Aktuell: Terror | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Gastbeiträge

21. Oktober 2015

Gastbeitrag: Mitbestimmung bei Arbeitszeiten

 Von Luke Haywood
Schichtarbeiter wissen oft nicht, wie sie bis zur Rente durchhalten sollen.  Foto: dpa/Symbolbild

Es wird schwer, ist aber nicht unmöglich, in Betrieben mehr Zeitsouveränität zu etablieren. Ein Gastbeitrag von Luke Haywood, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Drucken per Mail

Auf dem Treffen der mächtigsten Gewerkschaft Deutschlands, der IG Metall, stand das Thema Arbeitszeit wieder stärker im Mittelpunkt. Früher ging es dabei um Arbeitszeitverkürzung, doch die Zeiten haben sich geändert: Heute geht es unter dem Stichwort „Zeitsouveränität“ darum, wer entscheidet, wann wie viel gearbeitet wird. Beschäftigte verlangen zurecht nach Freiheit bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeiten. Dies ist aber nicht leicht durchzusetzen wenn Unternehmen nicht mitziehen. Gefragt sind da starke Betriebsräte, inwieweit Gewerkschaftszentralen und Gesetzgeber helfen können ist dagegen unklar.

Zeitsouveränität bedeutet, dass Arbeitnehmer je nach individuellen Bedürfnissen mehr oder weniger Stunden arbeiten dürfen. Der Wunsch nach mehr Flexibilität in der Arbeitsplanung hat mehrere aktuelle Ursachen: Erstens arbeiten in immer mehr Familien zwei Partner, was schnell zu Koordinationsbedarf führt: Wenn die Kita um 15 Uhr schließt, geht ein Elternteil früher, einer bleibt länger. Zweitens steigt die Teilzeitquote seit Jahren. Für diese Gruppe ist die Frage, wann gearbeitet wird, weitaus relevanter: Wer entscheidet, an welchen Tagen gearbeitet wird? Für Vollzeitkräfte gibt es da weit weniger Spielraum. Drittens haben Gewerkschaften den Eindruck, dass Flexibilisierung bisher vor allem zulasten der Arbeitnehmer ging. So ermöglichen Vertrauensarbeitszeit und Leiharbeit es den Unternehmen, flexibler als in der Vergangenheit die Arbeitskraft anzupassen, ohne Überstundenzuschläge zu zahlen.

Wie reagieren Unternehmen auf diesen Wunsch? Manche richten Arbeitszeitkonten und Gleitzeit ein und stellen Dienstpläne frühzeitig ins Internet. An positiven Beispielen mangelt es nicht, und neue Technologien haben neue Möglichkeiten der Koordination von Bedürfnissen geschaffen. In zu vielen Unternehmen erfahren jedoch die Arbeitnehmer immer noch jede Woche aufs Neue, wann sie eingesetzt werden.

Die IG Metall plant nun eine große Kampagne für mehr Zeitsouveränität. Doch kann eine solche Mitbestimmung der Arbeitnehmer von den Tarifpartnern beschlossen werden? Was Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände beschließen, muss in den Unternehmen umgesetzt werden. Das ist bei klassischer Tarifpolitik einfacher – höhere Löhne kosten Unternehmen Geld, aber wenig Mühe. Auch eine kürzere Wochenarbeitszeit erfordert nicht immer große Anpassungen.

Auf individuelle Bedürfnisse eingehen

Auf individuelle Bedürfnisse der Beschäftigten im Hinblick auf Tagesarbeitszeit und Lebensphasen einzugehen, verlangt den Unternehmen viel mehr ab, bis hin zur Umstellung der Arbeitsorganisation. Einer der großen Vorteile der Tarifautonomie, dass Konflikte aus den Betrieben an die Tarifpartner (Gewerkschaftsführung und Arbeitgeberverbände) delegiert werden, greift hier nicht. Es muss in jedem Betrieb einzeln verhandelt werden. Es hängt dann vom Betriebsrat ab, eine Betriebsvereinbarung auszuhandeln, die den Beschäftigten mehr Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit ermöglicht. Abhängig von der Größe und Struktur des Unternehmens und von der Art des Produkts oder der Dienstleistung werden die Spielräume dabei sehr unterschiedlich sein.

In Betrieben ohne Betriebsrat haben Gewerkschaften weniger Möglichkeiten. Tarifpolitik hat immer auch auf diese Betriebe gewirkt. Aber Löhne kann man leichter für allgemein verbindlich erklären als Systeme zum Schichtentausch zwischen Arbeitnehmern. Zur Not hat der Gesetzgeber bei den Löhnen eingegriffen, siehe Mindestlohn.

Kann Zeitsouveränität gesetzlich verordnet werden? Auf dem kommenen Parteitag wird der Vorstand der Grünen einen „rechtlichen Rahmen“ vorschlagen, der Beschäftigten auch in Unternehmen ohne Betriebsrat die Möglichkeit gibt, „über Dauer und die Lage ihrer Arbeitszeit mitzuentscheiden“. Man ahnt es: Die konkrete Ausgestaltung wird schwierig.

Langfristig soll ein „Zeitguthaben“ Arbeitnehmern ermöglichen, nicht nur für Kinder oder die Pflege von Angehörigen Auszeiten zu nehmen, sondern auch für ein Sabbatjahr zur Selbstverwirklichung. Aber wie sollen Zeitersparnisse in einem Job ohne viel Bürokratie im nächsten Job angerechnet werden? Wird ausbezahlt, wer noch Zeitguthaben hat und ins Ausland oder in die Selbständigkeit wechselt?

