Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Was ist gerecht?
Gerechtigkeit ist unser Thema. Schwerpunkt der Frankfurter Rundschau im Herbst 2014.

01. September 2014

Kay Bourcarde: Wachstum - der exponentielle Irrtum

 Von Kay Bourcarde*
Baukräne in Berlin.

Brauchen wir immer mehr Wachstum? Oder lässt es sich auch ohne Wirtschaftswachstum leben? Das diskutieren Ökonomen, Politologen und Gewerkschafter diese Woche auf der "Degrowth"-Konferen in Leipzig - und in der FR. Warum unsere Hoffnungen in das Wirtschaftswachstum stets enttäuscht werden.

Drucken per Mail

Feuerfest GmbH in Bielefeld. Der Metallarbeiter Thorsten Böttcher verlässt die Werkshalle und steigt in seinen neuen 7er BMW. Dann fährt er zu seiner Frau Stephanie, die halbtags als Krankenschwester arbeitet und im 180 Quadratmeter großen Eigenheim der Familie bereits auf ihn wartet. Während des Abendessens diskutieren die Böttchers mit ihren beiden Kindern, ob es im anstehenden Herbsturlaub nach Hawaii oder einmal mehr nach Neuseeland gehen soll.

Zur Person

Die Autoren: Kay Bourcarde ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Instituts für Wachstumsstudien (IWS), hauptberuflich ist er Referatsleiter im rheinland-pfälzischen Arbeitsministerium. Torben Anschau und Christian Tripp sind ehrenamtliche Mitarbeiter des IWS. Hauptberuflich ist Torben Anschau im Institut für sozialpädagogische Forschung Mainz e.V. tätig. Christian Tripp arbeitet im rheinland-pfälzischen Arbeitsministerium.

Die Konferenz: Auf der internationalen Degrowth-Konferenz in Leipzig diskutieren in dieser Woche über 2500 Teilnehmer über eine Wirtschaft, die ohne Wachstum auskommt. Die Konferenz findet zum vierten Mal statt. Die Frankfurter Rundschau holt die Debatte mit Beiträgen von Konferenzteilnehmern eine Woche lang ins Blatt. FR

Diese kurze Szene wirkt sicherlich utopisch. Und doch könnte es sich bei Herrn Böttcher um einen ganz normalen Arbeitnehmer des Jahres 2014 handeln – jedenfalls dann, wenn sich die Wachstumserwartungen der 1970er Jahre erfüllt hätten. Damals wie heute gehen nämlich Politik, Wirtschaft und Wissenschaft mehrheitlich davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) einer ‚gesunden‘ Volkswirtschaft im Mittel um konstante Prozentraten wächst. Auch wenn gleichbleibend hohe Raten den Eindruck einer gewissen Stetigkeit erwecken, steigt bei einer solchen exponentiellen Entwicklung die Wirtschaftskraft aber nicht gleichmäßig an. Denn wie bei Zinsen auf dem Sparbuch gilt auch hier: Je stärker der Ausgangsbetrag durch vorheriges Wachstum bereits gestiegen ist, desto höher fällt der neuerliche absolute Zuwachs aus.

Das lässt sich am Beispiel der deutschen Volkswirtschaft verdeutlichen: 1955 lag das BIP preisbereinigt, also unter Herausrechnung der Inflation, bei knapp 400 Milliarden Euro. Ein jährliches Wachstum von (aus damaliger Sicht bescheidenen) vier Prozent entsprach einem absoluten Betrag von 16 Milliarden Euro. Fünfzig Jahre später lag das BIP bereits bei rund 2 000 Milliarden Euro. Die gleichen vier Prozent hätten damals einem absoluten Zuwachs von 80 Milliarden Euro, dem Fünffachen des Betrages von 1955. Bei konstanter Wachstumsrate bedeutet dies in konkreten Summen also in jedem Jahr einen höheren Euro-Betrag. Die Wirtschaftskraft steigt deshalb nicht nur, sondern deren Wachstum selbst wird immer größer – man könnte daher auch von einem ‚wachsenden Wachstum‘ sprechen.

Viele Wachstumskritiker weisen daraufhin, dass mit der wirtschaftlichen Leistung auch die Umweltbelastung exponentiell zunehme, was in eine ökologische Katastrophe führe. Trotz dieser mahnenden Worte ist Wachstum ein wirtschaftspolitisches Primärziel. Die Wachstumsrate gilt als eine Art umgekehrtes ‚Fieberthermometer‘, das Auskunft über den Gesundheitszustand einer Volkswirtschaft gibt: Normal ist, wenn die Raten konstant bleiben. Sinken sie hingegen, läuft etwas schief.

Kay Bourcarde ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Instituts für Wachstumsstudien (IWS), hauptberuflich ist er Referatsleiter im rheinland-pfälzischen Arbeitsministerium.

Das Erstaunliche am exponentiellen Wirtschaftswachstum – von den einen als unverzichtbar gefordert, von den anderen als unverantwortlich abgelehnt – aber ist nun: Es existiert nicht. Stattdessen wuchs die bundesdeutsche Volkswirtschaft in jedem Jahrzehnt um etwa 300 Milliarden Euro, also linear. Natürlich gab es das konjunkturelle Auf und Ab, wodurch das Wachstum in einigen Jahren etwas über-, in den nächsten Jahren etwas unterdurchschnittlich ausfiel. Doch wie in der Grafik dargestellt, folgen diese Zyklen einem Wachstumspfad, der einer Geraden entspricht. Ein lineares Wachstum aber hat zwangsläufig zur Folge, dass die Wachstumsraten, also das Wachstum in Prozent, langfristig sinken – und zwar unabhängig von verschiedenen Wirtschaftspolitiken oder zwischenzeitlichen Krisen und Aufschwüngen.

Die Grafik zeigt auch, wie sich gemäß früherer Erwartungen das deutsche BIP hätte entwickeln müssen und wie es sich tatsächlich entwickelt hat. Diese Erwartung eines exponentiellen Wachstums weicht von der linearen Wirklichkeit immer stärker ab. Dementsprechend fallen etwa auch die Wachstumserwartungen geradezu ‚chronisch‘ falsch aus: Ein Vergleich der Projektionen nach den Finanzplänen des Bundes mit dem tatsächlichen Wachstum zeigt, dass die Erwartung in 23 von 26 Projektionen deutlich zu hoch angesetzt gewesen ist.

Der permanente Widerspruch zwischen Wachstumserwartung und tatsächlichem Wachstumsverlauf legt die Frage nahe, ob es sich bei dem linearen Trend um ein deutsches Phänomen handelt. Die Antwort lautet: Nein. Anhand von Datenmaterial der OECD konnte das Institut für Wachstumsstudien zeigen, dass sinkende Wachstumsraten kein deutscher Sonderfall sind, sondern typisch für industrialisierte Volkswirtschaften. Nur zwei von zwanzig untersuchten Ländern, nämlich Großbritannien und – bis vor einigen Jahren – Irland, konnten über lange Phasen hinweg mit (niedrigen) konstanten Wachstumsraten aufwarten.

Obwohl also auch bei internationaler Betrachtung lineares Wachstum der Regelfall ist, wird Wirtschaftswachstum bis heute als eine typischerweise exponentielle Entwicklung verstanden. Das Ziel eines in diesem Sinne „stetigen Wachstums“ ist auf Bundesebene seit 1967 im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz verankert. Auf der europäischen Ebene wurden regelmäßig entsprechende Vorgaben ausgerufen und auch gegenwärtig spielt dort das Ziel einer dauerhaften „Rückkehr“ zu höherem Wachstum eine zentrale Rolle bei der Bewältigung der aktuellen Krise in Europa.

Natürlich ist das Muster eines langfristigen Rückgangs der Wachstumsraten weder der Politik noch der Wissenschaft verborgen geblieben. Obwohl die Wachstumsraten bereits seit mehr als fünfzig Jahren sinken, führte dies bislang jedoch nicht zu Zweifeln an der Grundannahme selbst, sondern gibt, wie es beispielsweise in Jahreswirtschaftsberichten formuliert wird, „Anlass zur Besorgnis“ und erfordert entsprechende Gegenmaßnahmen. Damit wird der eigentliche Kern des Problems deutlich: Die realitätsferne Annahme eines exponentiellen Wirtschaftswachstums fordert ein Gegensteuern der Politik heraus, die damit einen Normalzustand wiederherstellen will, den es niemals gegeben hat.

Wachstum gilt als unverzichtbare Voraussetzung, um viele der drängendsten politischen Herausforderungen angehen zu können. Hinter das unrealistische Ziel einer Rückkehr zu dauerhaft höheren Wachstumsraten tritt daher die Suche nach alternativen Wegen zur Bewältigung gegenwärtiger Probleme immer wieder zurück. Wird der ‚exponentielle Irrtum‘ hingegen erkannt, können sich neue Perspektiven auftun und die Politik kann verlorengegangene Handlungsspielräume zurückgewinnen. Dann besteht die Chance, sich von jenem Primärziel zu verabschieden, dem bisher so viele politische Vorhaben untergeordnet werden: Dem Ziel, „endlich“ wieder bessere Rahmenbedingungen für mehr Wachstum zu schaffen.

*mit Torben Anschau und Christian Tripp

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Dossier

Teilen Sie unsere Vorliebe für Gerechtigkeit! Und bleiben Sie mit unserem dynamischen Lesezeichen auf dem Laufenden.

Diskussion: Was ist gerecht?

FR-Podiumsdiskussion

Was ist gerecht? Darüber diskutieren Linken-Politiker Oskar Lafontaine, Ex-Investmentbanker Rainer Voss und Ökonom Michael Hüther.

Im Dossier: Zusammenfassung der Diskussion.

Brauchen wir mehr Wachstum?
Premium-Fotostrecke

Das Frankfurter Bankenviertel - eine Welt für sich. Schlendern Sie mit uns um die Mittagszeit über Opernplatz, Platz der Republik und Taunusanlage.

Zur Premium-Fotostrecke

Anzeige

Videonachrichten Wirtschaft