Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Gastbeiträge

06. Januar 2016

Mobilität: Ohne Verkehrswende kein Klimaschutz

 Von Weert Canzler und Felix Creutzig
Ein Weg, um CO2-Emissionen zu reduzieren: Die Nuetzung von Elektrofahrzeugen.  Foto: dapd

Das Verkehrswesen muss radikal umgebaut werden, damit der gefährliche Klimawandel verhindert werden kann. Die Politik braucht jetzt den Mut, den Ausstoß von CO2 teurer und die Alternativen attraktiver zu machen. Der Gastbeitrag.

Drucken per Mail

Falls es gelingt, den Klimawandel auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, könnte dies als der größte Erfolg kooperativen Handelns in die Menschheitsgeschichte eingehen. Doch Modellstudien zeigen, dass es dazu größerer Anstrengungen bedarf, als sich die meisten vorstellen: Das Verkehrswesen könnte zur entscheidenden Straßensperre auf dem Weg zur Vermeidung des gefährlichen Klimawandels werden. In diesem Sektor nahmen zwischen 2009 und 2014 die Treibhausgasemissionen um sieben Prozent zu.

Es wird besonders schwer werden, im Verkehrswesen das Steuer in Richtung der Dekarbonisierung herumzureißen, also das Ende des Kohlenstoffzeitalters einzuläuten: Einmal gefertigte Autos befahren die Straßen meist für mehr als zehn Jahre – und Siedlungsmuster, die lange Pendelstrecken nach sich ziehen, währen gar Jahrhunderte. Doch das Bundesverkehrsministerium kümmert sich bisher kaum. Selbst die EU treibt den Klimaschutz im Verkehrssektor mit ihren Grenzwerten nur minimal voran.

Damit – wie es der neue Klimavertrag vorsieht – 2050 alle Menschen möglichst ohne CO2-Emissionen weltweit von A nach B gelangen können, müsste Deutschland jetzt mit gutem Beispiel vorangehen. Drei entscheidende Weichen müssten gestellt werden, um die Verkehrswende umzusetzen.

Steuern erhöhen

Erstens brauchen wir klare Preissignale. Der niedrige Ölpreis und ein mehr als zehn Jahre unveränderter Mineralölsteuersatz motivieren weder private Haushalte noch Unternehmen dazu, Sprit zu sparen oder auf alternative Antriebe umzusteigen. Wir schlagen eine mäßige, aber stetige und verbindliche Erhöhung des Steuersatzes von jährlich vier Prozent vor. Dabei handelt es sich faktisch um eine Emissionsabgabe, die mittel- und langfristig Anreize setzt für reduzierte Emissionen sowie alternative Antriebe. Der Steuersatz von Dieselfahrzeugen sollte zudem dem von Benzinern angepasst werden.

Zweitens müssen jetzt ambitionierte CO2-Emissionsstandards gesetzt werden. Die für das Jahr 2012 beschlossenen Grenzwerte von 95 Gramm CO2 pro Kilometer für den durchschnittlichen Neuwagen müssen auf unter 70 Gramm im Jahr 2026 verschärft werden. Diese Werte sind nur zu erreichen, wenn wesentlich mehr Hybrid- und Elektrofahrzeuge verkauft werden. Die Verbraucher können höhere Fahrzeugkosten über die Ersparnis beim Treibstoff wieder einspielen, da sie wissen, dass Benzin und Diesel ständig teurer werden. So gehen beide Politikinstrumente Hand in Hand.

Allerdings: Ehrgeizige Grenzwerte sind nur die eine Seite der Medaille, die andere Seite sind realistische Mess- und Prüfverfahren. Denn die bisher im Labor gemessenen Werte stimmen nicht mit den Emissionen auf der Straße überein. Der reale Verbrauch – und damit auch die Treibhausgasemissionen – liegt mittlerweile bis zu 40 Prozent über diesen Werten. Realistische Straßentests sollten deswegen die Messungen im Labor ergänzen. Das hat nicht zuletzt der „Dieselgate“-Skandal eindrücklich gezeigt.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Schwung aus Paris mitnehmen

Drittens müssen attraktive neue Mobilitätsangebote her, die die Verkehrswende auch erlebbar machen. Veränderte Mobilitätsmodelle können einerseits die Flexibilität erhöhen, andererseits gerade unsere Städte lebenswerter machen und die oft gesundheitsgefährdende Feinstaubbelastung senken.

Die Verkehrszukunft ist gerade in der Stadt vielfältig. Besondere Bedeutung für Klimaschutz durch den Transportsektor kommt dem nichtmotorisierten Verkehr und dem stadtverträglichen Umbau der Infrastruktur zu. Jeder Kilometer, den wir gar nicht erst mit dem Verbrennungsmotor fahren, schützt das Klima ohnehin am besten – und darüber hinaus noch unsere Gesundheit, beispielsweise durch Radfahren in sauberer Luft. Infrastrukturinvestitionen – etwa für neue Gleise, Carsharing-Modelle oder Fahrradschnellwege – sind vergleichsweise gering. Denn sie bedeuten auch Einsparungen, weil weniger Straßen und Parkplätze gebaut werden müssen. Ergänzend zum größeren Angebot an alternativen Verkehrsmitteln sollte zudem der digitale Zugang zu diesen über Mobiltelefone verbessert werden, damit die Nutzer ohne großen Aufwand eine individuelle Auswahl treffen können.

