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29. August 2014

Jörg Schindler: Stadt, Land, Überfluss

 Von Jörg Schindler
Jörg Schindler war langjähriger Redakteur der Frankfurter Rundschau, bevor er 2012 zum „Spiegel“ wechselte. Im August erschien sein neues Buch „Stadt, Land, Überfluss“ im Fischer Verlag. Der Text ist ein gekürzter Auszug daraus.

Den materiellen Mangel haben wir überwunden. An seine Stelle ist der Mangel an Sinn, an Zweck, an Nutzen getreten.

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Neulich war ich mit meiner Frau in der Eisdiele. Wir hatten es etwas eilig, glücklicherweise war die Schlange nicht allzu lang. Es hat dann trotzdem ein bisschen länger gedauert. Vor uns war eine Mutter mit ihren zwei Kindern dran, vielleicht acht und vier Jahre alt.

„Schau mal, Jonas, die haben auch Butterkeks, das magst du doch“, sagte die Frau zu ihrem Jüngsten. „Öh …“, machte das Kind. „Oder lieber Schlumpfeis? Und guck mal: Nutella!“ „Hmmpfff…“, machte das Kind. „Dann nehmen wir jetzt einmal Butterkeks und einmal Schlumpf“, sagte die Mutter.
„Nein!“, schrie da das Kind, „drei!!!“

Es folgte eine längere Diskussion über das gesundheitliche Für und Wider großer Eismengen, die Vorzüge von Keksstückchen in cremigen Bällchen und mögliche Sanktionen bei fortgesetztem Trotz, die schließlich in einen Kompromiss aus zwei Kugeln mit bunten Streuseln mündete. Als sie über den Tresen gereicht waren, schaute das Kind trotzdem etwas bedröppelt. „Will aber Schokolade!“, rief es im Weggehen.

Ich muss gestehen: Mir geht es gelegentlich wie Jonas, ich kann mich einfach nicht entscheiden. Manche der Eisläden gleich um die Ecke haben inzwischen 40 Sorten im Angebot. Gleichzeitig. Drüben in Westberlin soll es sogar eine Diele mit 99 Geschmäckern geben. Dafür reicht nicht mal ein ausgiebiger Sommer.

Manchmal beschleicht mich ein etwas komisches Gefühl. Würden wir etwas vermissen, wenn es, sagen wir: nur 30 Sorten gäbe? Wer denkt sich die anderen alle aus? Und wieso?

Mich überfordert das Angebot bisweilen. Zumal es ja nicht nur beim Eis immer weiter zunimmt. Im Schnitt besitzt jeder von uns inzwischen 10 000 Dinge. Das ist schön. Nur: Die Hälfte davon liegt, einmal angeschafft, ungenutzt und unbeguckt in der Gegend herum. Dinge, die nicht gebraucht werden, aber Platz brauchen. Weshalb auch unsere Wohnungen seit Jahrzehnten immer größer werden. Und damit teurer. Weswegen wir wiederum mehr arbeiten müssen, damit wir sie uns leisten können.

Alles wird immer mehr. Aber heißt das auch, dass zwangsläufig immer alles besser wird? Der Glaube an ein stetiges Wachstum hat in Ländern wie Deutschland inzwischen zivilreligiöse Qualität. „Probieren Sie mal aus, wie Ihre Umwelt reagiert, wenn Sie mitteilen, dass Sie jetzt nichts mehr lernen möchten, es sei nun mal genug. Oder nicht mehr verreisen möchten, Sie hätten schließlich genug gesehen. Und überhaupt wollten Sie sich nicht mehr entwickeln, Sie seien nun einfach fertig“, schreibt der Soziologe Harald Welzer. Dasselbe gilt für den Unternehmenschef, der seine Renditeerwartung plötzlich nach unten schrauben würde. Für den Bundesligaverein, der statt einer maximalen Punktezahl ein möglichst schönes Spiel zum Saisonziel erklären würde. Oder für den Autokonzern, der seinen Luxuslimousinen freiwillig eine PS-Diät verordnen würde. Das wäre ein Verzicht, der unweigerlich Kursverluste, Fanproteste, Kaufboykotte zur Folge hätte.

Wachstum ist ein Fetisch

Wachstum ist ein Fetisch, dem es zu huldigen gilt. Ihn in Frage zu stellen unerhört. Die Gleichung Wachstum = Wohlstand = Zufriedenheit hat sich wie ein Ohrwurm eingenistet in unseren Köpfen. Dabei geht die Rechnung schon lange nicht mehr auf.

