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Affäre Christian Wulff
Ex-Bundespräsident Christian Wulff arbeitet seine Vergangenheit auf - und bestreitet alle Vorwürfe

08. März 2012

Zapfenstreich für Wulff : Abschied von Wulff - unter Protest

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Abmarsch: Der große Zapfenstreich ist vorbei. Foto: dpa

Ex-Bundespräsident Christian Wulff ist hoch offiziell vom Stabsmusikkorps der Bundeswehr aus seinem Amt verabschiedet worden. In seiner Abschiedsrede zeigt Wulff fast sogar Humor. Hinter dem Zaun des Schloss Bellevue geraten Polizei und Demonstranten aneinander.

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Mit versöhnlichen Worten, aber unter schrillen Tönen von Demonstranten hat sich der zurückgetretene Bundespräsident Christian Wulff von seinem Amt verabschiedet. Mehr als 200 Protestierende versammelten sich am Donnerstagabend hinter Absperrungen und störten mit Trillerpfeifen und Tröten den Großen Zapfenstreich für Wulff im Park von Schloss Bellevue. Vor allem vor Beginn und in den Pausen zwischen den Musikstücken störte  der Lärm die üblicherweise feierliche Zeremonie.

Die Polizei nahm fünf Demonstranten fest und beschlagnahmte zwei Dutzend Vuvuzelas.

Der scheidende Präsident verfolgte die Zeremonie gemeinsam mit Bundesratspräsident Horst Seehofer und Verteidigungsminister Thomas de Maizière von einem Podest aus. Wulff erschien blass und angestrengt, sein Mund fast wie zu einem Strich zusammengepresst. Seine Frau Bettina saß gemeinsam mit seiner Tochter Annalena in der ersten Reihe der Gäste, eingerahmt von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestagspräsident Norbert Lammert.

Opposition mied die Zeremonie

Der größte Teil des Kabinetts war der Einladung demonstrativ gefolgt, die Opposition mied aus Protest gegen das Verhalten des Ex-Präsidenten die Zeremonie geschlossen. Viele hatten erklärt, Wulff hätte angesichts der Vorwürfe gegen ihn auf diese Ehrung besser verzichtet. Ungeachtet einiger Dutzend Absagen waren  aber mehr Gäste zugegen als bei der Verabschiedung des vor zwei Jahren zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler.

Wulff zeigt Anflug von Humor

Zuvor hatte Wulff auf einem Empfang im Schloss zum letzten Mal als scheidender Präsident das Wort ergriffen und dabei sogar einen Anflug von Humor gezeigt. „Diesen Anlass hatte ich mir für das Jahr 2015 vorstellen können“, sagte er vor etwa 200 geladenen Gästen. „Nun ist es anders gekommen. Als Niedersachse hätte ich es wissen können. Es ist die Region auch von Wilhelm Busch. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.“

Er empfinde Bedauern, aber vor allem Dankbarkeit und Zuversicht, sagte Wulff. Er hoffe, dazu beigetragen zu haben, „dass ein Nachdenken über unser deutsches Wir entsteht“. Die gemeinsame Zukunft hänge davon ab, „dass wir klare Zeichen setzen, wenn unser Zusammenleben und unsere freiheitliche Demokratie bedroht werden – darum war die Gedenkfeier für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt vor zwei Wochen ein so wichtiges Signal nach innen und in die Welt.“

Wulff ging nicht auf die gegen ihn erhobenen Vorwürfe wegen seines Amtsgebarens als niedersächsischer Ministerpräsident ein. Er steht unter dem Verdacht der Vorteilsannahme im Zusammenhang mit Bürgschaften für einen mit ihm befreundeten Filmunternehmer und war u.a. deshalb in den vergangenen Monaten schwerer Vorwürfe ausgesetzt. Er wünsche Deutschland „eine politische Kultur, in der die Menschen die Demokratie als wertvoll erkennen und sich gerne für die Demokratie einsetzen, mit vielen positiven Erfahrungen“, sagte Wulff. Er gehe mit dem Gefühl der Neugier und der Vorfreude auf das, was komme. Er und seine Frau wollten sich weiterhin engagiert für das Land und seine Menschen einsetzen, sagte Wulff.

Seehofer dankt Wulff

Bundesratspräsident Horst Seehofer würdigte als amtierendes Staatsoberhaupt Wulffs nur knapp zweijährige Amtszeit.  Er habe sich vor allem  um ein weltoffenes  Land bemüht und dafür  wichtige Impulse gegeben.     Das mutige Eintreten für die Grundwerte einer offenen Gesellschaft, für Toleranz, für Religionsfreiheit, für die Menschenrechte  sei  eine wichtige Aufgabe, die ein Bundespräsident im In- und Ausland wahrnehmen könne. „Sie, lieber Christian Wulff, haben dies in würdiger Form und ruhigem Ton getan. Sie waren ein guter Vertreter  des modernen Deutschland. Sie haben Deutschland   würdig in der Welt vertreten. Dafür danke ich Ihnen“, sagte Seehofer. Er hob insbesondere die Besuche  Wulffs in Auschwitz und in Israel hervor.  Einen besonderen Dank richtete er an Bettina Wulff: „Sie haben Ihren Mann bei seinen Aufgaben im In- und Ausland in herausragender Weise unterstützt. Die Herzen vieler Menschen sind Ihnen zugeflogen.“

 

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