Ich finde an Thilo Sarrazins Thesen nichts Mutiges, sondern viel Abscheuliches. An einer Bewegung, die gegen den Totalitarismus der Märkte auf die Straße geht, finde ich nichts Abscheuliches, sondern jede Menge Mut. Ich schätze den Sozialstaat als Instrument der Ermächtigung zur Freiheit und fürchte ihn nicht als Ruhepolster für Antriebsschwache. Und ich bin ein überzeugter Verteidiger von Joachim Gauck.
Ist das nicht ein eklatanter Widerspruch? Hat Gauck nicht Sarrazin mutig und die Occupy-Bewegung abscheulich genannt? Kursieren nicht zahlreiche Zitate von ihm über die Trägheit der Transfer-Empfänger? Ja, das tun sie. Aber die Versuche, den Kandidaten als Verehrer oder Verächter von diesem oder jenem zu packen, gehen an seiner Person und seinem Denken weitgehend vorbei.
Internetdebatte in drei Runden
Im internet-typischen Tempo hat die Debatte dieser Woche mindestens die dritte Runde hinter sich. Erste Runde: Auftritt der Kritiker mit den bekanntesten Zitaten unter anderem zu Sarrazin, Sozialstaat, Occupy. Zweite Runde: Kritik an den Kritikern wegen Verkürzung der Gauck’schen Aussagen. Dritte Runde: Kritik der Gauck-Kritiker an ihren Kritikern durch Heranziehung der gleichen Zitate, mit denen die Kritiker-Kritiker Gauck verteidigen.
Es wäre ein Leichtes, sich den Kritikern der Kritiker anzuschließen und die einschlägigen Zitate so lange positiv „von links“ zu lesen, bis von Sarrazin-Anfälligkeit, Occupy-Abscheu und Sozialstaats-Skepsis so gut wie nichts mehr übrig bleibt. Es ist ebenso leicht und in sich logisch, sie negativ zu lesen, und zwar ebenfalls „von links“. Beides funktioniert gerade deshalb so einfach, weil es dem künftigen Bundespräsidenten nicht gerecht wird. Er ist nicht eindeutig zu orten in den gewohnten Koordinaten des politischen Streits. Und gerade das macht ihn aus.
Nach dem Rücktritt von Christian Wulff als Bundespräsident ist Joachim Gauck der Konsenskandidat von CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne. Das Spezial.
Privatkredit von einem Unternehmer, überraschend günstige Konditionen bei der BW-Bank, Gratis-Urlaub bei Unternehmern, Drohungen auf der Mailbox von Bild-Chef Diekmann - die Vorwürfe gegen Bundespräsident Wulff im Einzelnen.
Politiker reagieren verhalten. Manche fordern ein Ende der Debatte, weil sie das Amt beschädige. Sie meinen tatsächlich die Debatte, nicht das Verhalten von Wulff. Die Reaktionen - das sagen Politiker.
Fragen von Journalisten, die Antworten von Wulff - Dokumentation im durchsuchbaren pdf-Format.
In den Kommentarspalten gärt es dagegen gewaltig. Unsere Presseschau.
In Niedersachen beginnt die politische Aufarbeitung der Vorwürfe gegen Bundespräsident und Ex-Ministerpräsident Wulff: