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Gastbeiträge

01. Mai 2015

Hartz IV und Bundesagentur für Arbeit: Für eine Kultur der Wertschätzung

 Von Heinrich Alt
Arbeitsagentur  Foto: dpa

Die Mitarbeiter der Jobcenter werden für Mängel aller Art in Haftung genommen. Das muss sich ändern. Gastbeitrag von Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit.

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Vor gut zehn Jahren wurde die wohl bedeutendste Sozialreform in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik in Gang gesetzt. Aber hat sich die Grundsicherung für Arbeitsuchende oder umgangssprachlich „Hartz IV“ als eine anerkannte und allgemein akzeptierte Säule des deutschen Sozialstaats etabliert?

Mitnichten. Seit Jahren ist Hartz IV neben den regelmäßigen und kritischen Schlagzeilen in den Tageszeitungen Dauerthema in sozialen Netzwerken, Talkshows, Dokusoaps und mittlerweile auch Undercover-Reportagen. Die vermittelte Botschaft und der verbleibende Eindruck: Hartz IV ist menschenunwürdig, der Gang zum Jobcenter ist ein Gang nach Canossa, die Mitarbeiter verhalten sich nach Gutsherrenart und sind überhaupt mit allem überfordert. Ein Kirchenvertreter sprach vor kurzem in einem Interview sogar von einem sündigen System. Letzteres mag Atheisten unbeeindruckt lassen, aber ich frage mich schon, was meine 60 000 Kolleginnen und Kollegen in den Jobcentern denken, wenn sie täglich damit konfrontiert werden, in der Schmuddelecke des Sozialstaates zu arbeiten und sich an ihren Mitmenschen zu versündigen.

Alles mitleidlose Vollstrecker?

Die Zahl bekennender Mutmacher und Fürsprecher ist sehr überschaubar. Die Kollegen in den Jobcentern arbeiten unter enormen quantitativen und emotionalen Belastungen. Viele von ihnen haben sich bewusst für diese Arbeit entschieden, weil sie helfen wollen, weil sie Menschen mögen. Sie alle wissen genau, welche Bedeutung Arbeit für einen Menschen hat und welche Folgen Arbeitslosigkeit für Betroffene und deren gesamte Familie haben kann. Mit welcher Haltung gehen Kollegen morgens ins Büro, wenn sie regelmäßig lesen und hören, in welch vermeintlich furchtbarer Realität sie arbeiten, wahrgenommen als unsympathische und mitleidslose Vollstrecker?

Die Stimmungslage in den Jobcentern ist nicht brillant. Das kann und möchte ich nicht wegreden. Das liegt zum einen an einer immer noch zu hohen Personalfluktuation, an einem sehr bürokratischen, komplexen und damit zeitaufwendigen Verfahren der Leistungsgewährung und an einem permanenten psychischen Druck, nicht jedem den passenden Platz in der Arbeitswelt anbieten zu können.

Es liegt aber zum anderen auch, und das wiegt für mich deutlich schwerer, an fehlender Wertschätzung. Wertschätzung dafür, dass man etwas Gutes, etwas Wertvolles, etwas Wichtiges tut. Was motiviert noch für die eigene Arbeit, wenn es nur Kritik hagelt? Zumal diese oftmals auf Halbwissen beruhend reflexartig erfolgt, weniger von eigenem Erleben oder gar persönlichen Eindrücken oder gründlicher Recherche geprägt.

Wir sollten aufpassen, dass mit der Kritik am System „Hartz IV“, ob gerechtfertigt oder nicht, die Mitarbeiter nicht gleich mit in die Haftung genommen werden. Schlechtes System, schlechtes Jobcenter, schlechte Mitarbeiter, mangelhafte Leistung. Das ist mir zu einfach und in der Wirkung verheerend.

Alltag im Jobcenter  Foto: dapd

Leider richtet sich das öffentliche Interesse immer nur auf einzelne Probleme und die Unzufriedenen. Es mutet zugegebenermaßen eigenartig an, wenn über Maßnahmen berichtet wird, in denen man mit Lamas spazieren geht, gemeinsam um die Alster läuft oder in einem Trainings-Supermarkt Plastikgemüse oder aufblasbaren Käse einkauft und anschließend an der Kasse mit Spielgeld bezahlt. Natürlich verstehe ich jeden, der sich im ersten Moment fragt, ob das tatsächlich Sinn macht, und ich verstehe die Reaktionen und kritischen Nachfragen. Ich habe aber auch gelernt, dass man sich die Zeit nehmen sollte, zu hinterfragen und den Sinn zu suchen. Nicht immer, aber oft steckt eine gute und richtige Idee dahinter.

Ich möchte Kollegen, die stolz sind auf das, was sie tagtäglich leisten. Destruktive Kritik demotiviert ebenso wie Misserfolg. Die fehlende Anerkennung und mangelnde Wertschätzung macht mir Sorge, auch für das Engagement und die Motivation der Mitarbeiter in den Jobcentern. Ich möchte mutige Kollegen, die auch mal unkonventionelle und risikoreiche Wege in der Integrationsarbeit gehen, und wenn Lamas dabei helfen können, dann nur zu. Kollegen, die Neues ausprobieren, ohne Angst haben zu müssen, dass reflexartig draufgeschlagen wird.

Je weniger man die Hintergründe kennt, desto heftiger die öffentliche Erregung. Menschen, denen man zutraut, eine Aufgabe oder Herausforderung zu meistern, gehen ganz anders an ihre Arbeit heran. Sie glauben an sich. Dieser Glaube ist ein wenig verloren gegangen. Es ist mehr als ein Imageproblem. Viele Debatten haben die Grundsicherung zu dem gemacht, was sie jetzt in der öffentlichen Wahrnehmung ist – ein ungeliebtes Sozialgesetz, das Menschen in Armut und Elend treibt. Auch deshalb verlieren wir aus den Augen, was die Jobcenter in den vergangenen zehn Jahren geleistet haben.

Die Grundsicherung für Arbeitsuchende ist weder ein Beleg für einen „allmählich verkommenden Sozialstaat“ noch ein Patentrezept zur Einführung der Vollbeschäftigung. Von den politischen Müttern und Vätern eher kollektiv verdrängt, fehlt der Grundsicherung immer noch die notwendige Akzeptanz. Es gab bislang kein Marketing für dieses mächtige und relativ neue System, das immerhin die Existenz von sechs Millionen Menschen sichert.

Ich wünschte mir eine neue Kultur. Eine Kultur der Wertschätzung und des Vertrauens gegenüber den Kolleginnen und Kollegen. Jobcenter als Synonym für sozialstaatlich gut organisierte Nächstenliebe. Ein Traum. Aber wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Heinrich Alt ist Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit.

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