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03. September 2014

Christine Ax: Genießen statt schuften

 Von Christine Ax
Weniger arbeiten: Wer möchte das nicht? Vor allem, da es auch positive Effekte auf Pensionskassen und Gesundheitswesen hätte.  Foto: rtr

Das größte Paradoxon unserer Zeit ist, dass wir es uns trotz des Überflusses an Gütern bisher nicht erlaubt haben, weniger zu arbeiten.

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Arbeitsplätze. Kein anderes Wort fällt häufiger, wenn uns erklärt wird, warum Wachstum zwingend erforderlich ist. Doch der Zusammenhang zwischen Wachstum und Beschäftigung ist keineswegs so einfach und linear wie interessierte Kreise behaupten. Die jüngere Geschichte zeigt, dass die Arbeitslosigkeit zunehmen kann, obwohl das Bruttosozialprodukt steigt und umgekehrt: Es entstehen neue Jobs, obwohl die Wirtschaft kaum wächst. Entscheidend ist, auf wie viele Köpfe die Erwerbsarbeit und das erzielte Einkommen verteilt werden.

Doch sprechen wir nicht nur über Erwerbsarbeit. Reden wir über unser Verständnis von Arbeit. Reden wir über alle unsere reproduktiven Tätigkeiten: Von der Zeit, die wir brauchen, um unseren Körper gesund zu erhalten und zu genießen. Von der Zeit, die wir brauchen, damit Beziehungen gelingen, unsere Kinder ein Zuhause haben, die Zeit für die Sorge um unsere Lieben, wenn sie uns brauchen. Zeit für Hobbys, für Freundschaften, politisches Engagement, für Kultur und Lebensgenuss.

Das größte Paradoxon unserer Zeit ist, dass wir es uns trotz der ins Extreme gesteigerten Produktivität und dem Überfluss an Gütern bisher nicht erlaubt haben, weniger zu arbeiten. Das Gegenteil ist der Fall. Die Arbeitsbedingungen haben sich in den vergangenen 15 Jahren für sehr viele Beschäftigte stetig verschlechtert.

Warum schenkt uns die hohe Produktivität keine Freiheit, wie es das Ziel bedeutender Ökonomen war? Müssen wir tatsächlich verschwenden, um arbeiten zu dürfen? Wer glaubt wirklich daran, dass das in einer Welt mit sieben bis zehn Milliarden Menschen und begrenzten Ressourcen eine realistische Option ist? Was wäre so schlimm daran, wenn wir und unsere Kinder morgen „nur“ genau so viel hätten wie heute? Wenn an die Stelle des Mehr ein Anders träte? Mehr Lebensqualität statt materielles Wachstum – wäre das nicht eine gute Alternative?

Wer die Augen vor den Realitäten nicht verschließt, kann erkennen, dass die Option Wachstum nicht mehr zur Verfügung steht. In den meisten OECD-Ländern hat es sich ausgewachsen. Es ist das natürliche Ergebnis der Tatsache, dass die treibenden Kräfte des vergangenen Wachstums schwächer werden und zur Neige gehen.

Konsum kann schon deshalb in Zukunft keine Triebkraft mehr sein, weil die Wünsche ebenso knapp werden wie die Zeit zu konsumieren. Die Zahl der Menschen in fast allen OECD-Ländern sinkt. Auch in Asien, allen voran in Japan und Korea. Kreditfinanzierter Konsum kann kein Ersatz sein, da diese Strategie im aktuellen System nur schneller in die Krise führt. Dies zeigte bereits der Ausbruch der Finanzkrise 2008 in den USA.

Die Autorin: Christine Ax ist Philosophin und Ökonomin. Sie schreibt und forscht seit über 20 Jahren zum Thema Nachhaltigkeit. Ax arbeitet am Sustainable Europe Research Institute. Ihre jüngsten Bücher sind „Wachstumswahn – Was uns in die Krise geführt hat und wie wir wieder herauskommen“ (gemeinsam mit Friedrich Hinterberger, Ludwig Verlag) und „Eine Reise ins Land der untergehenden Sonne – Japan auf dem Weg in die Postwachstumsgesellschaft“ (Edition Zeitpunkt).

