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Gastbeiträge

08. Februar 2016

Renten: Von Österreich lernen

 Von Florian Blank und Erik Türk
Den Rentnern in Österreich geht es deutlich besser als ihren deutschen Nachbarn.

Das Rentensystem der Alpenrepublik ist stabiler als das des Nachbarn Deutschland. Eine Analyse zeigt: Die Entwicklung der österreichischen Wirtschaft hat unter dem starken öffentlichen Alterssicherungssystem nicht gelitten. Der Gastbeitrag.

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Die Zahlen sind unstrittig: 1560 Euro erhalten langjährig versicherte Österreicher, die 2013 in Rente gegangen sind, durchschnittlich von der gesetzlichen Rentenversicherung. Und zwar 14 Mal im Jahr. Deutsche Neurentner mit ähnlichem Erwerbsmuster müssen sich hingegen mit durchschnittlich 1050 Euro im Monat begnügen.

Die Idee der deutschen Rentenreformen der Jahrtausendwende, Lücken, die durch die Kürzungen bei der gesetzlichen Rente entstanden sind, über kapitalgedeckte Privatvorsorge zu schließen, funktioniert leider nur für wenige Beschäftigte. Das haben mittlerweile verschiedene Untersuchungen über die sogenannte Riester-Rente gezeigt. Das deutsche System der Alterssicherung sorgt also oft nicht mehr für einen gesicherten Lebensabend. In Österreich gelingt das deutlich besser, haben wir kürzlich in einer Studie herausgearbeitet.

Für manchen klingt das zu gut, um wahr sein zu können. Einzelne Kritiker haben uns vorgehalten, das österreichische Rentensystem zu idealisieren. Es sei zu teuer, und daher stünden in der Alpenrepublik einschneidende Reformen nach deutschem Muster an. Das blende unsere Studie aus. Wer sich alle relevanten Informationen anschaut – die in unserer Untersuchung auch enthalten sind –, dürfte über solche Kritik allerdings ebenso verwundert sein wie wir.

Richtig ist: Auch in Österreich werden die Ausgaben für die Alterssicherung steigen, weil der Anteil der Älteren stark zunehmen wird. Die Europäische Kommission beziffert den Anteil der öffentlichen Rentenausgaben für das Jahr 2013 auf 13,9 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP). Bis 2037 dürfte diese Quote auf 14,7 Prozent steigen.

Danach stabilisiert sich der relative Aufwand und sinkt bis zum Jahr 2060 wieder leicht. Über den gesamten Projektionszeitraum betrachtet beträgt der Anstieg damit lediglich 0,5 Prozentpunkte. Und das bei einem von der Industrieländerorganisation OECD prognostizierten Nettorentenniveau (nach Steuern) für einen „idealtypischen Standardrentner“ von über 90 Prozent im Jahr 2060, während in Deutschland gerade mal 50 Prozent erreicht werden.

Die österreichische Entwicklung gilt der EU-Kommission damit also als „weitgehend stabil“. Der geringe Anstieg liegt deutlich unter dem in Deutschland, der von der Europäischen Kommission für den Zeitraum bis 2060 mit 2,7 Prozentpunkten angegeben wird – auf knapp 13 Prozent. Dabei sind für Österreich schon Mindestrenten („Ausgleichszulagen“) mit berücksichtigt.

Nun mag man einwenden: Günstigerer Trend in Österreich, schön und gut, das Ausgabenniveau der gesetzlichen Rentenversicherung ist aber trotzdem höher. Wer so argumentiert, tappt aber leicht in eine Falle, die in der Rentendiskussion immer lauert: Wer die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Alterssicherung bewerten will, muss auch die gesamten Rentenkosten in den Blick nehmen, und nicht nur den Teil, der auf die gesetzliche Rentenversicherung entfällt.


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In Deutschland müssten also etwa auch die Beiträge für die Riester-Rente mit einbezogen werden. Diese Beiträge zahlen im Übrigen die Arbeitnehmer – und der Steuerzahler – alleine. Diejenigen, die freiwillig so vorsorgen, sind nicht erst seit der Finanzkrise oft mit sehr niedrigen Renditen konfrontiert. Diejenigen, die es nicht tun, tragen häufig ein erhebliches Risiko, im Alter beim Sozialamt vorsprechen zu müssen. Sieht so ein gut funktionierendes Rentensystem aus?

In Österreich, wo ähnliche Reformen zur Jahrtausendwende ebenfalls diskutiert wurden, hat man sich anders entschieden und die gesetzliche Rente zwar umfassend reformiert, aber stark gehalten. Der „kleine Nachbar“ Deutschlands ist damit recht gut gefahren. Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass das so bleibt: Die Zukunftsfähigkeit eines Rentensystems hängt vor allem von der ökonomischen Leistungsfähigkeit eines Landes und der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ab. Ein Land mit einer wachsenden Wirtschaft kann und soll angesichts der deutlichen Alterung auch relativ mehr Geld in die Alterssicherung stecken.

Unsere Analyse hat gezeigt: Die Entwicklung der österreichischen Wirtschaft hat unter dem starken öffentlichen Alterssicherungssystem nicht gelitten. Vielmehr waren Wirtschaftswachstum, Lohn-, Produktivitäts- und Beschäftigungszuwächse seit Beginn der Europäischen Währungsunion deutlich höher als in Deutschland, während sich der Leistungsbilanzüberschuss stabil bei rund zwei Prozent des BIP bewegt.

Schließlich ist ein Alterssicherungssystem dann zukunftsfähig, wenn ein Konsens darüber besteht, was es leisten soll – und was das insgesamt kosten darf. Eine eindeutige Maßzahl, wie groß eine öffentliche Rentenversicherung sein darf, gibt es nicht. In Österreich ist die Rente – wie in Deutschland – Gegenstand häufiger Diskussionen.

Mit Rente wird auch dort Politik gemacht. Ende Februar soll eine Bilanz der letzten Reformen gezogen werden, und das bietet Gelegenheit zur parteipolitischen Profilierung. Gegenwärtig sind jedoch keine einschneidenden Reformen vereinbart. Ein Systemwechsel dürfte für viele Österreicher nicht attraktiv sein – auch weil sie aufmerksam nach Deutschland schauen.

Florian Blank ist Sozialversicherungsexperte im Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

Erik Türk verfolgt den gleichen Forschungsschwerpunkt bei der Arbeiterkammer Wien.

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