kalaydo.de Anzeigen

Netz-Kritik an Joachim Gauck: These Antithese Synthese oder Ping Pong Ping

Die Netzgemeinde kritisiert Joachim Gauck – und liefert  dann dialektisch  die Kritik der Kritik nach.
Die Netzgemeinde kritisiert Joachim Gauck – und liefert  dann dialektisch  die Kritik der Kritik nach.
Foto: dpa

Die Netzgemeinde kritisiert Joachim Gauck – und liefert dann dialektisch die Kritik der Kritik nach. Wie Guttenbergs Doktorarbeit im Guttenplag-Wiki werden Gaucks Reden und Einlassungen im Netz auf Herz und Verstand geprüft.

Spätestens, wenn die Netzgemeinde den Philosophen Immanuel Kant zitiert, wird es interessant. Schließlich werden ihr eher schnelle Reflexe und ein harter linker Haken zugebilligt als die Neigung zur Philosophie. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, mit diesem Satz Kants begann Blogger Patrick Breitenbach Anfang der Woche einen Eintrag im Blog der Karlshochschule.

Gerichtet ist der Aufruf an all jene, die im Internet auf der Jagd nach Joachim Gauck sind. Seitdem er Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten ist, stellen sie nicht nur genüsslich das Partyfoto immer wieder ins Netz, auf dem Gauck zwischen Unternehmer und Christian-Wulff-Freund Carsten Maschmeyer und Veronica  Ferres steht. Breitenbach zeigt, dass jene, die Gauck etwa als Sarrazin-Befürworter kritisieren, immer wieder aus denselben Interviews falsch und zumindest bewusst verzerrrend zitieren. „Gauck in der Filterbubble oder wie wir lernten den Kontext zu ignorieren“, lautet die Überschrift.

Twitter beschleunigt auch die Anti-Gauck-Welle

„Filterblase“, so wird das Phänomen bezeichnet, dass das Internet  zunehmend dazu neigt, seinen Nutzern immer nur das zu zeigen, was sie ohnehin erwarten. So bestätigt das Netz seinen Usern ihr vorgefertigtes Bild von der Welt und verstärkt es. Das Phänomen gab es schon früher, es wird aber durch soziale Netzwerke wie Twitter dramatisch beschleunigt, wie die Welle an Anti-Gauck-Kommentaren mit Stichworten wie „#notmypresident“ zu beweisen scheint.

Gaucks Gegner und Freunde im Internet

Vor zwei Jahren  war Joachim Gauck bei der Wahl zum Bundespräsidenten klarer Favorit bei den Nutzern von sozialen Netzwerken wie Facebook und deutlich beliebter als Christian Wulff.

Nach seiner Ernennung zum Kandidaten regte sich reichlich Online-Protest gegen Gauck, beispielsweise über Twitter. Hier verwenden Nutzer das Schlagwort („Hashtag“) #notmypresident. Für viel Unmut sorgen Gaucks vermeintlich ablehnende Haltung zur Occupy-Protestbewegung und seine angebliche Unterstützung Sarrazins.

Auf Facebook gibt es verschiedene Seiten zu Gauck, die Gruppe mit den meisten  Mitgliedern ist „Joachim Gauck als Bundespräsident“. Hier  sind 27.000 Facebook-Nutzer vernetzt.

Riesen-Erwartungen lasten auf Gauck. Neon.de fragt: „Hat Dich Joachim Gauck auch schon hängen lassen?“ und  bittet um Kommentare.

Breitenbachs Text hat schnell  die Runde gemacht – wiederum über Twitter, Facebook und andere Netzwerke. Die Kritik der Kritik lief  ironischerweise über dieselben Kanäle, über die zuvor die Gauck-Kritiker ihre Gemüter entladen hatten. Breitenbach ist nicht der einzige, der die Filterblase zum Platzen brachte.

Die FAZ-Bloggerin Julia Seeliger entschuldigte sich für ihr vorschnelles Urteil und las im entsprechenden Interview in der Süddeutschen Zeitung nach, wie es Gauck wirklich mit dem Sarrazin hält. Der Internet-Jurist Thomas Stadtler recherchierte, was Gauck zur Vorratsdatenspeicherung gesagt hat. Und auch Online-Medien wie Cicero.de oder der Spiegel Online-beteiligten sich bald an der Überprüfung der Zitate und analysierten das digitale

„Der ,böse Gauck’ und das Netz“

Solche  Formen von medialer Selbstregulierung kann man nun „Twitter-Krieg“ nennen, wie Stern.de es tut, man kann andererseits  aber auch zu dem Schluss kommen, dass die Sache mit der vermeintlich so homogenen Netzgemeinde nicht ganz so einfach ist. Schließlich melden sich gleichzeitig sehr unterschiedliche Menschen im Internet zu Wort. Und der Diskurs scheint auch online nicht nur den Gesetzen des entfesselten Mobs zu folgen. Er gehorcht auch hier mitunter altbekannten rhetorischen Mustern wie etwa Hegels Dreiklang der Dialektik: These-Antithese-Synthese.

