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Wulff-Rücktritt: Das Ende seiner Träume

Als Wulff sein Amt antrat.
Als Wulff sein Amt antrat.
Foto: dapd

Christian Wulff verabschiedet sich trotzig von Amt und Bürgern. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel muss wieder einmal einen geeigneten Kandidaten für das höchste Amt finden.

BERLIN –  

Um elf Uhr fünf sagt Christian Wulff den alles entscheidenden Satz: „Ich trete deshalb vom Amt des Bundespräsidenten zurück, um den Weg zügig für die Nachfolge freizumachen.“ Es ist der Satz, auf den viele seit Wochen gewartet haben. Es ist aber auch ein Satz, der bei einem klügeren, ehrlicheren Agieren des Präsidenten gar nicht nötig gewesen wäre. Eine gewisse Tragik liegt über diesem kurzen Auftritt im Schloss Bellevue, in dessen Park die Vögel zum ersten Hauch von Frühling jubilieren.

Christian und Bettina Wulff sind diesen letzten Weg vor die Presse gemeinsam gegangen, nicht Hand in Hand, wie Horst Köhler und dessen Frau bei seinem Rücktritt vor nicht einmal zwei Jahren, aber doch beieinander. Hoch aufgereckt steht sie nun zwei Schritte neben ihrem Mann, die Hände auf dem Rücken verschränkt, das ist ihre Lieblingsposition. Und sie lächelt, während Christian Wulff das Ende all seiner hochfliegenden Ambitionen, seiner Träume, seiner politischen Karriere verkündet.

Von Demut keine Spur

Er gibt nun zu, was seine Kritiker schon lange gesehen haben: dass er nicht mehr in der Lage ist, seinen Aufgaben uneingeschränkt nachzukommen, dass das Vertrauen in ihn nachhaltig beeinträchtigt ist. Auslöser dieser späten Erkenntnis war der am Donnerstagabend gestellte Antrag der Hannoveraner Staatsanwaltschaft, die Immunität des Präsidenten aufzuheben, damit sie gegen ihn wegen Vorteilsnahme ermitteln kann.

Spricht hier nun aber ein reuiger Sünder, der spät, aber doch seine Missetaten zugibt und um Vergebung bittet? Oh nein. Von Demut ist keine Spur zu finden in der kaum fünf Minuten währenden Erklärung des scheidenden Bundespräsidenten. Dafür ist der Trotz zu hören, der Wulffs Äußerungen zu seiner Affäre über die ganzen zwei vergangenen Monate geprägt hat.

Die jetzt anstehende rechtliche Klärung der Vorwürfe werde zu seiner vollständigen Entlastung führen, sagt er. „Ich habe mich in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt verhalten. Ich habe Fehler begangen, aber ich war immer aufrichtig.“ Wenn das aber so ist – warum tritt er dann zurück? Wegen der aus seiner Sicht maßlosen, ungerechten, ungerechtfertigten Kampagne der Medien. Das sagt er zwar nicht so, aber er meint es, denn: „Die Berichterstattungen, die wir in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, haben meine Frau und mich verletzt.“

Er spricht mit fester Stimme, blickt offen in die Kameras, nur beim Sortieren seiner Manuskriptblätter zittern die Hände ganz leicht, suchen dann Halt an den Seiten des schmalen Redepults. An Bettina Wulff ist derweil nicht eine Spur von Unsicherheit festzustellen. Lächelnd nimmt sie auch seine Hommage entgegen: „Vor allem danke ich auch meiner Frau. Sie hat mir immer – gerade auch in den vergangenen Monaten – und auch den Kindern Rückhalt gegeben.“ Für einen Moment blitzt auf, dass es hier neben aller großen Politik auch um das Schicksal einer Familie mit zwei kleinen Kindern geht.

