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Gastbeiträge

28. Januar 2016

Pflege: Bündnis für gute Pflege

 Von Malu Dreyer
Die Situation der Pflegerinnen und Pfleger muss verbessert werden.  Foto: Rolf Oeser

Die Hilfen für alte Menschen müssen besser als bisher vernetzt, Angebote stärker gebündelt werden. Wenn wir jetzt neue Wege im Umgang mit Altern erproben, dann ist das ein Impuls, wieder zu mehr Gemeinschaft zu finden. Der Gastbeitrag.

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Nach großen Weichenstellungen entsteht oft der falsche Eindruck, das Thema wäre erledigt. So war das auch, als vor 20 Jahren die Pflegeversicherung startete. Es war ein großer Durchbruch, eine Systementscheidung – aber längst wird deutlich, wie viel noch zu regeln ist, bis wir wirklich überall von guter Pflege reden können. Dabei kommt es jetzt sehr auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen und auf möglichst flexible Angebote für alte Menschen und Pflegebedürftige an. Auf ein ganzheitliches Verständnis von Alltagsbewältigung und Hilfsangeboten.

In Rheinland-Pfalz gehen wir gerade die nächsten Schritte. Mit der neuen Pflegekammer gibt es erstmals eine wirksame Interessensvertretung der Menschen in den Pflegeberufen. Das ist wichtig, genauso wichtig wie die schnelle Reform der Pflegeausbildung auf Bundesebene. In Rheinland-Pfalz beschreiten wir auch neue Wege, wenn es um die individuelle Beratung geht. Denn gute Pflege braucht passgenaue Bedingungen. Die Pflegebedürftigen und ihre Familien müssen kompetent begleitet werden, frühzeitig und sensibel für die jeweilige individuelle Situation.

In den Regionen des Landes gibt es schon jetzt „Pflegestützpunkte“, an denen Pflegebedürftige oder ihre Angehörigen umfassend Rat einholen können. Mein Ziel ist es, dass die Fachkräfte in diesen Stützpunkten zu „persönlichen Pflegemanagern“ werden. Deren Aufgabe wird es sein, in Abstimmung mit den Familien alle Pflegeleistungen zu einem Gesamtangebot zu bündeln, die notwendigen Vereinbarungen mit Anbietern der Pflegeleistungen abzuschließen und darauf zu achten, dass die Leistungen auch erbracht werden. Immer entsprechend dem Prinzip, dass gute Pflege so vielfältig und so individuell sein muss wie das Leben selbst.

Persönliche Pflegemanager können dann mit den Angehörigen und der pflegebedürftigen Person auch das Leistungsportfolio verändern und dem Bedarf anpassen. Das wird die Menschen deutlich entlasten und den Rechtsanspruch auf eine gute Pflege in der Praxis für viele überhaupt erst umsetzbar machen. Denn häufig leben die Angehörigen mit ihrer Familie nicht mehr im selben Ort wie die pflegebedürftigen Menschen, so dass sie allein aufgrund der räumlichen Distanz nicht in der Lage sind, sich intensiv zu kümmern.

Oft könnte Pflegebedürftigkeit sogar vermieden werden, wenn es im Vorfeld genügend präventive und gesundheitsförderliche Angebote gäbe – was besonders im ländlichen Raum immer schwerer zu organisieren ist. Dabei kommt es hier ganz besonders auf flexible und frühzeitige Ansprache an. Diese Lücke schließt in Rheinland-Pfalz das neue Projekt „Gemeindeschwesterplus“: In sieben Regionen beraten seit September Pflegefachkräfte hochbetagte Menschen, die noch keinen Pflegebedarf haben.

Sie schauen sich die Lebens- und Wohnsituation an, unterstützen bei der Gestaltung von Wohnung und Wohnumfeld etwa beim Abbau von Stolperfallen. Sie helfen, soziale Netzwerke zu aktivieren. Sie geben Impulse für ein gesünderes, bewegungsreiches Leben im Alter. Und sie entwickeln mit den alten Menschen auch schon Pläne für die Zeit, in der dann doch professionelle Pflege notwendig werden könnte.

„Menschen pflegen“ – dieses Motto meiner Pflege-Initiative in Rheinland-Pfalz ist schon fast 14 Jahre alt. Heute spüren wir noch mehr als damals, wie umfassend die Herausforderungen sind. Denn der große Durchbruch der Pflegeversicherung hatte zunächst auch problematische Effekte. Der Pflegemarkt brachte Investoren gute Renditen; aber die Pflege drohte zu einer Ware zu werden – und die Zahl der Arbeitsplätze im Pflegebereich wuchs zwar, doch die Wertschätzung dieser Arbeit sank, die Arbeitsbedingungen wurden vielerorts immer unwürdiger. Der Wettbewerb mit den privaten Anbietern zwang die Sozialstationen, sich auf die Erbringung von abrechenbaren Leistungen zu konzentrieren. Die ehrenamtlichen und die Beratungsangebote drohten im Wettbewerb der Anbieter unterzugehen.


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Die Initiative „Menschen pflegen“ war eine erste Antwort darauf. Mit ihr wurde nach und nach aber offenkundig, dass gute auf einer guten Pflegeinfrastruktur gründen muss, die in mehreren Reformschritten ausgebaut wurde: Die 135 Beratungs- und Koordinierungsstellen wurden zu den Stützpunkten weiterentwickelt; die Pflegekassen finanzieren deren Beratung und das Land fördert mit bis zu 80 Prozent der Kosten die Beratungs- und Koordinierungsarbeit, verbessert und abgesichert zuletzt durch ein Landesgesetz Ende 2015.

Das alles war ein Lernprozess. Gegründet auf der Erfahrung, dass es nicht ausreicht, ein verbindliches Finanzierungsinstrument zu schaffen. Wer heute viel in Pflegeeinrichtungen unterwegs ist, empfindet deutlich, wie lang dieser Weg war – und wie viel Wegstrecke noch bevorsteht. Es zeigt sich an vielen Orten längst, wie stark sich darüber nicht zuletzt unsere Gesellschaft zum Positiven wandelt.

Unsere Familien leben heute völlig anders als Generationen zuvor, Eltern und erwachsene Kinder häufig räumlich weit verstreut. Unser Zusammenleben ist generell individueller geworden, zur Auseinandersetzung mit den Problemen von Mitmenschen bleibt oft viel zu wenig Zeit. Wenn wir jetzt neue Wege im Umgang mit Altern und – später – Pflegebedürftigkeit erproben, dann ist das nicht zuletzt ein Impuls, wieder zu mehr Gemeinschaft und Zusammenhalt zu finden. Zu mehr Menschlichkeit in einem Lebensabschnitt, den fast alle von uns noch vor sich haben.

Malu Dreyer ist rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und SPD-Spitzenkandidatin für die Landtagswahl.

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