Joachim Gauck - der zweite Anlauf

Bildergalerie ( 15 Bilder )

Ein Prinzip, das ein Berliner Printjournalist auf Facebook anschaulich so paraphrasierte: „Ping. Pong. Ping!“ Während sich bei Weitem nicht nur die Boulevard-Blätter der Republik vor zwei Jahren mit dem Tattoo von Bettina Wulff beschäftigten und nun der Frage nachgehen, ob der Bundespräsident verheiratet sein muss, hat Blogger Anatol Stefanowitsch mit „Der ,böse Gauck’ und das Netz“ eine tiefenhermeneutische Auslegung diverser Gauck-Statements vorgelegt, die in Umfang und Ernsthaftigkeit erst einmal ihresgleichen sucht.

Ein gestiegenes Selbstbewusstsein der Internetnutzer

Auch auf unzähligen Facebook-Pinnwänden wird die Frage von Gaucks intellektueller, politischer und moralischer Eignung zum Bundespräsidenten so breit diskutiert, wie das wohl bisher bei keinem seiner Vorgänger im Netz zu beobachten war – auch nicht beim Kandidaten-Duell Wulff gegen Gauck 2010. Vom gerne unterstellten Stammtisch-Niveau ist online nur selten etwas zu spüren, wenn man den einen oder anderen Ausreißer („Werden wir vergauckelt?“) überhört.

Es war schließlich Karneval in weiten Teilen des Landes. Joachim Gauck, und das ist  doch vielleicht schon eine gute Nachricht, scheint den Internet-Bürgern mehr intellektuelle Reibungsfläche zu bieten als seine beiden Vorgänger Horst Köhler und Christian Wulff zusammen.  Aus der zu beobachtenden Kommentier- und Debattenfreude lässt sich ein Interesse am höchsten Amt im Staat ableiten. Sie unterstreicht aber auch ein gestiegenes Selbstbewusstsein der Internetnutzer, das mitunter in Selbstherrlichkeit kippt.

„Deutschland sucht den Super-Präsidenten“

Die Internet, das sind schließlich die, die den Verteidigungsminister und andere Politiker digital-gruppendynamisch des Plagiats überführt und aus dem Amt gejagt haben. Wie Guttenbergs Doktorarbeit im Guttenplag-Wiki werden Gaucks Reden und Einlassungen im Netz auf Herz und Verstand geprüft. Ihn so auf seine politische Haltung zu diesem und jenem zu überprüfen, ist das gutes Recht eines jeden Bürgers.

Gauck allerdings vorzuhalten, mit welchem  Halbsatz er 2006 nicht ganz den richtigen Ton getroffen hat und was er alles nicht gesagt hat, unbedingt aber  hätte sagen müssen, wodurch er nun „unerträglich“ geworden sei, erinnert mitunter doch sehr an eine aufgeregte „Deutschland sucht den Super-Präsidenten“-Show. Etwas Gelassenheit täte der Netzgemeinde ganz  gut. Keine Sorge: Keine 100, sondern bloß 72 Prozent charakterliche Übereinstimmung sind nur beim Online-Dating eine Katastrophe.

Autor:  Marin Majica
Datum:  22 | 2 | 2012
Kommentare:  6
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Interaktive Grafik

Alles rund um den Amtssitz des Bundespräsidenten in einer interaktiven Grafik.

Reden der der Bundespräsidenten

Von Wulff bis Weizsäcker, was Gaucks Vorgänger in ihren Antrittsreden sagten, lesen Sie hier.

Spezial: Gauck folgt Wulff
Noch nicht unter die Blogger gegangen: Bundespräsident Joachim Gauck.
Bundespräsident im Internet 
Bundespräsident Joachim Gauck bei seiner Rede zum Befreiungstag in Breda.
Befreiungstag in den Niederlanden 
        

Gauck freut sich über die Dankesrede eines Ausgezeichneten.
Bundespräsident Gauck 
Politik-Spezial

Nach dem Rücktritt von Christian Wulff als Bundespräsident ist Joachim Gauck der Konsenskandidat von CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne. Das Spezial.


Soll das Volk den Bundespräsidenten wählen?

Die Debatte ist so alt wie das Amt:  Bisher wählt die Bundesversammlung den Bundespräsidenten.  Das soll u.a. verhindern, dass ein Populist das bedeutendste Amt im Staat übernimmt.  Sollte nach den jüngsten Erfahrungen nicht doch lieber das Volk den Bundespräsidenten wählen?

Interaktive Grafik

Eine interaktive Zeittafel der Affäre um Bundespräsident Christan Wulff - beginnend mit der umstrittenen Finanzierung seines Einfamilienhauses.

Fakten

Privatkredit von einem Unternehmer, überraschend günstige Konditionen bei der BW-Bank, Gratis-Urlaub bei Unternehmern, Drohungen auf der Mailbox von Bild-Chef Diekmann - die Vorwürfe gegen Bundespräsident Wulff im Einzelnen.

Politiker reagieren verhalten. Manche fordern ein Ende der Debatte, weil sie das Amt beschädige. Sie meinen tatsächlich die Debatte, nicht das Verhalten von Wulff. Die Reaktionen - das sagen Politiker.

Fragen von Journalisten, die Antworten von Wulff - Dokumentation im durchsuchbaren pdf-Format.

In den Kommentarspalten gärt es dagegen gewaltig. Unsere Presseschau.

Dokumente

In Niedersachen beginnt die politische Aufarbeitung der Vorwürfe gegen Bundespräsident und Ex-Ministerpräsident Wulff:

Kleine Anfrage und Antworten von Stefan Schostok (SPD)

Kleine Anfrage und Antworten von Stefan Wenzel (Grüne)