Der nächste Bruch

Sie wurden aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen und nach Berlin verpflanzt, wo sie sich gerade eingelebt haben. Seit Monaten hörten sie viel Unschönes über ihren Vater, und nun gibt es nach kurzer Zeit den nächsten Bruch. Bettina Wulff sieht so aus, als könne sie dem Alltag trotzen, allem Glamourgerede zum Trotz. Als die Wulffs den Saal verlassen, geht er leicht gebeugt und schleppend, sie aber recht stolz hinaus ins neue Leben.

Bis ganz zum Schluss hat Christian Wulff die Dimension seiner Probleme nicht erkannt. Die Italienreise am Anfang der Woche war für ihn ein Erfolg, ein Stück auf dem Weg zurück zur Normalität. Mit der Rede auf der Trauerfeier für die Opfer der Neonazi-Mörder in der kommenden Woche wollte er ein Ausrufezeichen setzen für die offene, bunte Republik, die doch das große Thema seiner Amtszeit sein sollte. Bei aller ehrlichen Anteilnahme für die Opfer und Angehörigen hätte auch diese Rede ihm helfen sollen, ein Stück seiner Reputation wiederzuerlangen, die kleingeistigen Kläffer endlich zu bannen.

Wulffs mögliche Nachfolger

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Noch am Donnerstagnachmittag empfing er in aufgeräumter Stimmung einige Journalisten zum Hintergrundgespräch über Europapolitik im Schloss Bellevue. Alle Welt wusste, dass in diesen Tagen die Staatsanwälte in Hannover über der Frage brüteten, ob sie Ermittlungen gegen ihn einleiten sollten. Christian Wulff scheint das verdrängt zu haben. Oder er rechnete, wie schon in den bisherigen Fällen, mit einer negativen Entscheidung. Die Nachricht aus Hannover traf ihn am Abend jedenfalls völlig überraschend. Er wird dann eine schwere Nacht gehabt haben.

Politischer Scherbenhaufen

Angela Merkel, die Kanzlerin, wird nicht so überrascht gewesen sein. Anders als im Fall Horst Köhlers war der Rücktritt, so gern sie ihn vermieden hätte, absehbar. Das Ergebnis ist freilich das gleiche. Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren scheitert ein von ihr höchstpersönlich für das erste Amt im Staate ausgewählter Mann kläglich. Beide, Wulff aber in noch stärkerem Maße als Köhler, machen sich von dannen und hinterlassen einen politischen Scherbenhaufen.

Die, die nun wieder versuchen muss, die Scherben aufzukehren und zu kleben, sitzt gar nicht weit weg, im Kanzleramt. Angela Merkel hat am Morgen ihre Reise nach Italien abgesagt, mit dem Ministerpräsidenten Mario Monti wollte sie dort über die Schuldenkrise sprechen. Jetzt muss ein Telefonat genügen.

Denn nun muss sie seinen neuen Bundespräsidenten suchen. Und das wird nicht einfach. Die schwarz-gelbe Mehrheit in der Bundesversammlung ist dünn, schon Wulffs Wahl glückte erst im dritten Anlauf. Merkel muss die Opposition überzeugen, ohne ihre eigene Koalition aufs Spiel zu setzen. Die FDP aber ist dünnhäutiger geworden, und in der Union gibt es Sorgen über den Eurokurs. Es stehen Landtagswahlen an.

Es ist ein Spiel, das Merkel gewinnen kann: wenn es ihr gelingt, ohne viel Wirbel einen überparteilichen Kandidaten zu präsentieren. Sie übt das Präsidiale ja gerade in der Schuldenkrise, wenn sie auf Auslandstouren die Europäerin gibt und nicht die Deutsche. Wenn es ihr bei dieser Präsidentenwahl gelänge, Gemeinsamkeit zu erzeugen, es wäre zu ihrem Allerbesten, auch mit Blick auf ihre Chancen bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr. Es kann aber auch sein, dass Merkel verliert, und dann verliert sie viel.

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Autor:  Holger Schmale und Daniela Vates
Datum:  17 | 2 | 2012
Seiten:  1 2
Kommentare:  14
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