Wir sollten uns diesen Realitäten stellen und in Lösungen denken, statt in Problemen. Für den Bereich Arbeit gibt es eine ganze Reihe von Optionen, die uns aus der Sackgasse herausführen, in der wir uns angeblich befinden.

Um die Bedeutung der Arbeitswelt für unsere Zukunft zu verstehen, hilft ein Blick auf Japan, dessen Bevölkerung jährlich um ein Prozent schrumpft. 2060 werden im Land der aufgehenden Sonne ein Drittel weniger Menschen leben und es muss trotzdem wachsen, denn 240 Prozent Staatsverschuldung schweben wie ein Damoklesschwert über ihm. Japan steuert auf einen Rück- und Umbauprozess zu, für den es kein Vorbild gibt.

Die Ursache für diese Reproduktionskrise liegt übrigens in der Arbeitswelt. Junge Japanerinnen verzichten bewusst auf Ehe und Kinder, weil sich die Existenzbedingungen für die junge Generation verschlechtert haben. Sie müssen die Wahl treffen, ob sie Teil der hochgeachteten Arbeitswelt sein wollen oder Mütter unter meist prekären Bedingungen. Wer sich für die Ehe und Kinder (ein Kind) entscheidet, tut es spät und in der Regel nur für eins. Ein zweites Kind ist schon wegen des privatisierten Bildungssystems für Japans Mittelstand inzwischen unbezahlbar.

Wir produzieren unsere Krise selbst und die gerechte Verteilung von Arbeit (und Einkommen) ist ein Schlüssel für die Wende zum Guten. Es ist das Zuviel und das Zuwenig, das unsere Gesellschaft und uns krank macht. Die Kosten unserer Arbeitswelt sind enorm.

Dabei wäre es so einfach, diesem Teufelskreis zu entrinnen. Wir könnten Schritt für Schritt die notwendige Erwerbsarbeit und das gemeinsam erwirtschaftete Einkommen gerecht auf alle Generationen verteilen. Ich bin mit Professor James W. Vaupel, dem Direktor des Max-Planck-Institutes in Rostock, der Meinung, dass das 21. Jahrhundert vor allem das Jahrhundert einer (generationengerechten) Umverteilung von Arbeit sein muss.

Wir alle sollten deutlich länger, aber auch und vor allem im Durchschnitt sehr viel weniger Stunden pro Woche arbeiten. Ich plädiere für Lebensarbeitszeitkonten in Verbindung mit klaren Arbeitszeitbegrenzungen und für eine begleitende Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Diese sichert über eine großzügige Grundsicherung den Raum für Auszeiten, Weiterbildungsphasen, Familien- und Pflegephasen ab. Das Ziel: Work-Life-Balance.

Nicht nur die Pensionskassen, sondern auch unser Gesundheitswesen würde deutlich entlastetet. Die demografische Falle bliebe uns erspart. Die Grenzen des Wachstums wären einfacher zu respektieren und Klimaschutzziele leichter zu erreichen.

Während nämlich der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Lebensqualität heute extrem fragil und brüchig ist, wissen wir aus vielen Untersuchungen, was Menschen glücklich macht. Der Better-Life-Index der OECD belegt: Beziehungen, Bildung und Gesundheit stehen – sobald die Grundbedürfnisse (das Einkommen und seine Absicherung) befriedigt sind, sehr weit oben.

Menschen brauchen in der Tat Arbeit, aber vor allem solche, die ihnen gut tut, weil sie sinnvoll ist und ihren Lohn auch in sich selbst trägt. Weil sie uns erlaubt, wirklich zu werden. Wir können die Arbeitswelt so gestalten, dass das Glück in und jenseits der Arbeit überwiegt, sobald wir zwei kleine Wörter als Schlüssel für eine gute Zukunft akzeptieren, sie heißen teilen und genug.

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