kalaydo.de Anzeigen

Affäre Christian Wulff
Ex-Bundespräsident Christian Wulff arbeitet seine Vergangenheit auf - und bestreitet alle Vorwürfe

21. November 2012

Christian Wulff in Heidelberg: Christian Wulff erzählt vom Aufstieg

 Von Felix Helbig
Christian Wulff am Mittwochabend in Heidelberg. Foto: dpa

Christian Wulff ist zurück. Bei seinem ersten Auftritt nach dem Rücktritt hält der Alt-Bundespräsident eine Rede an der Heidelberger Universität über den Wandel der Gesellschaft.

Drucken per Mail
Heidelberg –  

Vor der Aula der Alten Universität zu Heidelberg sind am Mittwochabend die Menschen zusammengelaufen, sie haben sich die Nasen an den Scheiben plattgedrückt, ganz so, als gäbe es drinnen einen leibhaftigen Präsidenten zu bestaunen. Die Stadt hatte draußen festliche Stände aufgebaut für einen Weihnachtsmarkt, die Polizei riegelte alles ab, es galt höchste Sicherheitsstufe. Und es kam dann ja auch tatsächlich ein Präsident, ein Alt-Bundespräsident. Es war der erste Auftritt nach dem Rücktritt von Christian Wulff.

In der Aula der Alten Universität zu Heidelberg stand ein Mann am Rednerpult, der schmal geworden ist, dem sich einige Furchen in die Wangen gegraben haben und dem das gedämpfte Licht des holzvertäfelten Saals bei der Bestimmung seiner Gesichtsfarbe geschmeichelt haben mag. Ansonsten aber gab sich Wulff neun Monate nach dem durchaus beschämenden letzten Auftritt beim Großen Zapfenstreich nach seinem Rücktritt, als der Lärm von Demonstranten die Zeremonie übertönt hatte, bemerkenswert präsidial. Das mag auch am wohlwollenden Heidelberger Publikum gelegen haben.

Es ging deutlich friedlicher zu bei seiner Rede über die „Gesellschaft im Wandel“, mit der die Hochschule offenbar ihren Beitrag leisten wollte zur Resozialisierung des so atemberaubend schnell abgestürzten Alt-Bundespräsidenten. Wie ein Aussätziger war der zuletzt in der politischen Gesellschaft behandelt worden, womöglich blieb er deshalb lange abgetaucht; noch laufen ja auch die behördlichen Ermittlungen wegen Bestechungsvorwürfen.

Präsident der Herzen

In der Heidelberger Aula spielte all das keine Rolle. Christian Wulff sprach dort von Integration, von Chancengleichheit für Migranten, von der „besorgniserregenden Segregation in den Ballungszentren“ und davon, dass „der Glaube an die Möglichkeit des Aufstiegs wichtig ist für dieses Land“, wenngleich er „geringer geworden“ sei. Wulff nannte Beispiele von Kindern, die er getroffen habe, vom neuen türkischen Botschafter in Berlin, dem er „vor einiger Zeit einen Rat gegeben“ habe, wie mehr Migranten zur Feuerwehr gebracht werden könnten. Und dann folgte das wahrhaftig Bemerkenswerte: Der so tief Gefallene erzählte Geschichten vom Aufstieg. Und er hörte sich dabei an wie immer.

Er wolle mit seiner Rede „nicht nur den Verstand“ der Menschen im Saal erreichen „sondern auch die Herzen“, sagte Wulff dann noch – was ihm offenbar gelang: Die Menschen in Heidelberg strömten nicht nur zusammen, sie stellten auch nicht eine kritische Frage, als sie – sogar von Wulff selbst – dazu aufgefordert waren. Sie stellten sogar erst einmal überhaupt keine Fragen. Als sich schließlich doch drei Zuhörer erweichten, sprach ihn einer mit „Herr Wulff“ an und einer mit „Herr Bundespräsident“. Nach Pflicht oder Verantwortung, den Wandel der Gesellschaft im Amt vorzuleben, fragte niemand. Und nach etwas mehr als einer Stunde war Christian Wulff wieder weg.

Die Universität betonte auf Nachfrage noch, man habe Wulff schon vor einem Jahr eingeladen, als Person, nicht als Präsident, wegen seiner Verdienste um die Integration. Ein Honorar sei nicht gezahlt worden für den Auftritt.

Jetzt kommentieren

Spezial

Ex-Bundespräsident Christian Wulff arbeitet seine Vergangenheit auf - und bestreitet alle Vorwürfe

Spezial: Der Fall Wulff
Interaktive Grafik

Alles rund um den Amtssitz des Bundespräsidenten in einer interaktiven Grafik.

Reden der der Bundespräsidenten

Von Wulff bis Weizsäcker, was Gaucks Vorgänger in ihren Antrittsreden sagten, lesen Sie hier.

Spezial: Bettina Wulff
Soll das Volk den Bundespräsidenten wählen?

Die Debatte ist so alt wie das Amt:  Bisher wählt die Bundesversammlung den Bundespräsidenten.  Das soll u.a. verhindern, dass ein Populist das bedeutendste Amt im Staat übernimmt.  Sollte nach den jüngsten Erfahrungen nicht doch lieber das Volk den Bundespräsidenten wählen?

Ja
Nein
Interaktive Grafik

Eine interaktive Zeittafel der Affäre um Ex-Bundespräsident Christan Wulff - beginnend mit der umstrittenen Finanzierung seines Einfamilienhauses.

Ex-Bundespräsident Chistian Wulff

Privatkredit von einem Unternehmer, überraschend günstige Konditionen bei der BW-Bank, Gratis-Urlaub bei Unternehmern, Drohungen auf der Mailbox von Bild-Chef Diekmann - die Vorwürfe gegen Ex-Bundespräsident Wulff im Einzelnen.

Politiker reagieren verhalten. Manche fordern ein Ende der Debatte, weil sie das Amt beschädige. Sie meinen tatsächlich die Debatte, nicht das Verhalten von Wulff. Die Reaktionen - das sagen Politiker.

Fragen von Journalisten, die Antworten von Wulff - Dokumentation im durchsuchbaren pdf-Format.

In den Kommentarspalten gärt es dagegen gewaltig. Unsere Presseschau.

Dokumente

In Niedersachen beginnt die politische Aufarbeitung der Vorwürfe gegen Bundespräsident und Ex-Ministerpräsident Wulff:

Kleine Anfrage und Antworten von Stefan Schostok (SPD)

Kleine Anfrage und Antworten von Stefan Wenzel (Grüne)