Aktuell: Terror | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Was ist gerecht?
Gerechtigkeit ist unser Thema. Schwerpunkt der Frankfurter Rundschau im Herbst 2014.

18. September 2014

Gerechtigkeitsspezial: „Wir sollten drüber reden, welche Ungleichheit wir wollen“

 Von 
Blockupy konnte 2012 in Frankfurt nur eine Minderheit mobilisieren.  Foto: Monika Müller

Der Sozialforscher Stefan Liebig von der Uni Bielefeld erklärt, warum Gleichheit ungerecht sein kann und unser Wunsch nach Individualität der Gerechtigkeit manchmal im Weg steht.

Drucken per Mail

Das 20. Jahrhundert zeigt wie kein anderes, wozu es führen kann, wenn Staaten besonders gerecht sein wollen – und Gleichheit unter ihren Bürgern erzwingen. Sie versinken in Gewalt. Im Interview mit dem Gerechtigkeitsforscher Stefan Liebig gehen wir der Frage nach, warum Menschen nach Ungleichheit streben und warum Protestbewegungen scheitern.

Herr Liebig, seit einigen Jahren gibt es Protestbewegungen wie Attac oder Occupy, die die wachsende materielle Ungerechtigkeit auf der Welt scharf kritisieren, warum schaffen sie es nicht, so viel politischen Druck aufzubauen, dass sich etwas ändert?

Diese Bewegungen werden ja zunächst einmal von einer bestimmten Gruppe von Personen getragen. Es sind zumeist Gebildete, die sich mit den jeweiligen Verhältnissen intensiv auseinandersetzen und sich aufgrund eines so gewonnenen Ungerechtigkeitsempfindens engagieren. Damit derartige Bewegungen in einer Demokratie aber tatsächlich politischen Druck aufbauen können, müssen sie Mehrheiten mobilisieren. Bei Stuttgart 21 hatte man das beobachten können, aber auch bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig 1989. Entscheidend ist dabei, ob diese Gruppen auf ein breiteres, in anderen Bevölkerungsgruppen bestehendes Ungerechtigkeitsempfinden bauen können und diese dann auch für ihre Ziele oder ihr Engagement motivieren können. Es sind also zwei Hürden zu nehmen: Erstens, ob auch andere in der Gesellschaft die jeweiligen Verhältnisse als ungerecht empfinden und zweitens, ob diese dann auch bereit sind, sich der Bewegung anzuschließen und politisch aktiv zu werden.

Woran könnte das scheitern?

Einmal natürlich daran, dass ein Ungerechtigkeitsempfinden nicht geteilt wird. Es ist einfach so, dass die Menschen unterschiedliche Gerechtigkeitsvorstellungen haben. Für manche ist eben das, wogegen sich Attac oder Occupy wenden, überhaupt nicht ungerecht. Zum anderen folgt aus einem Ungerechtigkeitsempfinden nicht notwendigerweise politisches Engagement. Eine berühmte Studie hat das schon in den 1930er Jahren verdeutlicht. Damals befragten und beobachteten Maria Jahoda und Paul Lazarsfeld mit ihren Kollegen die Bewohner eines kleinen Ortes in Österreich über ihr Leben in der Arbeitslosigkeit, die Mehrzahl der Einwohner von Marienthal war nämlich arbeitslos geworden, nachdem der einzige Arbeitgeber vor Ort geschlossen hatte. Die Forscher wollten wissen, wie sich die Arbeitslosigkeit und das damit verbundene Ungerechtigkeitsempfinden auf den Alltag der Menschen auswirkt. Und schon damals konnte man zeigen, dass die Erfahrung von Arbeitslosigkeit und Ungerechtigkeit nicht dazu führte, dass die Leute aktiviert wurden, sondern eher dazu geführt hatte, dass sich die Menschen in ihr Schicksal gefügt hatten, ganz fatalistisch.

Lesen Sie das vollständige Interview unserer Gerechtigkeitsserie in der App- und Zeitungsausgabe vom, 18. September.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Dossier

Teilen Sie unsere Vorliebe für Gerechtigkeit! Und bleiben Sie mit unserem dynamischen Lesezeichen auf dem Laufenden.

Anzeige in eigener Sache

Das Buch zum Schwerpunkt

Nach dem großen Erfolg unseres Schwerpunkts hat die FR-Chefredaktion die wichtigsten Beiträge gesammelt und als Buch herausgegeben.

 

Bascha Mika, Arnd Festerling (Hg.): Was ist gerecht? Argumente für eine bessere Gesellschaft, Societäts-Verlag Frankfurt, 248 Seiten, 14,80 Euro.

Diskussion: Was ist gerecht?

FR-Podiumsdiskussion

Was ist gerecht? Darüber diskutieren Linken-Politiker Oskar Lafontaine, Ex-Investmentbanker Rainer Voss und Ökonom Michael Hüther.

Im Dossier: Zusammenfassung der Diskussion.

Brauchen wir mehr Wachstum?
Premium-Fotostrecke

Das Frankfurter Bankenviertel - eine Welt für sich. Schlendern Sie mit uns um die Mittagszeit über Opernplatz, Platz der Republik und Taunusanlage.

Zur Premium-Fotostrecke

Anzeige

Videonachrichten Wirtschaft