Recht auf Teilzeit

Einfacher umzusetzen ist eine weitere Forderung, die auch der IG Metall vertritt: Das bestehende „Recht auf Teilzeit“ soll durch ein Recht auf Rückkehr in Vollzeit ergänzt werden. Gegen eine selbstbestimmte, aber angekündigte „Teilzeit auf Zeit“ werden Arbeitgeber wenig Argumente haben. Dies könnte zur Gleichstellung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt beitragen. Ein solches Rückkehrrecht könnte junge Väter ermutigen, für die Familie eine zeitlang im Job kürzer zu treten. Ein generelles Recht auf Vollzeit für alle Teilzeitbeschäftigten wird dagegen sicherlich am Widerstand der Arbeitgeber scheitern.

Die Welt der Arbeitskämpfe war einfacher, als es um mehr Geld und kürzere Wochenarbeitszeiten ging. Dort wo Unternehmen ihren Beschäftigten keine Mitbestimmung bei der Arbeitszeit geben, führt an starken Betriebsräten kein Weg vorbei. Auch viele gesetzliche Rezepte für Zeitsouveränität bleiben vage. Einen Ausweg aus der Einbahnstraße Teilzeit durch ein Rückkehrrecht in Vollzeit sollte die Politik den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aber gewähren.

Luke Haywood ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Staat am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin und beschäftigt sich mit Fragen des Arbeitsmarktes.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Österreich und die Folgen

Mehr Politik wagen

Von  |
Von Adenauer bis Merkel: In der Politik herrscht das Geschacher und Kleinklein. Es fehlen die Visionen.

Alle suchen nach Mitteln gegen Rechtspopulisten. Das einfachste ist: Probleme benennen, Lösungen erarbeiten und umsetzen. Oder blumiger: Es sind Visionen nötig. Der Leitartikel. Mehr...

Österreich

Ein Sieg des letzten Aufgebots

Van der Bellen wurde nicht nur von Grünen gewählt, auch Konservative gingen für ihn an die Urne, um Hofer zu verhindern.

Die Wahl Alexander van der Bellens zum österreichischen Präsidenten hat das Land nicht grundlegend verändert. Der Kampf gegen die Ultrarechten fängt jetzt richtig an. Der Leitartikel. Mehr...

Politische Rechte

Abgrenzung statt Aufbruch

Von  |
Solidarität nur innerhalb des Volkskörpers: Die AfD ist eine rückwärtsgewandte Partei.

Die in Europa erstarkenden national-konservativen Kräfte sind auch ein Ausdruck alternder Gesellschaften. Die Bewegung eint ein pervertiertes Verständnis von Solidarität. Der Leitartikel.  Mehr...

Türkei

In den Fängen des Autokraten

Der von Erdogan gesteuerte Parlamentsbeschluss ist nicht der erste Willkürakt der vergangenen Monate.

Das türkische Parlament hat sich den Plänen von Präsident Erdogan mit Mehrheit gefügt. Und Europa? Raubt seinem Protest durch den schmutzigen Flüchtlingsdeal die Glaubwürdigkeit.  Mehr...

Griechenland

Was die AfD nicht versteht

Der nächste Protest vor dem Parlament: Griechenland kommt nicht zur Ruhe.

Die Griechenland-Kredite retteten nicht das Land. Sie stabilisierten die Euro-Zone, stützten die Banken und sorgten für einen Macht-Zuwachs für Deutschland. Der Leitartikel. Mehr...

Armenien

Die Lüge von der „Tragödie“

Demonstranten protestieren gegen die Türkei, die den Völkermord an den Armeniern leugnet.

Deutschland ist verpflichtet, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen – und damit die deutsche Beteiligung. Es war keine Tragödie, wie die Türkei behauptet. Der Leitartikel. Mehr...

Armut und Wohlstand

Horrorszenarien prägen die Debatte

Die Schere zwischen Arm und reich geht immer weiter auseinander. Trotzdem helfen Horrorszenarien nicht weiter.

Wer sich von verallgemeinernden Negativprognosen etwa bei der Altersarmut treiben lässt, befeuert diffuse Ängste. Damit treibt er unfreiwillig der AfD die Wähler zu. Der Leitartikel. Mehr...

Rechte Hetze

Angst als politisches Programm

Angst schüren in Dresden: Am vergangenen Montag forderten 2800 Menschen die "Festung Europa".

Wer glaubt, er habe die Wahl zwischen Sicherheit und Freiheit, der hat seine Situation nicht verstanden. Und er unterschätzt, wie sehr Angst mit Aggression zusammenhängt. Der Leitartikel. Mehr...

Österreich

Volk ohne Traum

Hat bereits aufgegeben: SPÖ-Kanzler Werner Faymann.

Der Überdruss der Österreicher gegen die alten Regierungsparteien hat viele Gesichter, reaktionäre und liberale. Aber Strategien haben auch die Gegner von ÖVP und SPÖ nicht. Der Leitartikel.  Mehr...

Baden-Württemberg

Kretschmanns Politik des Stillstands

Warum muss sich etwas ändern, wenn doch alles gut ist? Genau das ist die Botschaft, für die Winfried Kretschmann mit seiner sorgsam gepflegten, bräsigen Zufriedenheit steht.

In Baden-Württemberg hat das schwarz-grüne Bürgertum, das im Weiter so seine Zukunft sieht, jetzt die passende Regierung. Aber die Politik des Stillstands ist hochgefährlich und beschert der AfD weiteren Zulauf. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige