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Gastbeiträge

07. Januar 2016

Heinz Brandt: Ein Kämpfer für die Menschenrechte

 Von Michael Cramer
Heinz Brandt war auch politischer Häftling in der ehemaligen DDR. (Symbolbild)  Foto: imago stock&people

Heinz Brandt, der sich seinen Traum trotz Verfolgung nie nehmen ließ, starb heute vor 30 Jahren. Eine Erinnerung an einen kommunistischen Widerstandskämpfer. Der Gastbeitrag.

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Heute vor genau 30 Jahren, am 8. Januar 1986, ist Heinz Brandt gestorben. Als kommunistischer Widerstandskämpfer, KZ-Häftling, SED-Funktionär, politischer Häftling in der DDR und Anti-Atom-Aktivist verkörpert er im wahrsten Sinne des Wortes die deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts.

Er wurde am 16. August 1909 in Posen in einer jüdischen Familie geboren, trat 1931 der KPD bei und gab 1933 illegal eine kommunistische Betriebszeitschrift heraus. Bereits 1934 wurde er verhaftet und zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. 1940 wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen, 1942 ins KZ Auschwitz und 1945 ins KZ Buchenwald deportiert, wo er von der US-Armee befreit wurde. In Auschwitz gehörte er zu denen, die die Vernichtung dokumentierten und dieses Material aus dem Lager schmuggelten, so dass es in die Hände der Alliierten gelangte.

Wie viele Verfolgte des Nazi-Regimes glaubte auch Heinz Brandt, dass die Feinde seiner Feinde seine Freunde seien. Deshalb engagierte er sich nach dem Krieg in der KPD und war später SED-Sekretär der Ost-Berliner Bezirksleitung. Weil er im Juni 1953 die streikenden Arbeiter von Bergmann-Borsig unterstützte, wurde er im August aller Parteiämter enthoben.

Nach dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) 1956, auf dem KP-Chef Nikita Chruschtschow zum ersten Mal den Terror Stalins vor den Delegierten offenlegte, fuhr Brandt nach Moskau, um sich nach dem Schicksal seiner Geschwister zu erkundigen, die vor 1933 vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen waren. Er fand heraus, dass sein Bruder der Verfolgung durch Stalin zum Opfer gefallen und seine Schwester nach Sibirien verbannt worden war. Durch die Berichte, die er in Moskau zusammentragen konnte, wurde ihm klar, „dass Stalinismus ein Millionen-Mord-Regime gewesen ist und nicht das, was ich vorher angenommen hatte“. Als er befürchten musste, verhaftet zu werden, floh Heinz Brandt 1958 aus der DDR in die Bundesrepublik.

In Frankfurt am Main arbeitete er bei der IG Metall als Journalist. Weil die SED in ihm zunehmend eine große Bedrohung sah, wurde er am 16. Juni 1961 durch das Ministerium für Staatssicherheit nach West-Berlin gelockt, betäubt und in die DDR entführt. Nach mehrmonatigen Verhören in Berlin-Hohenschönhausen bot man ihm die sofortige Freiheit an, falls er öffentlich erklären würde, dass er aus Enttäuschung über die Bundesrepublik freiwillig in die DDR zurückgekehrt wäre. Weil er dieses „Angebot“ ablehnte, wurde er 1962 wegen „schwerer Spionage in Tateinheit mit staatsgefährdender Propaganda und Hetze im schweren Fall“ zu 13 Jahren Zuchthaus verurteilt. Es folgten zwei Jahre Haft in Bautzen.

Eine weltweite Kampagne von Amnesty International und Bertrand Russell führte 1964 zu seiner Freilassung. Er war der erste politische Häftling, der befreit und nicht gezwungen wurde, in der DDR zu bleiben. Nach seiner Entlassung durch die internationale Solidarität stritt er für einen humanen Sozialismus und schrieb das Buch „Ein Traum, der nicht entführbar ist. Mein Weg zwischen Ost und West“.

Auch in der Bundesrepublik zeigte Brandt Zivilcourage und Engagement für Demokratie und Menschenrechte. Er nutzte seine internationalen Kontakte, um das nach dem britischen Nobelpreisträger benannte „Russell-Tribunal“ gegen den 1972 von der sozial-liberalen Koalition und allen Ministerpräsidenten auf den Weg gebrachten „Radikalenerlass“ zu organisieren. Nicht nur Heinz Brandt, auch große Teile der 68er-Generation hatten sich damals unter „Mehr Demokratie wagen“ (Willy Brandt) etwas anderes als „Berufsverbote“ vorgestellt. In dieser Praxis sah nicht nur 1978 das Russell-Tribunal, sondern 1995 auch der Europäische Gerichtshof eine Verletzung der Menschenrechte.

1977 kritisierte Brandt die einseitige Position vieler Gewerkschafter zugunsten der Atomkraft und gründete mit anderen DGB-Mitgliedern den „Aktionskreis Leben“. Daraufhin beantragte die IG Metall ein Ausschlussverfahren, das nach einer breiten innergewerkschaftlichen Solidaritätskampagne aber schnell eingestellt wurde. Zusammen mit seinem Freund Rudi Dutschke beteiligte Brandt sich an dem Gründungsprozess der Grünen.

Heinz Brandt schaute immer mit beiden Augen auf beide deutsche Staaten. Nie werde ich die große Demonstration 1975 in Berlin gegen die Berufsverbotspraxis vergessen, als er sich solidarisch auch mit den Berufsverbotsopfern einige Kilometer östlich erklärte. Stellvertretend für die vielen politisch Verfolgten nannte er Robert Havemann und Wolf Biermann. Die eine Hälfte der 20 000 Demonstranten pfiff ihn aus, die andere Hälfte applaudierte.

Mit demselben Engagement setzte er sich auch für ein Russell-Tribunal zur Situation der Menschenrechte in der DDR ein, womit er leider keinen Erfolg hatte. Im Herbst 1980 entstand auf seine Initiative die Bewegung „Solidarität mit Solidarnosc“, die in vielen Städten der Bundesrepublik Geld für die oppositionelle polnische Gewerkschaft sammelte. Im Dezember 1984 verlieh ihm die Universität Osnabrück die Ehrendoktorwürde.

Den Erfolg der Solidarnosc, der Voraussetzung war für den Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs in Europa, konnte er leider nicht mehr erleben. Er starb 1986. Aber Heinz Brandt ist nicht vergessen. In Berlin-Pankow wurde im ehemaligen Mauerstreifen eine Straße nach ihm benannt, in Weißensee eine Oberschule.

Michael Cramer (Grüne) ist seit 2004 Mitglied des Europäischen Parlaments. Er leitet dort den Ausschuss für Verkehr und Tourismus. Von 1989 bis 2004 saß er im Abgeordnetenhaus von Berlin.

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