Es ist fast 16 Uhr, als Erdmuthe Gravenhorst auffällt, dass sie Hunger hat. Da hat die Hebamme schon vier Hausbesuche hinter sich – viermal radeln quer durchs tief verschneite Frankfurt, die voll gepackte rote Tasche auf dem Gepäckträger. Vier besorgte Elternpaare, vier winzige Neugeborene. Das Frühstück liegt mehr als acht Stunden zurück, doch erst jetzt ist Zeit für ein Brötchen. Noch wartet Bürokram im Geburtshaus, am Abend ein weiterer Hausbesuch – erst gegen 19 Uhr ist Feierabend. Falls das Handy nicht noch klingelt, sie nicht noch zu einer Geburt gerufen wird. "Es ist ein Okay-Tag", sagt sie, nicht allzu stressig, ein ganz normaler Arbeitstag für eine freiberufliche Hebamme.
Zehn Stunden lang hat sie die eigenen Sorgen an jeder Haustür ausgeblendet, um ganz bei Frau und Kind zu sein. Zum Beispiel bei Petra, die mit Kaspar erst seit einem Tag aus der Klinik ist. Blass, mit Ringen unter den Augen, sitzt die junge Frau auf dem Sofa, den Säugling an die Brust gedrückt. Die Hebamme setzt sich zu ihr, streicht behutsam über den winzigen Kopf, murmelt beruhigende Worte. Und aus Petra sprudelt es nur so heraus: Wie schrecklich die Geburt war, 26 Stunden Kampf, dann der Notkaiserschnitt, weil die Nabelschnur um Kaspars Hals lag. "Ich hätte nicht gedacht, dass das nach fünf Tagen immer noch so weh tut", sagt sie, die Hand auf den Unterleib gepresst.
Erdmuthe Gravenhorst sitzt auf der Sofakante, Petra zugewandt, hört zu. Seit 15 Jahren ist sie Hebamme. Vielleicht gelingt es ihr deswegen sofort, eine Beziehung zu den Frauen aufzubauen. Dafür zu sorgen, dass die mit ihr, der fast Fremden, ohne Scheu über so intime Probleme wie entzündete Brustwarzen, Inkontinenz oder Verletzungen an der Vagina sprechen. Petra sieht inzwischen schon etwas weniger zusammengesunken aus. Die Hebamme hat sie beruhigt, ihr Schmerzmittel empfohlen. Und Ruhe. "Lasst euch nicht von irgendwelchen Besuchern stressen", sagt sie. "Ihr dürft mit gutem Gewissen egoistisch sein." Petra und ihr Freund Jochen haben ihre Fragen an die Hebamme aufgeschrieben. Wie viel Zeit Erdmuthe denn habe? "So viel ihr braucht", antwortet die. Was tun gegen Kaspars Bauchschmerzen? Was gegen die eiskalten Hände in der Nacht? Soll sie den Kleinen zum Trinken wecken? Fallen die Nabelschnurreste von allein ab?
Die Hebamme weiß Rat. Aus ihrer Tasche kramt sie Kümmelzäpfchen gegen Kaspars Bauchweh. Empfiehlt, nachts Socken über die Hände zu ziehen. Mit Vater Jochen übt sie Babytragegriffe. Dann geht sie mit den Eltern ins Schlafzimmer, lobt das Babybettchen und den Heizstrahler über dem Wickeltisch. "Das habt ihr richtig gemacht."
Kuscheltante mit großer Verantwortung
Sie sagt viele solcher Sätze an diesem Tag. "Das ist ganz normal", zum Beispiel. Oder: "Der Kleinen geht es gut, die entwickelt sich ganz toll." 90 Prozent ihrer Arbeit bestehe darin, den Eltern ihre Ängste zu nehmen, sagt Erdmuthe Gravenhorst später. Trotzdem ist sie nicht nur die nette Kuscheltante. Wie groß ihre Verantwortung ist, wird deutlich, wenn sie von den Fällen erzählt, in denen nicht alles glattlief. Von dem Neugeborenen zum Beispiel, den sie tags zuvor nach ihrem Hausbesuch mit einer Lungenentzündung in die Klinik einweisen musste. Von der Frau, die ihr nach einer Geburt fast unter den Händen verblutete.
Wegen der großen Verantwortung hat sie sich nach Jahren der Festanstellung im Krankenhaus selbstständig gemacht. Auch wenn das heißt, dass sie nach einem langen Tag nachts eine Geburt begleiten muss. Dass sie Arzthelferinnen unterrichten muss, um über die Runden zu kommen. Dass oft samstags eine Wöchnerin Hilfe braucht und sie sonntags Rechnungen schreiben muss. "Ich fühle mich sicherer, wenn ich selbst entscheide, wie intensiv ich eine Familie betreue und nicht zwischen drei Kreißsälen hin- und herhetze und nur hoffen kann, dass bei Frau 1 nichts schiefläuft, während ich bei Frau 3 bin."
Rund 160000 Geburten begleiten freiberufliche Hebammen in Deutschland jährlich, so der Deutsche Hebammenverband. Das ist fast jede vierte Niederkunft. 10500 davon finden in Geburtshäusern oder zu Hause statt.
15700 freiberufliche Hebammen gibt es derzeit bundesweit, doch nur noch ein Viertel von ihnen sind in der Geburtshilfe tätig, die am wenigsten mit dem Privatleben vereinbar und am anstrengendsten ist.70 Prozent üben ihren Beruf nicht mehr in Vollzeit aus, sondern haben noch Nebenjobs – aus finanziellen Gründen heißt es beim Verband.
