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15. September 2014

Arbeit: Talfahrt der deutschen Löhne

 Von 
Protest der IG Metall. Seit dem Mauerfall können Gewerkschaften immer weniger ausrichten.  Foto: REUTERS

Real sind die Verdienste von 1995 bis 2012 gesunken. Gleichzeitig wurden die Flächentarifverträge löchriger und es kam zu einem Machtverlust der Gewerkschaften.

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Deutschland 1993: Audi lässt in Ungarn ein neues Motorenwerk errichten. Györ habe den Zuschlag wegen „erheblicher Kostenvorteile“ gegenüber ostdeutschen Standorten erhalten, teilt das Unternehmen damals mit. Auch andere Firmen ziehen gen Osten, nach Tschechien, Ungarn oder Polen, wo „billige Arbeitskräfte in Fülle vorhanden“ sind, wie Rolf Demuth, Eigentümer der Möbelfirma Schieder seinen neuen polnischen Standort preist.

Ein Jahr später stellt Arbeitgeberpräsident Klaus Murmann sein Rezept gegen Jobverlagerung vor: Deutschland brauche einen „echten Niedriglohnbereich“, generell gehörten Urlaubs- und Weihnachtsgeld gekürzt, fordert er und prophezeit: „Wenn wir nicht umsteuern, werden wachsende Lohnzusatzkosten immer weitere Arbeitsplätze vernichten.“

Also steuert Deutschland um. Ab Mitte der 1990er-Jahre werden die Gehaltszuwächse immer geringer. Real, also nach Abzug der Inflation, sinken die Stundenlöhne von Millionen Beschäftigten sogar, und zwar über viele Jahre. Das belegt eine Analyse, die das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Uni Duisburg-Essen erstellt hat und die dieser Zeitung vorliegt.

Dramatischer Rückgang für Geringverdiener

In Westdeutschland sind demnach von 1995 bis 2012 die Reallöhne in allen Einkommensgruppen gesunken. Einen dramatischen Rückgang erlebten Geringverdiener: Ihre realen Stundenlöhne stürzten um 20 Prozent ab, Normalverdiener hatten 8,5 Prozent, Besserverdiener 2,3 Prozent weniger.

In Ostdeutschland gab es nach dem Mauerfall zunächst noch starke – viele Forscher meinen zu starke – Zuwächse. Innerhalb von zwei Jahren stieg der mittlere Stundenlohn von 54 auf fast 70 Prozent des Westniveaus, ergab die IAQ-Auswertung. Gewerkschaften setzten inmitten der Einheitseuphorie zweistellige Zuschläge durch.

Danach aber erlitten Geringverdiener in Ostdeutschland wie ihre Westkollegen Einbußen: Ihre Reallöhne sanken von 1995 bis 2012 um 6,3 Prozent. Dass der Rückgang nicht so stark war wie im Westen liege nur daran, dass das Ausgangsniveau im Osten ohnehin sehr niedrig war, erklärt IAQ-Direktor Gerhard Bosch. Deutliche Steigerungen verbuchten nur noch Beschäftigte, die gemessen am ostdeutschen Lohnniveau überdurchschnittlich verdienten – sie hatten rund 20 Prozent mehr. Die mittleren Einkommen blieben nahezu unverändert.

Die Lohnzurückhaltung sollte Jobs erhalten und schaffen. Doch die gesamtdeutsche Arbeitslosenquote blieb über viele Jahre hoch und lag bis 2006 meist über zehn Prozent. In den neuen Bundesländern stieg der Anteil der Jobsuchenden auf fast 19 Prozent – ein in der deutschen Nachkriegsgeschichte beispiellos hoher Wert.

Großes Drohpotenzial

Der Fall des Eisernen Vorhangs hatte der deutschen Industrie ein großes Drohpotenzial gegeben. Einige Firmen verlagerten ihre Werke tatsächlich aus Kostengründen gen Osten. Doch so viele waren es gar nicht. Wichtig war vielmehr, dass Manager glaubhaft mit Verlagerung drohen konnten.

Diese Option habe die Machtverhältnisse zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden zugunsten der Unternehmen verschoben, so Christian Dunstmann, Wirtschaftsprofessor am University College London. Gewerkschaften und Betriebsräte seien gezwungen gewesen, Einschnitte hinzunehmen.

In der alten Bundesrepublik waren Beschäftigte bis 1990 noch relativ gut vor Lohn-Verfall geschützt. Für die meisten Unternehmen war es selbstverständlich, dass sie einem Arbeitgeber-Verband angehörten und ihre Belegschaft nach Tarif bezahlten, sagt Bosch. „Dieser Konsens ist zerbrochen.“ In Ostdeutschland war die Tarifbindung von Anfang an relativ niedrig, in beiden Teilen der Republik sank die Tarifbindung nach der Einheit.

Gleichzeitig wurden die Flächentarifverträge löchriger. Angesichts der prekären wirtschaftlichen Lage in Ostdeutschland akzeptierten Gewerkschaften zunächst dort Öffnungsklauseln in Tarifverträgen. Dieses Modell wurde später im Westen übernommen. Von Tarifstandards abzuweichen wurde normal: Eine Betriebsräte-Umfrage von 2005 ergab, dass 75 Prozent aller Firmen bereits Öffnungsklauseln genutzt haben.

Höhere Rendite erwartet

Unternehmen setzten auch deshalb stärker auf Kostensenkungen, weil ihre Kapitalgeber eine höhere Rendite erwarteten. Bereiche wie Kantinen, Reinigung, Werkschutz, Logistik, IT wurden ausgelagert. Stammbeschäftigte durch Leiharbeiter ersetzt, Verkäuferinnen durch Regaleinräumer. Aus ordentlich bezahlter Arbeit wurden Billigjobs. Die Hartz-Reformen verstärkten den Druck auf Arbeitslose, fast jede Stelle anzunehmen.

Die Deregulierung und Privatisierung in Sektoren wie Post, Verkehr und Telekommunikation führte zu sinkenden Preisen, etwa für Flüge. Aber auch zu sinkenden Gehältern für Postboten, Busfahrer oder Flugbegleiter. „Die Gewerkschaften haben hier einen historischen Fehler gemacht“, sagt Bosch: „Sie haben nicht darauf gedrängt, dass mit der Liberalisierung allgemeinverbindliche Branchentarifverträge eingeführt werden, die einen Wettbewerb über Niedriglöhne begrenzt hätten.“

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Ob die Lohnzurückhaltung Jobs geschaffen hat, ist umstritten. Von 2000 bis 2011 ist jedenfalls die Zahl der Beschäftigten hierzulande langsamer gestiegen als in der Eurozone insgesamt. Darauf weist Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstitut IMK hin. Erst seit der jüngsten Wirtschaftskrise, die Deutschland mit Konjunkturpaketen und Arbeitszeit-Verkürzung exzellent gemeistert hat, entwickelt sich die Beschäftigung hierzulande viel besser als anderswo.

Klar ist: Die Lohnzurückhaltung hat zu einer Umverteilung des Wohlstands in Deutschland geführt. Die gesamten Arbeitnehmerentgelte sind seit 1995 nominal um 40 Prozent gestiegen. Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen dagegen um 73 Prozent.

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