Niemand bestreitet die Notwendigkeit von Wachstum dort, wo Mangel herrscht, wo Menschen nichts zu essen, kein Dach überm Kopf und kein Geld für die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse haben. Was aber ist mit Gesellschaften, in denen die große Mehrheit bereits alles hat?

Die Länder Westeuropas und Nordamerikas haben seit den 1950er Jahren einen historisch beispiellosen Aufschwung erlebt. Zwar waren die dortigen Volkswirtschaften bereits seit Beginn der Industrialisierung kontinuierlich gewachsen, aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg ging es plötzlich steil bergauf – und zwar für Sieger wie für Besiegte.

Eine schlüssige Erklärung dafür lieferte der Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith bereits 1958 in seinem Buch Gesellschaft im Überfluß: Nach dem großen Gemetzel verfügten demnach alle Industrieländer über eine gewaltige, plötzlich nutzlos gewordene Kriegsmaschinerie, die nun schleunigst umgewidmet werden musste, um die Einkommen und Arbeitsplätze von hunderten Millionen Menschen zu sichern. Aus der Kriegsmaschine wurde eine Konsummaschine, die Bedürfnisse weckte, von denen Otto Normalverbraucher nicht einmal geahnt hatte, dass er sie je haben würde. Der Plan ging auf und verschaffte den betreffenden Ländern binnen kürzester Zeit einen exorbitanten Lebensstandard.

Die Sache, warnte Galbraith, habe jedoch einen Haken. Oder besser: zwei. Zum einen treibe die unablässige Produktion von mehr oder weniger nutzlosen Gütern den Staat allmählich in die Armut, weil dieser immer mehr Mittel und Ressourcen an den privaten Sektor verliere. Wichtige Investitionen in Infrastruktur, Kindergärten, Krankenhäuser, Schulen würden so für die öffentliche Hand unbezahlbar. Zum anderen mache die Bedürfnisweckungs-Industrie die Menschen allmählich zu wunschlos unglücklichen Konsum-Junkies, die vor allem eines wollten: immer mehr.

Habgier galt mal als Todsünde. Heute ist sie leider geil. Morgen viel – übermorgen mehr. Wachstum ist für die meisten von uns derart selbstverständlich, dass wir überhaupt nicht mehr darüber nachdenken, ob es auch anders sein könnte und wie dieses andere dann aussähe. Alles wächst, und das ist gut so.
Blöderweise wächst aber halt wirklich alles: auch die Zahl der prekär Beschäftigten, der Multijobber und der überschuldeten Privathaushalte. Staus, Luftverschmutzung und Lärm. Mobbing und Aggression in Internetforen. Der Ressourcenverbrauch und die gerodete oder versiegelte Fläche. Fettleibigkeit, Allergien und andere Unverträglichkeiten im täglichen Leben.

Vor allem aber wächst in Wachstumsgesellschaften eines: die Unzufriedenheit. Es ist verblüffend, wir waren noch nie so frei und individuell und selbstbestimmt. Noch nie stand uns eine größere Auswahl an Arbeits- und Lebensentwürfen zur Verfügung. Und selten waren wir so gestresst und frustriert. Egal, welche Arbeit wir haben: Sie macht keinen Spaß. Egal, wie viel Geld wir haben: Es reicht nicht aus. Egal, wie viel Zeit wir sparen: Sie ist zu knapp. Egal, wie groß die Auswahl ist: Sie macht uns nicht glücklicher. Den materiellen Mangel, der lange unsere Geschichte bestimmte, haben wir überwunden. An seine Stelle aber ist eine neue Form von Mangel getreten – der Mangel an Sinn, an Zweck, an Nutzen.

Verzicht, sagt der US-Psychologe Peter Walsh, bedeute eben nicht zwangsläufig Einschränkung, Askese, Begrenzung. Weniger bedeute vielmehr: „Weniger Dinge, die uns belasten, weniger Stress, weniger Sorgen, weniger Abhängigkeit, weniger Frustration. Dafür aber mehr Freiheit, zu tun, was wir wirklich wollen, mehr Einfachheit, mehr Entspannung“.

Worauf verzichtet man und warum, und was gewinnt man, wenn man freiwillig verliert? Das ist die Frage.

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