Durchschnittlich 23300 Euro Umsatz macht eine freiberufliche Hebamme im Jahr. Davon gehen Betriebskosten, Sozialversicherungsbeiträge und Steuern ab. Laut Verband ergibt das bei Vollzeitarbeit ein Nettoeinkommen von 14150 Euro im Jahr beziehungsweise 1180 Euro monatlich. Der Netto-Stundenlohn liegt demnach bei 7,50 Euro.
Für ihre Dienste werden Hebammen von den Krankenkassen teils pauschal, teils nach Einzelleistung bezahlt. Teilweise gibt es einen Nachtzuschlag von 20 Prozent; für die Wege, etwa zu Hausbesuchen, gibt es Kilometergeld. Für eine Beleggeburt, bei der die freie Hebamme mit einer Klinik zusammenarbeitet, erhält sie 237,85 Euro brutto. Damit sind elf Stunden abgegolten. Für jede weitere Stunde gibt es 30 Euro. Hinzu kommen 7,65 Euro für die Erstuntersuchung des Kindes sowie 13 Euro für einen Besuch am Tag nach der Geburt. Für eine Hausgeburt gibt es 548,80 Euro, im Geburtshaus 467,20 Euro.
Die Haftpflichtprämien für Hebammen lagen vor 1981 noch bei 30,68 Euro im Jahr. 2010 mussten sie 3689 Euro für ihre Haftpflichtversicherung bezahlen. Allein in den vergangenen drei Jahren ist die Prämie um 203 Prozent gestiegen. Im selben Zeitraum ist nach Auskunft des Berufsverbandes die Zahl der Hebammen, die in der Geburtshilfe tätig sind, kontinuierlich zurückgegangen.
Der Hebammenverband fordert eine Erhöhung der Honorare um 30 Prozent. Hebammenleistungen machen etwa 0,23 Prozent der Gesamtkosten der
gesetzlichen Krankenkassen aus. (erb)
Elisabeth ist froh, dass sich die Hebamme auch jetzt, gut zwei Monate nach der Geburt, noch regelmäßig Zeit für sie nimmt. Denn die kleine Lucia wurde zu früh geboren, wog nur knapp 2200 Gramm. Als die zierliche blonde Frau im Flur die Hebamme begrüßt, wirken die beiden wie zwei alte Freundinnen. "Sie kommt mir schwerer vor, oder was meinst du?", fragt sie, und hält Erdmuthe Gravenhorst ihre Kleine hin. "Hauptsache sie trinkt gut", beschwichtigt die Hebamme, bevor sie die Säuglingswaage aus ihrer roten Tasche kramt. 4150 Gramm bringt Lucia auf die Waage. Die Frauen sind zufrieden. Lucias Mutter hat Glück gehabt, sie hat Erdmuthe Gravenhorst über gemeinsame Bekannte kennengelernt. In Frankfurt ist es inzwischen ziemlich schwer, eine Hebamme für die Wochenbettnachsorge zu finden. Schon Monate vor dem Geburtstermin müssen die Schwangeren die Telefonlisten abarbeiten – oft ohne Erfolg. Erdmuthe Gravenhorst bespricht inzwischen regelmäßig ihren Anrufbeantworter mit Texten wie: "Bis Ende Februar kann ich leider keine Frauen neu aufnehmen." Das sei einfacher, als ständig verzweifelte Frauen abwimmeln zu müssen.
Wieder kämpft sich die Hebamme durch den Schnee, fast eine halbe Stunde ist sie unterwegs. "Natürlich darf ich nicht daran denken, dass ich das für 26 Euro brutto mache." So viel bekommt die Freiberuflerin pro Hausbesuch, egal wie lange der dauert oder wie weit sie dafür fahren muss. "Ich habe keine Lust, mir von den nackten Zahlen die Freude am Beruf nehmen zu lassen."
Die Freude ist zu spüren, als sie beim nächsten Hausbesuch die fünf Tage alte Mathilda im Arm hält. Obwohl gerade erst aufgewacht, lässt sich die Kleine ohne Protestgeschrei wickeln. Doch gerade als die Hebamme eine neue Windel unter Mathildas Po geschoben hat, blinzelt die Kleine, zieht eine Schnute, läuft rot an und geräuschvoll pladdert der Kot in Richtung Hebammenhände. "Na, du bist mir ja eine", sagt Erdmuthe Gravenhorst und lacht.
Zuvor hat sie wieder in ihrer Tasche gewühlt, nach Notizzetteln, auf denen sie Buchtipps und empfehlenswerte Internetadressen notiert hat. Und nach ihrem Terminkalender, einem abgegriffenen schwarzen Buch, in dem sie gleich den nächsten Besuch bei der Familie notiert. Die Hebamme hat inzwischen gelernt, keine zehn Hausbesuche am Tag mehr einzuplanen, weil es sie zu sehr stresst, nur nach der Uhr zu schauen. Sie hat eine Kollegin, die ihr manchmal Feiertagsdienste abnimmt. Und sie versucht, ein paar Stunden für den Bürokram einzuplanen, damit der nicht automatisch am Wochenende erledigt werden muss. "Ich bin 43, ich weiß, ich muss auf mich achten, wenn ich diesen Beruf noch ein paar Jahre ausüben will", sagt sie.
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