mehr...

Berlin-Wahl

Merkels Konzept ist erledigt

Hat Kanzlerin Merkel der AfD den Zünder für ihren Aufstieg geliefert?

Das Wahlergebnis von Berlin beendet Kanzlerin Merkels Strategie. Nun wird wieder gestritten über Themen, deren Lösung nicht mehr alternativlos ist. Der Leitartikel.  Mehr...

Berlin-Wahl

Deutschland rückt nach rechts

Zur Wahlparty gibt es die AfD - ganz aus Mett.

Auch in der Hauptstadt hat sich die AfD als feste Größe im Parteiensystem erwiesen. Auf der anderen Seite steht Rot-Rot-Grün vor der Tür. Was heißt das für den Bund? Der Leitartikel.  Mehr...

Krawalle in Sachsen

Von Hoyerswerda nach Bautzen

In den vergangenen fünf Monaten musste die Polizei zu mehr als 70 Einsätzen ausrücken.

Der Fremdenhass befindet sich in Deutschland auf dem Vormarsch. Zu diesem ernüchternden Urteil kommt, wer sich die Entwicklung der vergangenen 25 Jahre anschaut. Der Leitartikel. Mehr...

Gipfel in Bratislava

Die EU braucht Hilfe

In Bratislava soll vor allem geklärt werden, wie Europa nach dem Brexit-Votum der Briten wieder näher an die Menschen gebracht werden kann.

Die Bundestagswahl im 2017 sollte den Charakter eines Plebiszits für Europa annehmen. Jeder Kandidat sollte sagen, ob er in einem weltoffenen Europa leben möchten – oder nicht. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige