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Gerechtigkeit
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22. Oktober 2014

Gerechtigkeit: Und wer macht den Abwasch?

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Mit Baby vor dem Laptop: Eine junge Mutter verbindet Familienleben und Erwerbsarbeit.  Foto: imago/imagebroker

Das feministische Netzwerk „Care Revolution“ fordert eine solidarische Arbeitsteilung. Dabei geht es nicht nur allein um die Hausarbeit im klassischen Sinn, sondern auch um die Sorge für sich und andere. Für Samstag, 1. November, plant das Netzwerk ein öffentliches Treffen zum Thema.

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Wer für wen arbeitet, war eigentlich schon immer eine der Grundfragen der Linken. Eigentlich. Denn eine bestimmte Sorte Arbeit blieb meist unberücksichtigt: Wer den Haushalt erledigt, wer Kinder und Alte pflegt, wer kocht und putzt, das wurde zunächst weder in der Arbeiterbewegung noch in der Neuen Linken der 1970er Jahre in Frage gestellt. Schon früh gab es daran Kritik von feministischer Seite. Die Forderungen gingen vom Lohn für Hausarbeit bis hin zu einer anderen gesellschaftlichen Arbeitsteilung.

Derzeit wird die Debatte darum in der Wissenschaft unter dem Stichwort „Care“ geführt. Aber nicht nur dort, auch in aktivistischen Kreisen, erfährt die feministische Diskussion um Sorgearbeit verstärkt Aufmerksamkeit. Rund 70 Initiativen haben sich im März zu dem Netzwerk „Care Revolution“ zusammengeschlossen und fordern eine solidarische Organisation dieser Arbeiten. Am 1. November laden sie in Frankfurt zu einem Treffen.

Der Care-Begriff umfasst mehr als das, was zumeist unter Hausarbeit verstanden wird. Darunter sollen alle Tätigkeiten der Sorge um sich oder andere verstanden werden, egal ob sie zu Hause oder am Arbeitsplatz stattfinden, egal ob ein Erzieher Kindern Schuhe zubindet, eine Ärztin Sterbende begleitet oder eine Mutter für ihre Familie kocht. Dementsprechend geht es um grundsätzliche gesellschaftliche Verhältnisse: „Wie und mit wem wollen wir wohnen? Wie sorgen wir für uns und andere? Wie wollen wir gepflegt werden und wie kann gute Gesundheitsversorgung aussehen?“ Diese Fragen wurden bei einer Konferenz im März in Berlin, die vom Feministischen Institut Hamburg, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Arbeitskreis Reproduktion organisiert wurde, diskutiert. Rund 500 Menschen kamen. Das Treffen versteht das Netzwerk als Auftakt zur „Care Revolution“.

Prekäre Arbeitsverhältnisse

Hinter der Strategie der Vernetzung steht die Analyse, dass die Gesellschaft nicht nur in einer bloßen Wirtschaftskrise, sondern in einer „Krise der sozialen Reproduktion“ steckt. Viele Menschen litten unter prekären Arbeitsverhältnissen und Stress. Durch den Abbau der sozialen Infrastruktur würden etliche Fürsorgeaufgaben wieder zurück ins Private verlagert und dort immer noch vor allem von Frauen übernommen, was häufig zu einer Doppelbelastung führe. „Care ist ein Grundrecht und liegt in gesellschaftlicher Verantwortung“, heißt es in der Resolution der Konferenz.

Deswegen gelte es Sorgearbeit „zu einem zentralen Gegenstand politischer Aushandlung zu machen“. Es geht dem Netzwerk um eine Anerkennung dieser Tätigkeiten, aber vor allem darum, sie so zu organisieren, dass Bedürfnisse der „Geber“ wie der „Empfänger“ im Mittelpunkt stehen und nicht etwa der Profit, der sich damit machen lässt.

