Ob Christian Wulff zurzeit seinen Namen googelt? Wahrscheinlich nicht. Denn was er da findet, dürfte ihm kaum gefallen. Denn die Internetgemeinde ist voller Häme über den Bundespräsidenten und seine Affären - und schlachtet das Thema in satirischen Bildern, Audios und Videos genüsslich aus.
Wer etwa bei Facebook nach Christian Wulff sucht, findet neben der offiziellen Seite des Bundespräsidenten auch die Seiten, auf denen sich seine Gegner organisieren. "Christian Wulff nicht" heißt eine Seite, "Christian Wulff is NOT my president" eine andere, "Christian Wulff: Rücktritt jetzt" eine dritte. Letztere allein hat mehr als 3000 Anhänger. Sie helfen bei der Verbreitung der Präsidenten-Häme im Netz.
Zum Beispiel von der WDR5-Sendung "Politikum". Ein täuschend echt klingender Stimmenimitator stellte in der Sendung den vielbeschriebenen Anruf Wulffs bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann nach: "ich möchte ja nicht drohen, aber das bedeutet Krieg, Sie mieses... Piiieeep", ist da zu hören.
Auch Prominente beteiligen sich an der Wulff-Satire. Schalke-Kicker Hans Sarpei zum Beispiel, der immerhin mehr als 66.000 Fans hat, hat ein gefälschtes Handy-Display an seine Pinnwand gepappt, das "Wulff Christian - Verpasster Anruf" anzeigt. Und dazu passend der Eintrag, sechs Stunden zuvor gepostet: "Um allen Fragen vorzubeugen: Nein, ich stehe für das Amt des Bundespräsidenten nicht zur Verfügung."
Die Satire-Journalisten vom Magazin Titanic sind beim Wulff-Bashing im Netz ebenfalls ganz vorn dabei. Erst zeigte das Magazin in seiner Online-Ausgabe ein Bild von Wulff mit dem Titel "Dieser Milchbubi ist der Bild-Erpresser", aktuell ist unter der Überschrift "Wulff telefoniert weiter" die nächste Karikatur zum Thema zu sehen.
Weihnachtsrede vom Anwalt
Aber auch zahllose Cartoons werden über die Netzwerke rasend schnell im Netz verbreitet. Zum Beispiel dieser zu Wulffs Weihnachtsansprache: Statt des Präsidenten sitzt dort ein glatzköpfiger, bebrillter Mann mit Redemanuskript unter Weihnachtsbaum und Deutschlandfahne, neben sich eine Reihe von Aktenordnern. Darunter der Text: "Die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten, dieses Jahr vorgetragen von seinem Anwalt Dr. H. Spalter."
Das Internet ist voller Fotomontagen und satirischer Bilder, die den Bundespräsidenten mit Hohn und Spott übergießen. Da kursiert ein gefälschter Buchtitel "Vorerst gewütet. Christian Wulff im Gespräch mit Kai Diekmann." - eine Anspielung sowohl auf den Telefonanruf beim "Bild"-Chefredakteur als auch auf das erst kürzlich erschienene Comeback-Buch von Karl-Theodor zu Guttenberg, den Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo interviewte.
"Onkel Wulffs Hütte"
Der Blogger Richard Gutjahr sucht via Twitter mit dem Hashtag #wulfffilme nach den schönsten Wulff-Filmtiteln - und hat bereits seine eigenen vorläufigen Lieblingstitel ausgewählt, darunter: "Bis(s) zum Ende der Amtszeit", "Jäger des verlorenen Anrufs", "The Leihen King" oder "Einer flog übers Eigenheim" oder "Onkel Wulffs Hütte".
Die Seite istchristianwulffendlichzurückgetreten.de versteht sich offenbar als reines Nachrichtenportal. Am Mittwochvormittag zeigt die Seite nur ein Bild von Wulff, versehen mit einem lapidaren Eintrag: "Nein."
Neues Modewort: Jemanden "wulffen"
Manche wollen gar nicht auf den Rücktritt warten, sondern suchen schon jetzt nach einem geeigneten neuen Kandidaten. Unter bundespraesident-gesucht.de darf jeder ganz basisdemokratisch seinen Vorschlag abgeben und auch über andere Vorschläge abstimmen. Dort finden sich unter anderem die Namen Giorgos Papandreou (seit seinem Rücktritt ohne Job), Kim Jong Un (kann angeblich auch Deutsch), oder die von der Leyens (warum nicht mal eine ganze Familie als Bundespräsident?).
