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Gastbeiträge

14. Januar 2016

Übergriffe in Köln: Der Islam erlaubt keine Gewalt gegen Frauen

 Von Basheer Alzalaan
Ein Angehöriger des deutsch-tunesischen Vereins verteilt Blumen an Passantinnen in Köln.  Foto: dpa

Basheer Alzalaan ist Flüchtling aus Syrien und lebt in der Nähe von Köln. Ihm hilft das Gefühl des „Willkommen seins“. Es darf wegen der Ereignisse in Köln nicht verloren gehen. Der Gastbeitrag.

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Ich bin männlich, Flüchtling aus Syrien und wohne in der Nähe von Köln. Ich empfinde es als meine moralische Pflicht, mich zu den Vorfällen in Köln zu äußern. Vorneweg ist mir besonders wichtig, meine Solidarität mit den Frauen auszusprechen, die Opfer dieser Gräueltaten geworden sind. Niemandem sollte irgendwo auf dieser Welt von irgendwem ein solches Leid zugefügt werden.

Es macht mich traurig und beschämt mich zu hören, dass einige der Verbrecher Asylbewerber sind. Wie können gerade diejenigen, die selbst vor unendlichem Leid, vor Krieg geflohen sind, sich so verhalten? Meine deutschen Freunde sagen mir, dass Verbrecher Verbrecher sind, egal, wo sie herkommen. Statistiken zeigen, dass die Straffälligkeit von Flüchtlingen genauso hoch ist wie bei Deutschen. Aus der Herkunft von Menschen können und dürfen keine Rückschlüsse über Gesetzestreue gezogen werden.

Aber ich denke an all die ehrenamtlichen Helfer; an die Hilfe, die ich vom deutschen Staat erhalte, an den Rückhalt, den ich erfahre. Wir sagen im Arabischen, dass man die Hand, die einen füttert, nicht beißen darf. Genau dagegen haben die Täter von Köln verstoßen, und sie haben den Islam mit ihren Taten beschmutzt. Der Islam, wie ich und viele andere Syrer ihn leben, erlaubt keine Gewalt gegen Frauen und keinen Diebstahl.

Verbrecher sind Verbrecher - egal, wo sie herkommen

Die Übergriffe auf die Frauen in der Silvesternacht haben auch andere, ähnliche Erinnerungen in mir aufgewühlt. Es war vor etwa einem Jahr, am Hauptbahnhof in Düsseldorf. Das erste Mal in meinem Leben habe ich gesehen, wie eine Frau belästigt wurde. Der Täter war betrunken, ich versuchte dazwischen zu gehen, aber er wurde sehr gewalttätig. Mein Bruder hielt mich zurück, sagte mir, dass ich aufpassen müsste, dass die Polizei nicht am Schluss mich verhaftet. Schließlich sei ich Flüchtling. Wahrscheinlich war seine Sorge unbegründet, aber wir waren noch sehr fremd in diesem Land und hatten Angst, man könne uns nach Syrien zurückschicken. Bis heute denke ich an diesen Vorfall und fühle mich schwach und hilflos.

Es wird gerade in den Nachrichten viel diskutiert darüber, dass man Asylbewerber stärker bestrafen sollte. Ich bin dafür, dass man sie genauso wie alle anderen zur Rechenschaft zieht. Wer kriminell ist, muss auch so behandelt werden, egal, wo er her kommt.

Ich selbst bin vor ziemlich genau einem Jahr an Silvester nach Deutschland gekommen, meine Heimatstadt Deir Ez Zoor in Syrien wurde von terroristischen Gruppierungen eingenommen und ich hatte Angst um das Leben meiner Frau, unserer drei und fünf Jahre alten Töchter und das unseres damals noch ungeborenen Sohnes. Jeden Tag wurde bombardiert und ich habe so viele von meinen Freunden verloren. Außerdem gab es seit Jahren kaum Strom und fließendes Wasser, nicht mal mehr Krankenhäuser.

Unser Gastautor Basheer Alzalaan ist Bundesfreiwilliger bei der Hilfsorganisation Care.  Foto: FR

Ich bin tagelang gelaufen, saß auf einem wackeligen Boot nach Griechenland. Ich bin einer von über 4,5 Millionen Syrern, die seit Beginn des Konflikts aus unserer Heimat in andere Länder geflohen sind.

Seit ich hier bin, bin ich überwältigt von der Hilfsbereitschaft. Ich bin hier, um mich zu integrieren, um ein Teil dieser Gesellschaft zu werden, in der Freiheit, Gleichberechtigung und Frieden hochgehalten werden. Ich bin dankbar dafür, dass die Deutschen ihr Land mit mir teilen. Meine Freunde hier sind zu einer neuen Familie geworden, und wenn ich mir vorstelle, dass einer unter den Opfern in Köln gewesen sein könnte, werde ich wütend und traurig.

Gleichzeitig ist es jetzt wichtig, nach vorne zu schauen. Menschen müssen sich integrieren können. In Syrien habe ich als Englischlehrer gearbeitet. Jetzt bin ich Bundesfreiwilliger bei der Hilfsorganisation Care beim KIWI-Projekt. KIWI steht für Kultur, Integration, Werte und Initiative. Wir helfen Lehrern beim Umgang mit neu angekommenen Schülern, die Fluchterfahrung haben, wollen zentrale Grundwerte der deutschen Gesellschaft vermitteln und negative Geschlechterrollen und Diskriminierung bekämpfen.

Care unterstützt seit vielen Jahren in Ländern wie Serbien, Kosovo oder Bosnien männliche Jugendliche dabei, stereotype Geschlechterrollen und Verhaltensmuster abzulegen und greift jetzt in Deutschland auf diese Expertise in der Jugendarbeit zurück. Es ist wichtig, deutsche Schulen bei der großen Herausforderung, hunderttausende Kinder und Jugendliche mit Flucht- und Migrationshintergrund in den Schulalltag zu integrieren, nicht alleine zu lassen.

Mehr dazu

Ich will den Kindern und Jugendlichen, die als Migranten oder Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind dabei helfen, sich zu integrieren, hier einen Platz für sich zu finden. Gleichzeitig hoffe ich, dass ich als „Brücke“ zwischen ihnen und Deutschen dazu beitragen kann, das eben genau dieses Gefühl des „Sich Willkommen Fühlens“, das nach Jahren des Krieges Balsam auf meiner Seele war, nicht aufgrund der Ereignisse in Köln verloren geht.

Ich hoffe, dass die Verbrecher gefasst und bestraft werden, und dass die deutsche Politik Antworten auf solche Taten findet – ganz unabhängig davon, ob die Täter und Opfer Migranten, Flüchtlinge oder Deutsche sind. Gleichzeitig wünsche ich mir inständig, dass die „Willkommenskultur“, das multikulturelle Köln und Deutschland, das ich kennengelernt habe, sich dadurch nicht negativ verändern. Sonst, so kommt es mir vor, lassen sie die Täter von Köln gleich noch ein weiteres Verbrechen begehen.

Basheer Alzalaan ist Bundesfreiwilliger bei der Hilfsorganisation Care.

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