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Kolumne: Gedankenspiele

Die Studie des Soziologen Wilhelm Heitmeyer über „Deutsche Zustände“ sollte uns schockieren. Sie zeigt ein feindseliges, verrohtes Bürgertum.

Ein Gedankenspiel aus unschönem Anlass: Ich stelle mir vor, ein Raunen ginge durch die Republik. Viele Menschen in diesem Land wären beunruhigt, mehr noch, erschrocken. Sie diskutierten leidenschaftlich die Ergebnisse der „Deutschen Zustände“. In der neuen Auflage dieser umfassenden Langzeitstudie kommen renommierte Bielefelder Wissenschaftler um den Soziologen Wilhelm Heitmeyer zu dem Schluss, dass das deutsche Bürgertum verroht. Vor allem Besserverdienende blickten zunehmend feindselig, gar aggressiv auf sozial Schwache und auf Muslime.

Ich male mir aus, die alarmierenden Erkenntnisse produzierten ganz viele Schlagzeilen. Alle Kommentatoren triebe um, was die Forscher mit Hilfe ihrer groß angelegten, repräsentativen Umfrage herausgefunden haben. In meiner Vorstellung höben Zeitungen es auf ihre Titelseiten. Vor meinem inneren Auge kreisten Talkshows um die Frage, wie es sein kann, dass die Untersuchung „Deutsche Zustände“ in ihrem zehnten Jahr dieses Fazit zieht: Zunehmend begegnen Männer und Frauen, die gebildet und gut situiert sind, Hartz-IV-Empfängern, Obdachlosen und Fremden mit eisiger Verachtung. Wohlhabende Bürger in der politischen Mitte stempeln besonders Muslime zu Sündenböcken für den sozialen Abstieg, vor dem sie sich fürchten. In meiner Fantasie treibt die Abneigung gegen Hilfsbedürftige, der Hass auf Muslime nicht nur die Medien um. Er alarmiert auch Politiker aller demokratischen Parteien. Sie überlegen fieberhaft, wie man verhindern kann, dass rechtspopulistische Positionen selbst in Kreisen, die bisher davor gefeit schienen, sprunghaft ansteigen.

Ein Gedankenspiel aus unschönem Anlass – und ohne Chance, der Wirklichkeit auch nur ein wenig nahe zu kommen. Was die Wissenschaftler am Freitag präsentierten, hat bis heute kaum Wellen geschlagen. Ein paar Zeitungsartikel hier, einige Meldungen im Radio oder Fernsehen dort; damit hatte es sich. Von namhaften Amts- oder Mandatsträgern war fast nichts zu vernehmen. Das brisante Thema stößt auf großes Desinteresse.

Dabei kann dieses Land auch anders. Erst vor drei Monaten überschlug es sich, weil ein Bundesbanker in einem krausen Buch mit falschen Zahlen und biologistischen Thesen gegen Türken und Araber hetzte. Für seine menschenverachtenden Ergüsse kassierte Thilo Sarrazin neben dem Applaus ungezählter Bürger zwar auch viel scharfe Kritik von Journalisten, Politikern und Wissenschaftlern. Die große Bühne blieb ihm trotzdem nicht verwehrt. Er verbreitete sich in Spiegel und Bild, trat mit prominenten Gegenspielern im Fernsehen auf, er dozierte vor großem Publikum im Literaturhaus oder Theater. Die Publicity bescherte seinem Buch riesige Auflagen und machte ihn reich.

Hätte die Studie „Deutsche Zustände“ nur einen Bruchteil dieses Hypes ausgelöst, wäre das ein ermutigendes Zeichen. Man könnte daraus schließen, dass Aufmerksamkeit nicht nur erfährt, wer Krawall auf Kosten von Minderheiten schlägt. Man könnte daran ablesen, dass eine wachsame Öffentlichkeit weiß, wie gefährlich es für den inneren Frieden ist, wenn auch Teile der Mitte und der Eliten sich radikalisieren. Man wäre sehr zuversichtlich, dass dieses Land keinen deutschen Jörg Haider oder Geert Wilders hervorbringt – nicht jetzt und nicht künftig. Aber auch das ist: ein Gedankenspiel aus unschönem Anlass.

Ferdos Forudastan ist freie Autorin.

Datum:  7 | 12 | 2010
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