Aber auch die letzten verbliebenen Fans des Bundespräsidenten organisieren sich im Netzt Immerhin knapp 300 Fans hat etwa die Facebook-Seite "Gegen die Jagd auf Christian Wulff". Doch auch hier tummeln sich unter den Kommentatoren mehr Wulff-Kritiker als Unterstützer. "Schon lustig, hier versammeln sich offenbar die einstigen Guttenberg-Jünger, um mal wieder einen aus ihren konservativen Reihen gegen die angeblich bösen Medien in Schutz zu nehmen", ist da zu lesen.
Dass der Bundespräsident schon längst zur Witzfigur des Internets geworden ist können die letzten verbliebenen Unterstützer ebenso wenig verhindern wie die Tatsache, dass das junge Jahr 2012 zumindest in der Internetgemeinde schon sein Wort des Jahres hat: "jemanden wulffen" steht ab sofort synonym für "jemandem mit dem Anwalt drohen".
Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt sich in ihrer Position zu Wulff nach wie vor unerschütterlich. Sie stehe trotz der Vorwürfe gegen Christian Wulff hinter dem Bundespräsidenten. „Die Bundeskanzlerin hat volles Vertrauen in die Person und in die Amtsführung von Christian Wulff“, ließ sie Regierungssprecher Steffen Seibert wiederholt verkünden. Er sei ein guter Bundespräsident.
Gerda Hasselfeldt, ist sich sicher, dass der Bundespräsident die Anschuldigungen überzeugend aufklären kann. Sie sei überzeugt davon, dass Wulff „nach einigen Tagen der Überlegung auch zu diesem Schluss kommt“, sagte Hasselfeldt im Deutschlandfunk. Sie wolle ihm zur Aufklärung des Sachverhalts keine Frist setzen. Dies müsse Wulff selbst wissen.
Schützenhilfe sieht zwar anders aus, aber noch hält auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zu Wulff. Er hat in der Diskussionen um die Kreditaffäre mehr Zurückhaltung verlangt. "Wir haben ein hohes Interesse daran, dass das Amt des Bundespräsidenten unbeschädigt bleibt", sagte Schäuble der "Bild am Sonntag". Die Debatten, die im Augenblick geführt würden, seien eine "Belastung für das Amt".
Besorgter äußern sich die Kollegen aus der Koalition. Der FDP-Vize Holger Zastrow erwartet, dass Wulff sich diese Woche erklärt. „Ich finde es auch schwierig, wenn man so jemanden jagt. Aber er ist auch in der Pflicht, das aufzuklären“, sagte der FDP-Politiker im Rundfunksender MDR Info. „Wenn es so sein sollte, dass er als Bundespräsident persönlich zum Hörer greift, einen Chefredakteur anruft, auf die Mailbox spricht, dann ist das nicht die Größe, die ich von einem Bundespräsidenten erwarte“, sagte Zastrow weiter.
Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Aydan Özoguz hat das Vorgehen von Bundespräsident Christian Wulff in der Kreditaffäre recht milde kritisiert. "Dass Herr Wulff nicht sofort reinen Tisch gemacht hat, schadet der ganzen politischen Klasse", sagte Özoguz dem "Hamburger Abendblatt". Sie wünsche sich weitere Aufklärung. Es sei misslich, dass alle Details nur stückchenweise aufgeklärt würden. "Ich möchte, dass er als glaubwürdiger Bundespräsident im Amt bleiben kann", so Özoguz.
Renate Künast schwadronierte zwar ausführlich über das „Amigo-System“ um Bundespräsident Christian Wulff und „trickreiche Umgehungen des Parteispendengesetzes“ - das Wort Rücktritt vermied aber auch sie. Der Druck auf den Präsidenten wachse zunehmend, erklärte die Grünen-Fraktionschefin. Deshalb formulierte sie einen Appell: Wulff müsse endlich klar Schiff machen und sagen, was war.
Nach dem Rücktritt von Christian Wulff als Bundespräsident ist Joachim Gauck der Konsenskandidat von CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne. Das Spezial.
Privatkredit von einem Unternehmer, überraschend günstige Konditionen bei der BW-Bank, Gratis-Urlaub bei Unternehmern, Drohungen auf der Mailbox von Bild-Chef Diekmann - die Vorwürfe gegen Bundespräsident Wulff im Einzelnen.
Politiker reagieren verhalten. Manche fordern ein Ende der Debatte, weil sie das Amt beschädige. Sie meinen tatsächlich die Debatte, nicht das Verhalten von Wulff. Die Reaktionen - das sagen Politiker.
Fragen von Journalisten, die Antworten von Wulff - Dokumentation im durchsuchbaren pdf-Format.
In den Kommentarspalten gärt es dagegen gewaltig. Unsere Presseschau.
In Niedersachen beginnt die politische Aufarbeitung der Vorwürfe gegen Bundespräsident und Ex-Ministerpräsident Wulff: