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Affäre Christian Wulff
Ex-Bundespräsident Christian Wulff arbeitet seine Vergangenheit auf - und bestreitet alle Vorwürfe

21. Februar 2012

Wulff-Nachfolge: "Gauck muss von Gerechtigkeit sprechen"

"Ungeheure Arroganz": Joachim Gauck.  Foto: dpa

Als Bundespräsident dürfe Joachim Gauck nicht nur von Freiheit reden, sondern müsse auch soziale Probleme ernst nehmen, sagt der Theologe und Ex-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer - und wirft Gauck "ungeheure Arroganz" vor.

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Friedrich Schorlemmer, 67, ist früherer DDR-Bürgerrechtler, evangelischer Theologe und Mitglied der SPD. Bis zum Januar war er Mitherausgeber der Wochenzeitung "Der Freitag".

Herr Schorlemmer, Joachim Gauck ist Ostdeutscher, Protestant und ehemaliger Bürgerrechtler. Das müsste aus Ihrer Sicht ein Traumpräsident sein.

Dass jemand, der sein Leben lang gegen Repression und für Freiheit eingetreten ist, Bundespräsident wird, ist erst mal was Gutes. Seine Nominierung ist eine Würdigung des Freiheitskampfes der Ostdeutschen. Dass Gauck auch die innere Einheit wirklich anpackt, scheint mir allerdings unwahrscheinlich. Und das ist schade.

Warum zweifeln Sie daran?

Weil von vornherein ein Signal gegeben worden ist, dass man mit der Linken überhaupt nicht redet. Man muss aber akzeptieren, dass die Linke an vielen Orten der Republik eine Art Volkspartei ist und die demokratischen Regeln einhält. Man kann sich abgrenzen, aber darf sie nicht prinzipiell ausgrenzen. Ich glaube jedenfalls nicht, dass die Bundesrepublik Deutschland durch Gregor Gysi oder Sahra Wagenknecht gefährdet ist.

Ist Gauck zu sehr auf das Thema Freiheit fixiert, wie manche Gegner sagen?

"Auf keinem Auge blind"

Ja, die Bandbreite seiner Einlassungen muss sich noch sehr erweitern. Es ist wunderbar, dass er das Loblied auf die Freiheit singt. Aber er müsste auch das Loblied auf die Gerechtigkeit singen, damit sich alle die Freiheit leisten können. Und wir brauchen einen Präsidenten, der auf keinem Auge blind ist – der also dem Bestsellerautor Sarrazin „Mut“ attestiert, aber zum Desaster unseres Verfassungsschutzes nichts sagt.

Gauck hat die Occupy-Bewegung und ihre Kritik am Finanzmarktkapitalismus „albern“ genannt.

        

Friedrich Schorlemmer beurteilt seinen Pfarrerkollegen Joachim Gauck kritisch.
Friedrich Schorlemmer beurteilt seinen Pfarrerkollegen Joachim Gauck kritisch.
 Foto: dpa

Das war eine ungeheure rhetorische Arroganz. Wir brauchen doch Widerstand gegen Bankenübermacht, wir brauchen dringend Regeln der Marktfreiheit. Was ich grundsätzlich bedauere, ist das Monothematische an Gauck. Wer von der Freiheit spricht, der muss auch vom Brot sprechen, vom Wasser, vom Wetter, vom Frieden.

Kann Gauck das nicht? Oder will er das nicht?

Er hat das einfach nicht so auf dem Schirm. Doch wer ein Moralist ist wie Gauck, der muss auch die moralischen Verwerfungen aufgreifen. Er ist vom Stamme Levi; er wird uns die Leviten lesen! Und ich sage Ihnen noch eins: Dass die Liberalen Gauck wollen, kann ich verstehen. Aber ich würde gerne wissen, was die Grünen an ihm grün finden und die Sozialdemokraten an ihm sozialdemokratisch. Interessanterweise hatte die CDU ja mehrere Kandidaten vorgeschlagen, die links von Gauck stehen.

"Gauck hat mehr Zustimmung im Westen"

Ist es denn ein Fortschritt, dass es ein ostdeutscher Bürgerrechtler an die Spitze des Staates schafft?

Ich glaube, Gauck hat im Westen größere Zustimmung als im Osten. Und Bürgerrechtler ist man entweder immer – oder man ist es nie gewesen. Soziale und bürgerliche Menschenrechte gehören untrennbar zusammen.

Auch die Kanzlerin ist ja nur noch bedingt als Ostdeutsche erkennbar. Würden Sie beide Beobachtungen auf die These zuspitzen wollen, dass Ostler erst dann eine Chance haben im vereinigten Deutschland, wenn das Ostdeutsche an ihnen abgeschliffen ist?

Genau so ist es. Sowohl Merkel als auch Gauck haben sich Mühe gegeben, nicht mehr als Ostdeutsche wahrgenommen zu werden. Andererseits ist es langsam an der Zeit, dass die Herkunft nicht mehr das entscheidende Auswahlkriterium ist. Das sind zwei Leute, die durch sich selbst Zustimmung gewonnen haben. An der inneren Einheit müssen beide allerdings noch arbeiten.

Und wie erklären Sie es sich, dass Frau Merkel Herrn Gauck nicht wollte?

Das weiß ich nicht. Ich weiß nur: Das, was sie zu nüchtern ist, ist er zu emotional. Und diesen übermoralischen Gestus mag sie nicht. Das verstehe ich. Aber vielleicht wachsen Gauck im Amt ja noch neue Fähigkeiten zu, begleitet von einem klugen Beraterteam. Wir werden uns noch wundern – entweder so rum oder so rum.

Das Gespräch führte Markus Decker.

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