Arnold Schnittger hat die Konferenz in Berlin beeindruckt und darin bestärkt, sich mit seinem konkreten Anliegen in dem Netzwerk zu organisieren. „Die Probleme mit der Pflege können wir nicht alleine lösen“, sagt der Hamburger, „sondern nur im Verbund mit vielen Menschen, deren Rechte beschnitten werden“. Schnittger pflegt seinen Sohn Nico, der mit einer Behinderung lebt. Im Laufe der Jahre hat er mit Ämtern und Gesellschaft viele schlechte Erfahrungen gemacht. „Es herrschen untragbare Zustände“, sagt er, „sowohl in der häuslichen als auch in der professionellen Pflege.“ Oft habe er erlebt, dass Angehörige durch Pflege arm werden.

Besonders beschäftigt ihn die Frage, was mit seinem Sohn passiere, wenn er und seine Frau nicht mehr für ihn da sein können. Deswegen hat Schnittger 2008 das Projekt „Nicos Farm“ ins Leben gerufen. Im Dorf Amelinghausen in der Lüneburger Heide soll auf einem großen Grundstück ein Wohnprojekt entstehen. „Dort können dann Eltern mit behinderten Kindern gemeinsam wohnen.“ Werden die Kinder erwachsen, müssen sie nicht in ein Pflegeheim, sondern ziehen innerhalb des Projekts in eine Wohngruppe. Auch ein Streichelzoo ist geplant und die kleine Gemeinde soll in das Projekt einbezogen werden, damit Kontakte geknüpft und Vorurteile gegenüber Menschen mit einer Behinderung abgebaut werden. Derzeit sammelt er weiter Spenden.

Politischen Druck aufbauen

Das Wohnprojekt versteht Schnittger als Teil der „Care Revolution“, als eine Art Pilotprojekt. Es zeige, dass es notwendig und möglich sei, dass Menschen sich gemeinsam organisieren, um ihr Zusammenleben anders zu gestalten. „Revolution ist doch etwas, das von unten kommt. Das entsteht, wenn sich eine Gruppe von Menschen bildet, die nicht zufrieden ist, und es dann eben selbst macht.“ Zum Treffen in Frankfurt wird Schnittger anreisen, um mit anderen über weitere politische Aktionen beraten. „Klar hat jeder ganz bestimmte Erfahrungen und Interessen, aber es klappt sehr gut bisher“, sagt er über die Zusammenarbeit mit ganz unterschiedlichen Gruppen.

Eine Frage ist, wie politischer Druck aufgebaut werden kann. Das klassische Mittel des Arbeitskampfes, der Streik, scheint im Care-Bereich oft nicht weiterzuführen. „Dort wo Menschen existenziell aufeinander angewiesen sind, müssen neue Wege gefunden werden, um Interessen miteinander zu vermitteln“, sagt Alexandra Wischnewski vom Arbeitskreis Reproduktion. Hoffnung zieht das Bündnis aus dem Tarifkonflikt an der Berliner Charité-Klinik. Dort ist es gelungen eine Personalaufstockung durchzusetzen, um zu verhindern, dass immer weniger Pflegende sich um immer mehr Patienten kümmern müssen. „Das Bündnis, das den Streik unterstützt hat, ist im Netzwerk aktiv“, sagt Wischnewski. Langfristig müsse es darum gehen, „die Profitlogik aus dem Krankenhaus zu verdrängen und die Bedürfnisse der Menschen wieder ins Zentrum zu stellen.“

Auf dem Treffen in Frankfurt soll auch darüber beratschlagt werden, wie Kämpfe in anderen Bereichen von Care-Arbeit organisiert werden können. Am 1. Mai 2015 will der Zusammenschluss den „Tag der unsichtbaren Arbeit ausrufen“ und damit die Frage, wer eigentlich für wen, zu welchen Bedingungen, welche Arbeiten erledigt, wieder aufwerfen.

Das Netzwerk „Care Revolution“ lädt zu einem öffentlichen Treffen am Samstag, 1. November, 12 bis 18 Uhr im Frankfurter Studierendenhaus, Mertonstraße 26-28. Die Räume sind barrierefrei, Kinderbetreuung wird angeboten. http://care-revolution.site36.net

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