Ohne den Mut, jetzt die dafür nötigen politischen Entscheidungen zu treffen, wird es nicht gehen. Höhere Spritsteuern und schärfere CO2-Grenzwerte werden sicherlich Widerstände hervorrufen. Doch es gilt nun, den Schwung der erfolgreichen Pariser Klimakonferenz mitzunehmen. Ein erstes Hoffnungssignal für die politische Umsetzbarkeit sendet das Umweltbundesamt: Es will den Steuervorteil bei Diesel verringern und ältere Dieselfahrzeuge in den Städten verbieten.

Die vollständige Dekarbonisierung des Verkehrssektors kann indes nur gelingen, wenn die klaren politischen Rahmenbedingungen für den Umstieg auf Verkehrsmittel jenseits von Diesel und Benzin auch mit neuen Mobilitätsangeboten verbunden werden. Ansonsten bleibt der Verkehr das Sorgenkind des Klimaschutzes.

Dr. Weert Canzler ist seit 1998 zusammen mit Andreas Knie Leiter der „Projektgruppe Mobilität“ und seit 2008 Mitglied der „Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) sowie seit 2013 Sprecher des „Leibniz-Forschungsverbundes Energiewende“.

Dr. Felix Creutzig leitet am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) die Arbeitsgruppe Landnutzung, Infrastruktur und Transport. Er war für den „Weltklimarat“ (IPCC) Leitautor im Transportkapitel des Fünften IPCC-Sachstandsberichts.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Labour-Partei in Großbritannien

Der Kampf des Jeremy Corbyn

Von Sebastian Borger |
Freut sich über seinen Wahlsieg: Jeremy Corbyn.

Die Labour-Partei macht es sich unter dem in seinem Amt bestätigten Vorsitzenden Corbyn in der linksradikalen Nische bequem. Dabei wäre wirksame Opposition bitter nötig. Der Leitartikel. Mehr...

Erbschaftssteuer

Unternehmer-Lobby leistet gute Arbeit

Wenn es ums Erben geht, sind manche ein bisschen gleicher als andere.

Die „Reform“ der Erbschaftssteuer steht. Sie wird einige wenige Unternehmen stärker belasten, die meisten nicht. Was für ein Verständnis von gleichen Pflichten für alle steckt dahinter? Der Leitartikel.  Mehr...

Russland

Darf Putin sich freuen?

Noch ist offen, ob Wladimir Putin einen Sieg oder einen Pyrrhussieg errungen hat.

Einiges Russland siegt bei der Dumawahl. Doch kaum ein Oppositioneller schafft es ins Parlament. Das beschädigt die Legitimität des Systems. Der Leitartikel. Mehr...

CDU/CSU

Preiswürdige Sandkastenpolitik

Kanzlerin Merkel (CDU) und Seehofer (CSU) in trauter Uneinigkeit.

Die CSU mag nach der Entschuldigung der Kanzlerin Genugtuung verspüren, Merkel den Vorgang als notwendiges Übel abbuchen. Aber preiswürdig ist all das nicht. Im Gegenteil. Der Leitartikel.  Mehr...

Berlin-Wahl

Merkels Konzept ist erledigt

Hat Kanzlerin Merkel der AfD den Zünder für ihren Aufstieg geliefert?

Das Wahlergebnis von Berlin beendet Kanzlerin Merkels Strategie. Nun wird wieder gestritten über Themen, deren Lösung nicht mehr alternativlos ist. Der Leitartikel.  Mehr...

Berlin-Wahl

Deutschland rückt nach rechts

Zur Wahlparty gibt es die AfD - ganz aus Mett.

Auch in der Hauptstadt hat sich die AfD als feste Größe im Parteiensystem erwiesen. Auf der anderen Seite steht Rot-Rot-Grün vor der Tür. Was heißt das für den Bund? Der Leitartikel.  Mehr...

Krawalle in Sachsen

Von Hoyerswerda nach Bautzen

In den vergangenen fünf Monaten musste die Polizei zu mehr als 70 Einsätzen ausrücken.

Der Fremdenhass befindet sich in Deutschland auf dem Vormarsch. Zu diesem ernüchternden Urteil kommt, wer sich die Entwicklung der vergangenen 25 Jahre anschaut. Der Leitartikel. Mehr...

Gipfel in Bratislava

Die EU braucht Hilfe

In Bratislava soll vor allem geklärt werden, wie Europa nach dem Brexit-Votum der Briten wieder näher an die Menschen gebracht werden kann.

Die Bundestagswahl im 2017 sollte den Charakter eines Plebiszits für Europa annehmen. Jeder Kandidat sollte sagen, ob er in einem weltoffenen Europa leben möchten – oder nicht. Der Leitartikel. Mehr...

Fall Beckenbauer

Des Kaisers neue Kleider

Verantwortlich für das Sommermärchen 2006: Franz Beckenbauer.

Die Enthüllungen im Fall Beckenbauer lassen den Fußballer und Organisator der Fußball-WM 2006 in neuem Licht erscheinen. Sie belegen auch, mit wie vielen Tricks der DFB arbeitete. Der Leitartikel. Mehr...

Nationalismus

Es gibt keinen deutschen Volkscharakter

Ist die Frau ohne Kopftuch deutscher als die andere?

Bei der Debatte über das Deutschsein geht es nicht darum, deutsch zu sein. Vielmehr soll anderen abgesprochen werden, deutsch zu sein. Dagegen müssen wir uns wehren. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige