Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Gastbeiträge

14. Mai 2015

Gastbeitrag: Eine Chance für junge Europäer

 Von Jacques Delors

Die Jugendarbeitslosigkeit verlangt nach einem neuen Anlauf bei der Ausbildung. Unser Vorschlag: das Projekt „Erasmus Pro“. Ein Gastbeitrag.

Drucken per Mail

Die Situation zahlreicher junger Europäer ist alarmierend. Fünf Millionen sind auf der Suche nach einer Arbeitsstelle, das heißt jeder vierte Jugendliche im erwerbsfähigen Alter. In einigen Ländern betrifft das Problem sogar jeden zweiten Jugendlichen. Das Drama einer verlorenen Generation zeichnet sich ab.

Die Bilanz der bisher ergriffenen Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Situation ist mehr als enttäuschend. Die meisten unterstützen bereits existierende Initiativen, die exklusiv national bleiben. Dies ist beispielsweise der Fall bei der „Jugendgarantie“ und den 6,4 Milliarden Euro, die für den Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit beschlossen wurden. Andere Aktionen sollen die Mobilität fördern wie „Dein erster Eures-Arbeitsplatz“. Diese Bewegung geht zwar in die richtige Richtung, ist aber viel zu unbedeutend und aufgrund ihrer Bescheidenheit sowie ihrer Mechanismen sicher nicht geeignet, die Jugendarbeitslosigkeit entscheidend zu beeinflussen.

Transeuropäische Mobilität steht jedoch im Mittelpunkt der Politik der Europäischen Union. Dank des Programms Erasmus haben seit 1987 mehr als drei Millionen Studenten einen Teil ihres Studiums an einer Universität eines anderen Mitgliedstaates absolviert. Was Europa für seine Studenten gelungen ist, kann und muss es heute für die weniger qualifizierten Jugendlichen in die Wege leiten, die am stärksten von der Arbeitslosigkeit betroffen sind. Die Mobilität kann einen Impuls für eine bessere Qualifikation und den Zugang der Jugendlichen zur Beschäftigung geben.

Wir schlagen den europäischen Staats- und Regierungschefs vor, dringend ein neues berufsorientiertes Mobilitätsprogramm – Erasmus Pro – einzurichten, das es einer Million junger Europäer bis 2020 ermöglichen wird, eine Berufsqualifikation in einem anderen europäischen Land zu erlangen.

Die Jugendlichen würden von einem Ausbildungszentrum und einem Unternehmen des Gastlandes für einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren empfangen. Diese Initiative würde die notwendigen nationalen Reformen ergänzen, die gerade in Ländern im Süden Europas Ausbildungsberufe fördern sollten. Das Programm muss schnell, einfach und direkt umgesetzt werden und bei den Jugendlichen den Wunsch hervorrufen, zu dieser „Million“ von mobilen jungen Auszubildenden zu gehören. Es ist unerlässlich, dass sich auch die Unternehmen von dieser Dynamik leiten lassen.

Das Programm Erasmus Pro muss Jugendlichen, die eine Ausbildung in einem anderen Land absolvieren möchten, Folgendes bieten: 1) den Zugang zu den in der EU verfügbaren Angeboten (dank des Eures-Netzes und der nationalen Arbeitsagenturen); 2) die Deckung der Mobilitätskosten und der Kosten der Sprachausbildung und 3) eine Begleitung im Gastland. Um den Unternehmen einen Anreiz zu geben, sich in diesem grenzüberschreitenden Qualifikationsprogramm zu engagieren, muss das Programm Erasmus Pro außerdem eine Beteiligung am Lohn vorsehen, der dem europäischen Auszubildenden gezahlt wird.

Die Umsetzung dieses Programms würde für die EU monatliche Kosten pro Jugendlichem in Höhe von 800 Euro bedeuten (je nach Lebensstandard und Vergütung der Auszubildenden in den verschiedenen europäischen Regionen), die zwischen der Beihilfe für den Jugendlichen und dem finanziellen Anreiz für das Unternehmen zu verteilen wären. Um 200 000 Jugendlichen pro Jahr zu ermöglichen, an dieser Berufsqualifikation in einem anderen Mitgliedstaat teilzunehmen, müsste die EU daher ein jährliches Budget in Höhe von ungefähr fünf Milliarden Euro aufbringen. Diese finanziellen Anstrengungen sind für die EU durchaus umsetzbar.

Die Kosten der Aktion müssen außerdem gegen die Kosten einer Untätigkeit aufgewogen werden: Eine kürzlich durchgeführte Studie hat ergeben, dass sich die Kosten für arbeitslose Jugendliche in der EU, die weder ein Studium noch eine Ausbildung absolvieren, im Jahr 2011 schätzungsweise auf mehr als 150 Milliarden Euro beliefen. Zu diesen Verlusten kommen die Kosten für mittel-/langfristige Arbeitslosigkeit hinzu, sowohl für die Wirtschaft als auch für die Gesellschaft.

