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Gastwirtschaft
Andere Ansichten, andere Haltung - die Wirtschaftskolumne der Frankfurter Rundschau

24. Januar 2015

Hunger: Hungern im Überfluss

 Von 
Nahrungsmittel sind genug vorhanden, der fehlende Zugriff darauf ist das Problem.  Foto: imago

Hunger und Mangelernährung sind nicht auf einen Mangel an Nahrungsmitteln zurückzuführen. Das Problem besteht vielmehr darin, dass Nahrungsmittel ungerecht verteilt sind. Trotzdem spricht alle Welt vor allem davon, mehr und effizienter zu produzieren.

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Die Weltbevölkerung wächst weiter. 2050 müssen über neun Milliarden Menschen ernährt werden. Daher müssen wir mehr und effizienter produzieren. Nur so können wir den Hunger besiegen.

Dieser einfache Dreisatz von Bevölkerungswachstum, Produktionssteigerung und Hungerbekämpfung ist Handlungsgrundlage fast aller einflussreichen Akteure der Entwicklungs- und Ernährungs-Szene: von Weltbank über Welternährungsorganisation FAO bis hin zum Bauernverband und deutscher Entwicklungshilfe. Er ist deckungsgleich mit der Rhetorik der Agrar- und Ernährungsindustrie und erfüllt einen wichtigen Zweck. Die tonangebenden Akteure – Staaten wie Konzerne – etikettieren ihre problematische Markt- und Machtexpansion als Lösung für den Hunger in der Welt um.

Der Dreisatz verschleiert, dass Hunger in erster Linie eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit und damit hoch politisch und fern ab von globalen Produktionsmengen ist. Der UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte stellt 1999 zum Menschenrecht auf Nahrung klar: „Im Grunde liegt die Wurzel des Problems von Hunger und Mangelernährung nicht in einem Mangel an Nahrungsmitteln, sondern im mangelnden Zugang großer Teile der Weltbevölkerung zu den verfügbaren Nahrungsmitteln.“

Roman Herre.  Foto: privat

Bei dem Verweis auf die wachsende Weltbevölkerung wird verschwiegen, dass die Menge der verfügbaren Nahrungsmittel viel schneller wächst. Seit 1960 ist die Bevölkerung um das 2,3-Fache angestiegen. Im gleichen Zeitraum ist die Nahrungsmittelproduktion um das 3,1-Fache gewachsen. Rein rechnerisch hätte damit jeder Mensch auf der Welt heute 30 Prozent mehr Essen auf dem Teller als noch vor 50 Jahren. Wäre globale Mengensteigerung wirklich die silberne Kugel der Hungerbekämpfung, dürften heute keine 800 Millionen Menschen täglich Hunger leiden.

Bleibt zum Schluss noch die Frage, wo all die Nahrungsmittel landen: Agrartreibstoffe, Futtermittel, Überkonsum (800 Millionen Menschen sind heute fettleibig), Nahrungsmittelverluste und -verschwendung im industriellen Ernährungssystem sind da nur einige Stichworte. Das Vorantreiben der Bioökonomie, also des Ersatzes fossiler durch nachwachsende Rohstoffe für unsere Industrien, wird auch in Zukunft sicherstellen, dass industrielle Mehrproduktion nicht bei den Armen und Hungernden landet.

Der Autor arbeitet für die Menschenrechtsorganisation Fian.

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