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Gastbeiträge

07. August 2015

Gastbeitrag: Nicht jede Arbeit ist gute Arbeit

 Von Olaf Struck

Die Flexibilisierung von Jobs kostet die prekär Beschäftigten oft auf Dauer ihre Qualifikation. Das hinterlässt Narben.

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Rund 3,8 Millionen Arbeitsplätze hat die Krise in der Eurozone bislang gekostet. Dabei sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern erheblich: Griechenland verlor gut eine Million Jobs, Italien etwa 800 000. In Deutschland stieg die Zahl der Erwerbstätigen! Wir sind „Krisenbewältigungsweltmeister“. Ein Vorbild? Doch welche Lehren sind zu ziehen?

Geleitet von der Beschäftigungsstrategie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie der Europäischen Kommission, lässt sich in allen Ländern Europas eine längere Phase der Flexibilisierung von Arbeitsmärkten beobachten. Die Vorstellung dahinter: Verbesserte Möglichkeiten für „hire and fire“ seien das beste Mittel, um Krisen zu bewältigen.

Diesem Credo folgte auch die deutsche Regierung: Infolge der „Agenda 2010“ wurde der Kündigungsschutz weiter gelockert und der Einsatz wiederholt befristeter Beschäftigung erleichtert. Leiharbeit wurde liberalisiert. Zugleich wurde mit den „Hartz-Gesetzen“ durch die Kürzung des Arbeitslosengeldes nach einem Jahr und eine Politik der „Aktivierung“ der Druck zur Arbeitsaufnahme erhöht. Bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit standen den Unternehmen ein enormes Überangebot an Erwerbspersonen und zugleich zusätzliche Möglichkeiten zur Verfügung, die Zahl ihrer Beschäftigten flexibel anzupassen. Dies wiederum erhöhte den Druck auf Löhne in jenen Bereichen, in denen Personal austauschbar ist. Tatsächlich hat sich in der Folge die Zahl der Beschäftigten erhöht, dies aber lediglich im Niedriglohnbereich, bei geringfügiger Beschäftigung, Teilzeit- und Leiharbeit sowie Soloselbständigkeit. Die Zahl der Vollzeitstellen ging sogar deutlich zurück.

Die Erfolgsmeldungen lauten: Jede Arbeit ist besser als keine Arbeit. Lohnzurückhaltung sichert zudem Exporterfolge, die Steuer- und Sozialkassen füllen sich. Aber die Orientierung an der Steigerung externer Flexibilität – das heißt an der unbedingten Ausweitung der Möglichkeiten von Unternehmen, Beschäftigte flexibler einzustellen und zu entlassen – geht deutlich an den Reformnotwendigkeiten in der Wirtschaft und am Arbeitsmarkt vorbei.

Das zeigte sich besonders deutlich, als es darum ging, die Wirtschafts- und Finanzkrise zu bewältigen. Hier machten etwa Irland, Griechenland und Spanien vor allem von Flexibilitätsmaßnahmen Gebrauch. In Deutschland hingegen griff man auf bewährte Strukturen zurück – jene Strukturen, die in den Vorjahren als „zu rigide“ kritisiert worden waren.

Dabei erwies sich etwa die gesetzliche Rentenversicherung als bedeutendes Element. Sie hielt die Kaufkraft der Rentner aufrecht, da die Rentenanpassung in staatlichen Systemen zeitverzögert auf der Basis der Lohnentwicklung erfolgt. Zudem ermöglichte die Arbeitslosenversicherung durch die Co-Finanzierung von klassischen betriebsinternen Maßnahmen wie Kurzarbeit den Erhalt von rund 1,2 Millionen sozialversicherungspflichtigen Stellen. Unternehmen nutzten überdies intern-flexible Arbeitszeitregelungen, wobei gut gefüllte Gleitzeit-, Wochen- oder Jahresarbeitszeitkonten geräumt wurden.

Dass sich die deutschen Arbeitgeber darauf eingelassen haben, liegt wiederum an einer Besonderheit, die sich in anderen Staaten weniger ausgeprägt findet. Betroffen von der Krise waren insbesondere der erfolgreiche exportorientierte Automobilbau, der Maschinenbau und die Chemiebranche. Gerade die Kernbereiche dieser Branchen sind durch ein Produktionsmodell gekennzeichnet, das auf beruflich und spezifisch gut qualifizierte Facharbeiterinnen und Facharbeiter setzt, die dann aufgrund ihrer Qualifikationen geschützt und stabil beschäftigt sind. Zudem antizipieren diese Unternehmen den demografischen Wandel und Probleme, zukünftig ausreichend Fachkräfte gewinnen zu können.


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Während Facharbeiter von Regelungen wie Kurzarbeit profitierten, sah die Lage für Beschäftigte in Arbeitsverhältnissen mit geringen Qualifikationsanforderungen ganz anders aus. Arbeitgeber haben kaum Anreize, diese Beschäftigten zu halten. Viele Leiharbeiter wurden entlassen, die Verträge vieler befristet Beschäftigter nicht verlängert. Diese flexible Gruppe an den Rändern der Unternehmen trägt die Kosten der Krise. Dies gilt umso mehr, als wir bei flexiblen Beschäftigungsformen, darunter insbesondere Leiharbeit sowie geringfügige und kurzfristige Beschäftigung, Qualifikationsverluste beobachten: Das berufliche Ausbildungsniveau geht verloren. Dabei haben die flexibel Beschäftigten nur außerordentlich begrenzt Zugang zu Lernmöglichkeiten. Zudem ermöglichen diese Arbeitsformen nur sehr selten Übergänge in stabile Beschäftigung. Diese Risiken hinterlassen tiefe „Narben“, die den weiteren Lebensverlauf kennzeichnen.

Einen geeigneten Schutz vor prekären beruflichen Verläufen und Arbeitslosigkeit bieten breit angelegte Ausbildungsqualifikationen, die durch umfängliches Arbeitsprozesswissen sowie breite Entscheidungs- und Handlungsspielräume gekennzeichnet sind. Staatliche und betriebliche Maßnahmen, die dazu dienen, diese Qualifikationen im beruflichen Verlauf zu vermitteln und zu erhalten, sind in allen europäischen Staaten und eben auch in Deutschland unzureichend ausgebaut.

Deutschland hat in der Krise zu seinen zuvor kritisierten Tugenden zurückgefunden. Diesen erfolgreichen Weg sollte es weiter beschreiten. Wichtige Basis hierfür ist Bildung. Sie muss aber über Einfachqualifikationen hinausgehen, wie sie zum Teil noch in der beruflichen Ausbildung und zumeist in kurzen Bachelor- und Masterstudiengängen angeboten werden.

Olaf Struck ist Professor für Arbeitswissenschaft an der Universität Bamberg.

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