Erasmus Pro bietet der Gemeinschaft zahlreiche Vorteile. Die Jugendarbeitslosigkeit sinkt, das europäische Humankapital wird aufgewertet und die europäische Integration verbessert. Jedes Land würde von seinen jungen „Erasmus Pro“-Absolventen profitieren, die mit einer Berufsausbildung, Fremdsprachenkenntnissen und einer europäischen Kultur in ihre Heimat zurückkehren. Um diese zirkuläre Mobilität der jungen Menschen zu garantieren, muss die EU in zwei Bereichen erhebliche Fortschritte machen: erstens bei der Übertragbarkeit der Sozialansprüche und zweitens im Bereich der gegenseitigen Anerkennung der Diplome und Qualifikationen, sei es de jure oder de facto. Der junge europäische Auszubildende muss eine Garantie dafür haben, dass seine Qualifizierung in der ganzen EU anerkannt wird.

Der Ernst der Lage erfordert schnelles Handeln und einen Konsens auf höchster Ebene der europäischen Institutionen. Bei herausragenden historistischen Ereignissen hat die EU bereits gezeigt, dass sie in der Lage ist, schnell zu handeln und die für außerordentliche Vorgehensweisen unerlässlichen Mittel bereitzustellen. In einer solchen Situation befinden wir uns heute. Die verlorene Generation wird nicht ewig warten.

Jacques Delors war von 1985 bis 1995 Präsident der EG-(heute EU-)Kommission. Sein Aufruf wurde unter anderem unterzeichnet vom ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Enrico Letta sowie Ex-Handelskommissar Pascal Lamy und dem Direktor des Jacques-Delors-Instituts in Berlin, Henrik Enderlein. Der Text erscheint zeitgleich in „Le Monde“ und „The Guardian“.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


SPD und EU

Druck von unten für ein anderes Europa

Von  |
Pro-EU-Demonstration der Jusos in Berlin. SPD-Chef Gabriel fordert ein neues Europa.

Führende SPD-Politiker wollen „Europa neu gründen“. Mit der CDU wird das nicht gehen, sondern nur im Bündnis mit entsprechenden Initiativen aus dem rot-rot-grünen Spektrum. Der Leitartikel. Mehr...

Brexit

Letzte Chance für die Europäische Union

Der Brexit könnte der Anfang vom Ende der EU sein. Um das zu verhindern, müssen die Verantwortlichen die Politik radikal ändern und endlich ein demokratisches und gerechtes Europa schaffen. Der Leitartikel. Mehr...

Fall Niels H

„Es handelt sich um keinen Einzelfall“

Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. muss sich wegen mehrfachen Mordes und Mordversuchs vor dem Oldenburger Landgericht verantworten.

Der Fall Niels H. zeigt: Klinische Leichenschauen sind in Deutschland rar. Weil die Kosten dafür niemand tragen will, bezahlen die Patienten von Fall zu Fall mit ihrem Leben. Mehr...

Leitartikel

Das Ende der Volksbühne

Von Ulrich Seidler |

Theaterchef Frank Castorf soll gehen. Das ist in Ordnung. Nachfolger Chris Dercon wird das bisherige Gesamtkunstwerk verändern. Das ist schade.  Mehr...

EZB

Der Frust der Sparer bleibt

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB).

Das Bundesverfassungsgericht stärkt mit seiner bemerkenswerten Zurückhaltung die Währungsunion. Was bleibt, ist der Frust der Sparer über die dürren Zinsen. Der Leitartikel. Mehr...

SPD

Überlebenskampf der Sozialdemokratie

Oft scheint bei SPD-Chef Gabriel derzeit die Symbolik im Vordergrund zu stehen.

SPD-Chef Gabriel nährt Spekulationen über eine linke Machtoption. Nur auf die Frage, wozu die SPD wirklich gebraucht wird, gibt ihr Vorsitzender keine Antwort. Der Leitartikel. Mehr...

Brexit-Debatte

Die Insel-Tragödie

Von Barbara Klimke |
Auf dem Spiel stehen Austausch, Ausgleich und Aussöhnung auf dem Kontinent.

Großbritannien läuft Gefahr, sich vom Kontinent nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich und intellektuell zu entkoppeln. Mehr...

Spanien

Das Ende der Siesta

Pablo Iglesias übt sich schon in der Rolle des Staatschefs.

So geht es nicht weiter. Spaniens Politiker haben sich ein halbes Jahr Pause gegönnt. Nach den Neuwahlen am 26. Juni müssen sie sich endlich an die Arbeit machen. Der Leitartikel.  Mehr...

Syrien

Assads blutiger Plan

Der syrische Diktator nutzt im Bürgerkrieg die Zurückhaltung der USA und die Ohnmacht der EU. Iran und Russland unterstützen ihn. Die Folge: Der blutige Konflikt geht weiter. Der Leitartikel.  Mehr...

Wirtschaftskrise

Warnsignal vom Finanzmarkt

Wirtschaftsstandort London. Die Weltwirtschaft steckt in einer tiefen Krise.

Dass Sparer draufzahlen und der Staat für das Schuldenmachen Geld bekommt, hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Die Entwicklung zeigt eine tiefe Krise der Weltwirtschaft. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige